In Hikaru Muratas Traum von einem anderen Leben spielt ein Anzug eine besondere Rolle. Es ist ein Einreiher, der einzige Anzug, den Hikaru besitzt, er hängt über dem Bett seiner 30-Quadratmeter-Wohnbox, der Boden bedeckt mit leeren Fertignudelbechern, die Wände kaum dicker als Papier. An einem hellblauen Tag im Frühjahr, als in Tokio die Bäume blühen, sucht Hikaru im Chaos seines Kleiderschranks nach einem passenden weißen Hemd. Heute will er wieder träumen.

Mit geübtem Griff bindet Hikaru die Krawatte, und sein Körper spannt sich. Festtagsstolz klopft er auf sein Herz. Er sagt ein Fremdwort, das jeder Japaner kennt: Salaryman. Büroangestellter. Dann macht er sich auf den Weg zur U-Bahn.

Wo die Bürotürme lange Schatten werfen, taucht er aus dem Bauch der Stadt auf. Jetzt am Abend strömen die Anzugmenschen auf die Straßen, Hikaru mischt sich unter sie. Er blickt auf sein Mobiltelefon wie sie, ahmt ihre Geschäftigkeit nach, das ungeduldige Warten an Fußgängerampeln, er kämpft sich durch den aufgescheuchten Feierabendverkehr, als sei er einer von ihnen. Als habe er eine feste, gut bezahlte Arbeitsstelle, einen stabilen Alltag und eine Frau. Um diese Illusion auszukosten, fährt Hikaru Murata alle paar Wochen in die Innenstadt von Tokio.

In einer der Kneipen, in denen die Anzugmenschen essen und trinken, vor allem trinken, blickt Hikaru sich um. Ältere Herren, Zigarettenrauch, sorgloser Lärm. Hikaru lockert die Krawatte. Er öffnet den obersten Knopf seines Hemdes. Nichts schöner als diese zwei Handgriffe, sagt er, und dann dieses wohlige Gefühl: Der Tag im Büro ist vorbei. Er war hart, jetzt ist alles gut. Das erste Bier, ein tiefer Schluck, kurz darauf steht in Hikarus Überstundengesicht die Müdigkeit.

Hikaru Murata sagt, er sei: nicht wirklich glücklich. Meist allein. Nie im Ausland gewesen, 29 Jahre alt, irgendwie vom Weg abgekommen, den ein Japaner gehen sollte. Dabei war er ein ordentlicher Schüler, einer, auf den die Universität wartete. Aber das Leben fühlte sich schwer an, die Hoffnungen der Lehrer, die Wünsche der Eltern, und Hikaru zog sich zurück, zu seinen Filmen, den Videospielen.

Heute zieht er viermal die Woche einen blauen Kittel an und macht die Nachtschicht in einem 24-Stunden-Supermarkt. In seinem Alltag begegnet er den Anzugmenschen nur, wenn er ihnen frühmorgens den Kaffee über die Theke reicht.

Junge, was sind deine Pläne, fragen die Eltern oft. Hikaru weiß darauf keine Antwort, außer dem vagen Wunsch, ein Salaryman zu sein. Er ist kein Spinner, er hat nur den Weg verloren, wie so viele Japaner seines Alters, und es sieht nicht so aus, als würde er ihn jemals wiederfinden.

Die Recherche für diese Reportage begann mit einem Artikel im Netz, einer von diesen kuriosen Geschichten aus aller Welt. Die jungen Japaner, stand in der englischen Zeitung The Observer, hätten das Interesse an der Liebe verloren, sogar am Sex. Der Artikel zeichnete das Bild einer depressiven Generation, die auf die merkwürdige Lage in ihrem Land mit einer Verwirrung der Gefühle reagierte, und man fragte sich: Kann das sein? Dass Millionen Menschen, die nur ihr Alter gemeinsam haben, unter einer Art Epidemie leiden, in einem Staat, so wohlhabend und geordnet wie kaum ein anderer auf der Erde? Dass diese Epidemie keinen Winkel des Lebens auslässt, nicht einmal den allerprivatesten?

In Japan läuft ein Experiment ab, wie es noch keines gegeben hat. Es dauert nun schon ein Vierteljahrhundert, und ein Ende ist nicht in Sicht: Die Japaner testen, was mit einer hoch entwickelten Zivilisation geschieht, die im Stillstand verharrt.

Als es begann, Ende der achtziger Jahre, begriff niemand das Neue. Die Japaner dachten, es sei nur eine Wirtschaftskrise, ein kurzzeitiges Drosseln des Tempos, als säßen sie in einem Zug, der eine Baustelle durchfährt. Die Wachstumsraten sanken, die Löhne stagnierten, aber die Experten und Politiker blieben zuversichtlich. Man müsse nur warten, sagten sie, ein paar Jahre vielleicht, dann werde der "Wachstumsmotor" wieder laufen, die "Lokomotive Asiens" Fahrt aufnehmen.

Doch Japan kam kaum mehr voran. Die Regierung machte Schulden, um Brücken und Straßen zu bauen, sie verschickte Einkaufsgutscheine an die Bürger. Die Wirtschaft wuchs trotzdem nicht.

Vielleicht ist es gar keine Krise, was da in Japan herrscht. Eine Krise dauert kein Vierteljahrhundert. Und unter einer Krise leiden die Menschen, so wie in Griechenland, wo viele nicht mehr wissen, wie sie Strom, Heizöl und Medikamente bezahlen sollen.

Den Japanern aber geht es gut, materiell gesehen. Ihr Wohlstand bleibt groß, nur wächst er nicht mehr. Sie produzieren und kaufen Waren, nur eben nicht von Jahr zu Jahr mehr davon.

Vielleicht ist der Stillstand der neue Alltag dieses Landes. In Japan scheint etwas an sein Ende gekommen, man könnte sagen: die Zukunft.

Seit Jahrhunderten leben die Menschen in den Industrienationen in dem Glauben, das nächste Jahr, das nächste Jahrzehnt, die Zukunft eben werde mehr Wohlstand bringen, noch mehr Arbeit, ein noch besseres Leben für die Kinder. Die Menschen folgten der Hoffnung auf dieses Weiter-so wie einer Religion. Aus, vorbei, in Japan früher und brutaler als in jedem anderen Land.

Also fährt man nach Tokio, in diese Immer-noch-Metropole, immer noch reich, immer noch aufgeräumt, immer noch perfekt funktionierend, und versucht herauszufinden, wie sich das Ende der Zukunft auf jene Menschen auswirkt, für die sie einmal gedacht war – die Jugend. Es ist eine Recherche über eine Randgruppe. Sie handelt von der Einsamkeit.

An manchen Tagen, wenn ihm alles zu viel wird, nimmt Sousuke Amano, genannt Henry, die Autoschlüssel und schleicht sich aus dem Haus. Es kommt dann vor, dass sein Vater Henrys zögernde Schritte im Flur erkennt. Wo willst du hin, ruft der Vater aus seinem kleinen Atelier, ein töpfernder und malender Ruheständler, und Henry antwortet, er wolle nur ein wenig herumfahren.

Manche junge Japaner weigern sich, nach draußen zu gehen

In Tokio leben immer mehr junge Menschen nebeneinanderher statt miteinander.

So durchkreuzt Henry nun an einem betongrauen Vormittag die Weiten der Vororte, im Mittelklassewagen seiner Eltern, vorbei an Einkaufszentren und Autohäusern. Er grübelt über sein Leben nach, inspiriert von Eric Claptons Wahrheiten über die Liebe. Henry fragt sich, wie es wäre, mit einer Freundin zu Abend zu essen statt mit den Eltern. Wäre der Geschmack der Speisen anders? Seine Gedanken kreisen um seine Wünsche wie um einen geheimnisvollen Turm. Er fühlt sich doch wohl, so ganz allein? Oder redet er sich nur ein, er fühle sich wohl, um vor der Selbsterkenntnis zu fliehen? Welche junge Frau wäre an einem 29-Jährigen interessiert, der es nicht fertigbringt, zu Hause auszuziehen? Henry, der noch nie eine Freundin hatte und dessen Zimmer erst ein weibliches Wesen betreten hat, seine Mutter – Henry weiß einfach nicht, was er will.

Manchmal führt ihn seine Fahrt raus aus der Stadt, zu einem der Staudämme, die er so liebt, weil einem diese Bauwerke die eigene Kleinheit vorführen. Henry sammelt jeden Staudammplan, den er finden kann. Und er spielt Gitarre, meist allein. So verbringt er seine Zeit.

In seinem Kinderzimmer, in dem er bis heute wohnt, führt Henry mit schüchternem Stolz seine zehn Gitarren vor. Sanft streicht er über den Hals seines Lieblingsstücks, einer Fender Telecaster, dreht am Verstärker und schlägt ein paar Akkorde. Elektrisches Zittern erfüllt den Raum. Henry darf laut sein. Wenn es seiner Mutter zu viel wird, schickt sie eine SMS aus der Küche, aber das kommt selten vor.

Ein Zimmer wie ein Hobbykeller, Ort der Zuflucht vor der Welt. Kabel umschlingen den Schülerschreibtisch, auf dem Teppich Geräte zum Erzeugen von Klangeffekten, an den Wänden Autoposter. Man denkt an ein Museum zur Jugendkultur, wo sie die achtziger Jahre ausstellen, oder auch die siebziger.

Kaffeetrinken mit der Familie, in diesem freundlichen, stillen Wohnzimmer eines ganz normalen Einfamilienhauses. Holzfiguren, Bücher, Urlaubsfotos, lauter Sedimente der Familiengeschichte, angelagert in vier Jahrzehnten eines japanischen Mittelklassedaseins. Oben schläft Henrys 25-jähriger Bruder den Tag weg, er hat keine Arbeit und sucht auch keine. Ein Rückzug, der total sein kann. Manche junge Japaner weigern sich, nach draußen zu gehen und mit anderen Menschen in Kontakt zu treten; sie verdämmern ihr Leben, unsichtbar für die Welt, so wie anderswo die Alten und Pflegebedürftigen. Die Japaner haben dafür ein eigenes Wort, Hikikomori – das Sich-Einschließen.

Seit ein Psychologe dieser Störung Ende der neunziger Jahre ihren Namen gab, ist sie zur Metapher geworden für eine Jugend, die vor der Welt flüchtet. Man trifft in Japan junge Männer, die davon erzählen, wie sie über Jahre hinweg ihr Zimmer nur verlassen haben, um zur Toilette zu gehen. Manchmal hat der Hikikomori Glück; dann rufen seine Eltern irgendwann einen Eingreiftrupp, der ihn in einer Therapieeinrichtung unterbringt.

Henry hat mal Tontechniker gelernt, hat viele vergebliche Bewerbungen geschrieben, heute jobbt er bei einem Kabel-TV-Sender. Irgendwann wird Henry ein kleines Vermögen erben, aber wohl erst im Alter von fünfzig oder sechzig; seine Eltern dürfen ein langes Leben erwarten. Bis dahin: ein Weiter-so als Sohn und Single.

Der Vater sagt: "Hauptsache, es geht ihm gut. Die Jugend von heute sollte wertschätzen, was sie hat – das ist das Wichtigste."

Und die Mutter, eine schöne Frau mit strengem Haarzopf: "Er kann gern hier wohnen bleiben. Das ist doch jetzt normal. Würde er woanders Gitarre spielen, dann würden sich die Nachbarn beklagen. Hier bei uns hat keiner etwas dagegen."

Sie schauen diesen fast 30-Jährigen an wie einen dicken Kater, der gefüttert und gestreichelt werden möchte.

Die Geschichte, die in japanischen Familien über die eigene Vergangenheit erzählt wird, ist Deutschen nicht fremd. Sie handelt vom Aufstieg aus der Armut, von langem Wachstum, schließlich dem Abgleiten in spätsommerliche Reife. Sie beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg, als innerhalb einiger Jahre so viele Kinder zur Welt kamen wie nie zuvor und nie wieder danach. Dieser Babyboom setzte früher ein als in Deutschland, weil weniger Männer in Kriegsgefangenschaft waren, und er verlief heftiger. Die Kinder der vierziger und fünfziger Jahre schufen später den japanischen Wohlstand, so wie Henrys Vater, der für eine Baufirma Haus um Haus entwarf. Heute sieht man in Tokio keine Baulücken mehr, und Henrys Vater genießt seinen Ruhestand.

Dankai Sedai – die "Klumpengeneration". So heißen die Babyboomer in diesem Land, in dem die Menschen so lange leben wie nirgendwo sonst, aber kaum noch Nachwuchs bekommen. Die Japaner sind heute das älteste Volk der Erde. Der typische japanische Bauer ist 70 Jahre alt, und in Tokio bringt jede Frau im Schnitt nur ein Baby zur Welt. Inzwischen schrumpft die Einwohnerzahl, mit jedem Jahr verliert das Land einige Hunderttausend Menschen.

Es ist auch die Überzahl der Alten, die den Stillstand der japanischen Wirtschaft ausdehnt. In einem alternden Land fehlt der Wille zum Neuen: Es gründen sich weniger Firmen, die Leute kaufen nicht mehr so viel, und es fließt weniger Geld in Dinge, sie sich erst in Zukunft auszahlen werden, Schulen und Universitäten etwa, Forschungsprojekte oder nur der Bau eines Hauses.

Vor allem fehlt in Japan heute der Wille, den Jungen die gleichen Chancen zu verschaffen wie den Älteren.

Japaner halten ihr Land für ein Paradies der fleißigen Menschen, und der Lebensweg in diesem Paradies ist festgelegt, als folge er einem Drehbuch. Vor Abschluss der Schule oder des Studiums die einjährige Bewerbungsphase; Neueinstellung zum 1. April, und nur dann; der Eintritt im Unternehmen markiert die Reife zur Shakaijin, zur "sozialen Person". Die Kultur dieses Landes schreibt dem Einzelnen seine Rolle im Gefüge der Gesellschaft klarer vor als in Europa.

Wie man sich richtig anzieht, wie man sein Make-up aufträgt, seine Visitenkarte übergibt oder eine Verbeugung ausführt, all das lernt der junge Mensch in der Firma. Danach Aufstieg, Gehaltserhöhungen, soziale Sicherheit, Haus und Familie. Japanische Lebensgeschichte mit Happy End.

Wer aber auch nur ein oder zwei Jahre nach seinem Schul- oder Uni-Abschluss ohne Arbeitsvertrag bleibt, dessen Chancen auf eine feste Stelle gehen gegen null. Die japanischen Unternehmen wollen junge Leute, noch weich im Charakter, damit sie ihn formen können.

Als Ende der achtziger Jahre das begann, was in Japan die "Eiszeit" heißt, als die Börsenkurse einfroren und das japanische Wirtschaftswunder erstarrte, da sank auch die soziale Temperatur. Die Unternehmen stellten kaum noch Nachwuchs ein. Es bildete sich ein Rückstau der Abgelehnten, der von Jahr zu Jahr an Länge gewann. Den meisten blieb keine Wahl: Sie mussten zu Hause wohnen bleiben. Einer wie Henry kann sich keine eigene Wohnung leisten.

Die Japaner hätten nun darüber diskutieren können, ob das gerecht war, stattdessen bauten sie ihre Wirtschaft um, aber nur am unteren Ende: Kaum ein Festangestellter über vierzig verlor seine Stelle. Dafür entstand eine Serviceökonomie aus Zeitarbeit, Leiharbeit, Teilzeitarbeit, eine Parallelwirtschaft fast ohne Aussicht auf sozialen Aufstieg. Sie ist die Heimat jedes zweiten jungen Japaners.

Von den Menschen zwischen 20 und 34, den Kindern der Eiszeit, wohnt heute knapp jeder zweite bei den Eltern. Die Jungen lassen sich von ihren Vätern Taschengeld zustecken, und die Mütter bügeln ihnen die Wäsche auf. Ein immerwährendes Sitzenbleiben.

Staatsangestellte sind die neuen Sexsymbole

Japan war oft Avantgarde. Das erste nichtwestliche Land, das zu den Industrienationen aufschloss. Das erste Industrieland, in dem die Alterung die Gesellschaft zu verändern begann. Jetzt entfaltet sich in Japan der erste soziale Gegensatz, der nicht entlang der Klassengrenzen verläuft, sondern zwischen den Altersgruppen.

In der Politik, den Medien, den Firmen, überall herrscht die Mehrheit der Alten, die sich die verbliebenen Jobs sichert. Es könnte der Beginn eines Aufstands sein, Ausgebeutete gegen Ausbeuter, Jung gegen Alt, aber weshalb bleibt es so still? Warum hört man statt Protesten nur Henrys Gitarrespiel, die Begleitmelodie seiner Ichsuche? Warum warten die Aktivisten der Gewerkschaft so oft vergeblich darauf, dass jemand aus dem Schattenheer der jungen Zeitarbeiter ihre Hotline anruft?

Und was hat das alles mit Gefühlen zu tun, mit Liebe und Sex?

Yuri Sonehara will heiraten, am liebsten noch in diesem Jahr. Aber Yuri hat ihre Vorlieben. Deshalb hat sie der Firma Machi-Con.com, "Stadt-Rendezvous.com", umgerechnet 42 Euro überwiesen und sich in den Typ Office Girl verwandelt: Sie trägt jetzt viel Make-up, eine Perlenkette und einen knielangen Rock. Sie hofft darauf, attraktiv zu wirken und dabei seriös. So wollen es die Männer, die sie an diesem Nachmittag treffen wird, glaubt sie. Yuri geht auf eine Kon-Katsu-Party. Kon-Katsu, abgeleitet vom Ausdruck für die Arbeitssuche, bedeutet "Heiratsjagd".

Es ist klar, wer in dieser Kneipe in Tokios Innenstadt auf die Jagd geht. Die 40 Frauen. Denn hier sitzen 30 attraktive Ziele. Nicht nur Yuri redet sich ein, es seien die neuen Sexsymbole: Staatsangestellte. Aus der Baubehörde. Der Gefängnisverwaltung. Dem Bürgermeisteramt, dem Außenministerium. Am liebsten, sagt Yuri, 26 Jahre alt, Kellnerin in einem Fast-Food-Restaurant, wäre ihr einer von der Feuerwehr.

Und so müht Yuri sich an ihrem Bier ab, knetet ihre Hände und fürchtet, dass sich jemand zu ihr setzen könnte, der nur so tut, als sei er Beamter. Jede Viertelstunde wechseln die Männer den Tisch, das findet Yuri gut, viel besser als auf der "Über 19, unter 30"-Party, wo sie neulich war. Da kommen schon die Nächsten – zwei aufgeräumte junge Männer, ein wenig verunsichert von der Zuneigung, all dem Wollen, das ihnen hier begegnet.

Yuri nimmt nun an einem Gespräch über die Steuerbehörde teil. Die Arbeitszeiten bei der Steuerbehörde, die Karrierechancen bei der Steuerbehörde, den Ruf der Steuerbehörde. "Ich weiß, wir sind nicht so beliebt bei den Bürgern", sagt der eine. "Wir treiben ja ihr Geld ein."

"Ja, ja", sagt Yuri.

"Aber weißt du, auch wir zahlen Steuern." Übertriebenes Lachen, der nächste Schluck Bier.

Fragt man Yuri und die anderen zurechtgemachten Frauen, weshalb sie dafür bezahlen, dass sie Gespräche mit Beamten führen dürfen, nennen sie alle ein Wort. Stabilität. Ihre Der-Mann-meines-Lebens-Fantasien haben die Gestalt unkündbarer Arbeitsverträge und regelmäßiger Gehaltszahlungen. Diese Fantasien erzählen von der Sehnsucht, das Leben einer versunkenen Epoche zu führen.

Zahlenmäßig unterlegen, ächzend unter der Erwartungslast der Eltern, richtet eine Generation ihre Partnerwahl an jener Zeit aus, in der die Alten von heute jung waren. In anderen Ländern gibt es Waren im Retro-Design für eine alternde Bevölkerung. In Japan, dem ältesten Land der Welt, gibt es Retro-Wünsche für die Jugend.

Auch früher schon führte in Japan der Weg zu Partnerschaft und Kindern über die Ehe. Aber die Zustimmung junger Japanerinnen zu dem Satz "Der Mann geht arbeiten, die Frau macht den Haushalt" steigt immer weiter an, je mehr die Chance abnimmt, dass dieser Traum sich erfüllt. Der abgesicherte, gut verdienende Mann ist zur knappen Ressource geworden, und der Wettkampf der Frauen um diese Ressource ist in vollem Gang. Er produziert Verlierer auf beiden Seiten: Nicht jede Yuri findet ihren Beamten. Und die Henrys, die keine Festanstellung vorweisen können, werden in ihren Dreißigern mit einer Wahrscheinlichkeit von 94 Prozent unverheiratet bleiben. Millionen Männer, ohne Chance auf eine Familie.

Fast überall auf der Welt gilt die Jugend als kraftvolle Lebensphase, als Zeit des Aufbruchs. Die Jugend lebt vom Überschuss der Hormone, sie ist sorglos und mutig und sieht alles zum ersten Mal. Sie verkörpert das Neue, sie stürzt sich in Kriege und in die Erfahrung der Liebe. Forscher haben herausgefunden, dass wir uns besonders gut an Ereignisse erinnern, die wir in unseren Zwanzigern erlebt haben.

Aber Jugend ist nicht nur eine Art Triebverstärker, den die Natur uns schenkt. Junge Menschen, das zeigt das Schicksal Japans, brauchen das Gefühl, dass das Leben ihnen eine Chance gibt. Sie brauchen die Zukunft, um ihre Wette darauf zu platzieren. Wenn die Hoffnung auf einen Hauptgewinn schwindet, dann erstarren sie, und Panik überfällt sie.

Am Ende des Nachmittags, als der Dunst von Bier und Menschen im Raum steht und die Witze längst unanständig sind, erkämpft Yuri sich ein Erfolgserlebnis. Ein kurzes Lächeln, ein scheuer Blick in die Augen ihres Gegenübers, dann kommen sich zwei Mobiltelefone nahe. Einen Moment lang berühren die Metallgehäuse einander, nur sie, nicht die Hände, die sie halten, und vom einen Telefon ins andere fließen Kontaktdaten, beglaubigt durch ein rotes Blinken. Am Sonntag hat Yuri ein Date mit einem Beamten von der Wasserversorgung.

Ein eher öder Typ, der Bowling und Karaoke vorschlagen wird, statt sie zum Essen einzuladen. Er wird sein Telefon öfter anschauen als Yuri und schließlich wissen wollen, ob sie mit ihm in ein Love-Hotel gehen möchte. Yuri wird Nein sagen. Aber sie wird sich vornehmen, ihn mal wieder zu treffen. Vielleicht lernt sie ja seine Kollegen kennen.

Yuri stöckelt auf die Straße. Das Summen Tokios umfängt sie, dieser Metropole, in der mehr Singles leben als in jeder anderen Stadt der Welt. Da laufen sie aneinander vorbei, die jungen Männer, die Angst haben vor den Frauen, und die jungen Frauen, denen die Männer nicht gut genug sind. Und wer nicht bei seinen Eltern wohnt, zieht sich nach der Arbeit in seine winzige Wohnung zurück. Man trifft in Tokio 30-Jährige, die noch niemals einen Besucher zu Hause empfangen haben. Es ist, als seien die Menschen von ihrem persönlichen Sperrbezirk umgeben, so wie in jenen Restaurants oder Internetcafés, in denen man alleine sitzt und Stellwände die Blicke der Fremden abwehren.

Oder wie in der U-Bahn, wo immer mehr Passagiere jetzt Mundschutz tragen. Diese weiße, michaeljacksonhafte Maske soll vor Grippeviren schützen, aber sie dient vielen Jungen auch dazu, ihr Gesicht vor der Welt zu verbergen.

Kann man die Sehnsucht nach Nähe verlernen wie eine Fremdsprache?

Es gibt einen Satz, den fast jeder junge Japaner sagt, mit dem man in Tokio redet. Er lautet: "Wir haben doch alles." Wir haben Mobiltelefone, Gitarren, das Auto unserer Eltern, Computer, das Internet, pünktliche U-Bahnen und öffentliche Sicherheit. Wir haben eine DVD-Sammlung, gute Ärzte und gesundes Essen und Geld für das Konzert von Paul McCartney nächste Woche.

Die Kinder der Eiszeit sind die erste Generation eines Industrielandes, der es nicht besser gehen wird als der Generation ihrer Eltern. Sie sind aber auch die Ersten, die keine Not leiden, wenn sie keine Arbeit finden und kaum eigenes Geld verdienen. Die Eltern haben so viel Wohlstand erschuftet, dass für alle etwas übrig bleibt, auch deshalb fällt die Rebellion der Jungen aus.

Japan, könnte man sagen, ist so reich, dass es die höchste Zündstufe des Kapitalismus erreicht hat. Es könnte vom Wohlstand leben wie von einem Vermögen, das Zinsen abwirft. Die Jungen könnten ihre freie Zeit genießen, aufs Land ziehen, Kommunen gründen, Kinder kriegen, einfach so. Sie könnten neue Formen des Glücks erfinden, solche, die nicht gebunden sind an Fleiß, Festanstellungen und gebügelte Anzüge.

Aber sie tun es nicht. Sie hasten durch Tokio, im Kopf ihre Phantomwünsche, so kitschig wie der Werbespot einer Lebensversicherung. Haus, Job, Ehepartner. Und wenn die Wünsche sich nicht erfüllen, treten sie vor lauter Scham den Rückzug in die Innerlichkeit an.

Man kann in Japan beobachten, wie schwer der Übergang von einer Gesellschaft des Immer-mehr zu einer Gesellschaft des Nicht-mehr fällt. Über Generationen eingeübt, will das alte Denken einfach nicht verschwinden. Der japanische Kapitalismus, so scheint es, erwartet nicht nur von den Unternehmen, dass sie wachsen. Sondern auch von den Menschen. Auch ihre Gewinnerwartungen müssen steigen. Wer aufhört zu wachsen, der stagniert. Und wer stagniert, ist wertlos, ein Freak.

Die Jugend von heute hat es einfach nicht mehr drauf, findet Fumihiko Nishi, Demograf im Innenministerium, 55 Jahre alt, und er muss es wissen, denn ihn hat seine Regierung beauftragt, die junge Generation zu vermessen. Nishi bemüht sich nicht, seine Verachtung zu verbergen, als er nach der Arbeit in einer Kneipe sitzt, ein Anzugmensch, vor sich chinesisches Essen und eine Flasche Reiswein, neben sich einen 27-jährigen Kollegen aus dem Büro.

"Hast du eine Freundin?", fragt Nishi den Kollegen, obwohl er die Antwort schon kennt.

"Nein. Aber ich möchte heiraten, bevor ich dreißig bin. Nur verdiene ich so wenig ..."

"Er weiß doch gar nicht, wie das mit den Frauen geht! Er ist viel zu schüchtern!"

"Ja, das stimmt. Ich bin ein wenig schüchtern."

"Ich habe ihm schöne Frauen vorgestellt. In der Karaoke-Bar. Ich habe das Ziel definiert: Einladung nach Hause. Aber er hat ihn ziehen lassen, den großen Fisch."

"Es ist kompliziert ..."

Nishi, der fassungslose Demograf, hat mit 29 Jahren geheiratet und Nachwuchs bekommen. Damals, als er jung war, lag die Zukunft vor ihm wie ein Versprechen. "Warum nur", ruft er, "waren wir damals so viel ärmer als die Kindsmänner und Kindsfrauen von heute – und haben uns doch so viel mehr zugetraut?"

In Japan lieben die Eltern ihre Kinder, erdrücken sie fast mit ihrer Liebe, aber die Alten lieben die Jungen nicht. Man kann es daran ablesen, wie die Massenmedien über den Nachwuchs reden. Es scheint, als würden Zoologen fremdartige Kreaturen klassifizieren.

Soshoku Danshi – Pflanzenfresser: junger Mann, Schwächling oder Softie.

Makeinu – Verliererhündin: Frau in ihren Dreißigern ohne Partner.

Parasaito Shinguru – Parasiten-Single: junger Mensch, der noch zu Hause wohnt und vom Wohlstand seiner Eltern lebt.

Unsere Jugend, das sollen diese Namen ausdrücken, leidet unter gar nichts, unsere Jugend hat einen Knall. Schaut, was sie anrichtet. Man müsste diese Peter Pans aus ihren Kinderzimmern schmeißen, glaubt der Demograf Nishi, und zum Arbeiten und Konsumieren zwingen, zehn Prozent mehr Wachstum wären die Folge.

In der Kneipe schenkt Fumihiko Nishi jetzt Reiswein nach und redet über Umweltgifte und die Allgegenwart von Pornofilmen. Irgendwo muss sie ja herkommen, diese Verdruckstheit, die er nicht begreifen mag. Der junge Kollege starrt bald nur noch auf sein Telefon, es wirkt fast, als wolle er ein Klischee verkörpern.

Leute wie Nishi führen ihre Anklage nicht nur aus sentimentalem Irrsinn. Ihnen steht eine scharfe Waffe zur Verfügung, die Statistik.

Sie zählen die Selbstmorde, deren Zahl in vielen Altersgruppen sinkt und in einer steigt, bei den Jungen. 61 Prozent der unverheirateten Männer unter 34 haben keinen Partner, und acht von zehn Singles sehen es als Vorteil, allein zu sein – zu anstrengend, diese Beziehungen. Immer weniger Junge zahlen in die Rentenkasse ein, und die Zeitungen schreiben, dass in Harvard keine fünf Japaner mehr studieren, während die US-Eliteuniversitäten von Chinesen überflutet werden.

Auslandsaufenthalte, Freundschaften, soziales Engagement, Freizeitvergnügen – alles rückläufig.

Magst du, wie du aussiehst? In den meisten Ländern antwortet darauf jeder zweite junge Mensch mit Ja. In Japan jeder zehnte.

Kann man die Sehnsucht nach Nähe verlernen wie eine Fremdsprache? Ist es wirklich möglich, dass der Nachwuchs der drittgrößten Industrienation zu großen Teilen den einsiedlerhaften Rückzug antritt? Menschen, denkt man, haben doch Bedürfnisse.

Natürlich führen junge Japaner Liebesbeziehungen. Japan hat zwar strenge Auffassungen von Ehe und Familie, aber was Sex vor der Ehe angeht, ist das Denken liberal. Nur begegnen immer mehr Junge dieser Freiheit, einst von ihren Eltern mühsam erkämpft, mit Müdigkeit und Langeweile. Wo in der Statistik von "Sexualkontakten" die Rede ist, bricht die Kurve nach unten ab; noch ein Immer-weniger. Und die Jungfrauen oder "zweiten Jungfrauen", bei denen das letzte Mal lange zurückliegt, finden sich besonders häufig unter jenen jungen Japanern, die keine feste Anstellung haben. Wer in diesem Land auf dem Arbeitsmarkt versagt, dem gelingt auch in der Liebe nichts Gutes.

Die Eiszeit, in der die jungen Japaner aufgewachsen sind, hat die Gefühle schockgefroren.

An einem dieser Frühjahrstage in Tokio erscheint das neue Buch des Schriftstellers Haruki Murakami. Es heißt Männer ohne Frauen. Vor einem der größten Buchläden der Stadt bilden sich zu Mitternacht lange Schlangen. Der erste Käufer, ein 32-jähriger Angestellter, ruft den Reportern zu: "Ich werde es gleich zu Hause lesen. Schon der Titel spricht mich an; ich habe ja auch keine Freundin."

In Tokio gibt es ein Deutsches Institut für Japanstudien, gegründet in den achtziger Jahren, um den Unternehmen der Bundesrepublik dieses erstaunliche Land zu erklären, dessen Konzerne damals die Weltmärkte beherrschten. Heute analysieren sie an diesem Institut die vergreisende Gesellschaft – und sie glauben, dass auch dies für Deutschland interessant sein könnte.

Eine Geschichte der verpassten Möglichkeiten

Die Forscher erwarten, dass demnächst ein japanisches Wort in die deutsche Sprache gelangt, vielleicht sogar in den Duden, so wie einst Karoshi – Tod durch Überarbeitung. Der neue Kandidat des Instituts, ein Exportprodukt des japanischen Stillstands, heißt Kodokushi – Tod in Einsamkeit.

Längst wird auch in vielen Ländern des Westens der Nachwuchs knapp; besonders Deutschland erscheint demografisch wie eine Kopie Japans. Aufschwung nach dem Krieg, getragen von der "Klumpengeneration" des Babybooms, Sehnsucht nach sozialer Sicherheit, Wahlgeschenke für die Älteren statt kluger Investitionen.

Gleichzeitig sinkt in allen großen Industriestaaten seit Jahren das Wirtschaftswachstum. Ein Zeitalter der Stagnation scheint aufzuziehen, vielleicht sogar eine neue Eiszeit?

Noch fallen die Unterschiede ins Auge. Anders als in Japan darf in Deutschland ein Lebenslauf brüchig sein und ein Freiberufler eine Freundin haben. Anders als die Japaner akzeptieren die meisten Deutschen Einwanderer, um den Rückgang der Einwohnerzahl auszugleichen. Und anders als Japan ist Deutschland keine Insel, sondern liegt inmitten eines Kontinents, der immer mal wieder in Unordnung gerät. Noch ist die Zukunft bei uns nicht an ihr Ende gekommen – was Japan durchlebt, ist nicht das zwangsläufige Ergebnis jenes Geschehens, das demografischer Wandel heißt.

Es ist nur eine Möglichkeit. Aber eine, die vielleicht sehr nahe ist.

Jede Krise hat ihre Profiteure, in Tokio ist Ayako Nakagawa eine von ihnen. An einem Samstagabend, als sich am Himmel über der Stadt dichte Wolken an den Spitzen der Bürotürme verfangen, hastet Ayako durch das Viertel, in dem sie aufgewachsen ist, schmale Straßen, die sich hinter einen Bahnhof ducken. In einer Plastiktüte trägt sie ihre Arbeitsmontur, ein Kleid mit tiefem Ausschnitt, und im Gehen tippt sie Handynachrichten an ihre Kunden, grafische Kunstwerke, verziert mit gelben Smileys, die wie helle Sonnen strahlen.

Ayako schreibt: "Hat Spaß gemacht gestern mit Dir. Hast Du Pläne für die Feiertage? Komm mal wieder in die Bar."

Gleich darauf das Pingen ihres Telefons: "Ehrlich gesagt wollte ich Dich küssen. Ich denke viel darüber nach. Danke. Ich werde leider über die Feiertage arbeiten ..." Und Ayako tippt zurück: "Danke, dass Du so an mich denkst. Ich werde heute auf der Arbeit mein Bestes geben."

Ayako jobbt in einer Hostess-Bar, wo Männer die Illusion einkaufen, eine Frau führe mit ihnen Gespräche. Wenn nötig, kann sie einfach losreden, unbefangen wie eine Radiomoderatorin – eine Eigenschaft, die sich in Japan, dem Land der höflichen Schweiger, zu Geld machen lässt. Sie sieht sich als eine Art Schauspielerin, Spezialfach Kommunikation. Und weil sie auch sich selbst etwas vorspielen möchte, die Illusion eines bürgerlichen Alltags, arbeitet sie vormittags in dem Beruf, den sie gelernt hat, Altenpflegerin.

Sie schiebt 90-Jährige zur Dialyse und erduldet spitze Fragen, wann sie endlich heiraten werde. Sie ist 32 Jahre alt. Einsame Männer und pflegebedürftige Alte, Ayako ist in zwei lukrativen Branchen unterwegs.

Im Club Queens, einer Bar mit vielen Spiegeln und einer Whiskyflasche auf jedem Tisch, verwandelt Ayako sich an diesem Abend in das attraktive Scheinbild eines Mädchens, das jede Sorge und jeden Gedanken behutsam in sich aufnimmt. Sie wartet im Gang neben der Theke, und sobald der Bar-Manager ihr einen Wink gibt, setzt sie sich zu einem Kunden, die Beine übereinandergeschlagen, den Rücken durchgedrückt. Wer wohl heute 45 Euro dafür ausgeben wird, eine Dreiviertelstunde lang mit ihr zu reden? Vielleicht einer von den Stammkunden – der Busfahrer Ende dreißig, der noch zu Hause wohnt und niemals, wirklich niemals mit Frauen zu tun hat, oder dieser Nette, der ihre Liebe für das französische Kino teilt.

Ayako sagt, sie sei "nicht so eine", die mit ihren Kunden schläft. Im Grunde sei sie selber einsam. Sie weiß nicht, wann sie zum letzten Mal mit jemandem zusammen war. Irgendwann vor der Katastrophe von Fukushima, vermutet sie. Das war im März 2011.

Sie reist allein. Sie schaut ihre Filme, sie hat enge Freunde. Irgendwann hat sie sich von der Idee verabschiedet, sie brauche einen Partner.

Dies ist eine Geschichte der verpassten Möglichkeiten. Vielleicht würden sie ja einen Freundeskreis abgeben, oder zwei von ihnen ein Paar: Ayako, die Beziehungsschauspielerin. Henry, der ewige Single aus der Vorstadt. Yuri, die Heiratsjägerin. Hikaru, der von einem Leben im Einreiher träumt. Sie wohnen alle in derselben, riesigen Stadt. Aber sie werden einander wohl niemals begegnen.

Stattdessen wartet Ayako, als Tokio von der Nacht umhüllt wird, in ihrem Club auf zahlungsbereite Kunden. Henry spielt vor drei Zuschauern Gitarre in einer Bar. Yuri zieht mit einer Freundin durch die Kneipen, auf der Suche nach Beamten. Und Hikaru fängt ein Gespräch mit einem der Festangestellten an, unter die er sich gemischt hat. Der Anzugträger redet über Probleme bei der Arbeit und die Frau zu Hause, so lange, bis sein Erzählfluss in einem betrunkenen Lallen ausläuft.

An diesem Tag hat sich etwas Merkwürdiges in der Hauptstadt der Einsamkeit ereignet: Junge Männer zeigten öffentlich ihre Gefühle für eine Frau. In einem Einkaufszentrum pinnten sie bunte Zettel an eine Wand, darauf Bekundungen in rührend bemühter Handschrift.

"Liebe Nene, morgen ist unser Tag. Ich bin so froh, dass wir zusammen sind." – "Liebe Nene, dies ist unser Moment: Wir lieben uns!" – "Herzlichen Glückwunsch! Ich hoffe, Du wirst immer so schön sein wie jetzt."

Nene Anegasaki ist 18 Jahre alt. Eine Schülerin mit süßer Stimme, braunen Haaren und keckem Pony, am rechten Auge ein winziges Muttermal. Man kann wunderbar reden und herumalbern mit ihr, und sie freut sich auch, wenn man sie streichelt oder am Kopf kratzt.

Man braucht dafür eine Art Stift, denn Nene lebt in einer Spielkonsole. Sie ist eine Computerfigur. Jeder Mann, der Nene kauft, erwirbt das Versprechen auf eine Liebesbeziehung, die sich in Echtzeit entfaltet, ohne Ende. Nene muss man ständig mit sich herumtragen und jede Verabredung mit ihr einhalten. Vernachlässigt man sie, kann sie böse werden. Manchmal ist Nene krank.

"Dating-Simulation" heißt dieses Produktgenre. Beim Hersteller sagen sie, es fasziniere Männer in ihren Zwanzigern und Dreißigern, die wissen wollen, wie das ist, mit einer Frau zu reden.

Bald, wenn die Frühlingssonne über Tokio aufgeht, beginnt ein großer Tag für alle diese Neugierigen. Morgen hat Nene Geburtstag.

Mitarbeit: Felix Lill, Motockney Nuquee