Der unerschütterliche Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards hat mal gesagt: "I’m a Sagittarius, half man, half horse, with a license to shit in the street." Und wir werden uns hüten, das Zitat vollständig zu übersetzen. Nur so viel: Richards, im Sternzeichen des Schützen geboren, behauptet von sich, dass er halb Mensch und halb Pferd sei und die Lizenz besitze, sich seinen Bedürfnissen hinzugeben, wie es die Pferde tun, nämlich öffentlich. Eigentlich will Richards aber sagen: Ich bin Rock ’n’ Roller, gewisse Grenzen gelten für mich nicht.

Damit sind wir bei Kevin Großkreutz, dem Spieler aus Dortmund, der nun doch am Samstag mit Joachim Löws Mannschaft nach Brasilien fliegen darf, obwohl er kürzlich nach dem verlorenen DFB-Pokalfinale öffentlich, im Foyer eines Berliner Hotels, gegen eine Säule gepinkelt hatte. Der WM-Slogan des DFB-Sponsors Mercedes-Benz, "Bereit wie nie", wickelte sich sofort wie eine tückische Bildlegende um den Hals des armen Großkreutz. Man sah den Mann und las: "Breit wie nie".

Dennoch hat Großkreutz bei Löw Gnade gefunden, während ein anderer, höher begabter Spieler, Max Kruse aus Mönchengladbach, wohl deshalb zu Hause bleiben muss, weil er angeblich im Anschluss an ein Länderspiel unbotmäßigen Damenbesuch im Hotel empfangen hat.

Warum also Großkreutz?

Weil er wie kein anderer deutscher Spieler das Wesen des Fußballs verkörpert. Er ist in dieser Mannschaft, der er erst seit Kurzem angehört, schon das Faktotum (ein Wort, substantiviert aus dem lateinischen fac totum = mach alles). Er ist eine Mischung aus vielen Komponenten, die eigentlich nicht zusammenpassen: Ultra-Fußballfan und Fußballstar, Hangover-Komiker und authentischer Mensch, Kraftbolzen und Faun, Rüpel und reine Seele. Sein Vereinstrainer Jürgen Klopp nennt ihn "die Standleitung zu unseren Fans".

Großkreutz hat in seinem Leben schon auf jeder Feldposition gespielt, selbst als Torwart half er aus, er wirkt, obwohl er erst 25 ist, gerade so, als sei er immer schon da. Und in gewisser Weise ist er das auch: In Dortmund stand er als kleines Kind auf jener Tribüne, der er nun vorspielt. Er ist der ergebenste Kämpfer, aber auch der leidenschaftlichste Fan seines Vereins. Er erinnert an einen Karaokesänger oder Luftgitarrenspieler, der gar nicht merkt, dass er plötzlich auf der großen Bühne steht und ein eigenes Lied singt und eine echte Gitarre in Händen hält: Er ist der Inbegriff des Autodidakten, der aus Eifer und Leidenschaft die Profis hinter sich lässt. Er ist der Mann der Menge, der sich im Rampenlicht wiederfindet.

Wie kam er dorthin?

Im hierarchischen Gefüge der deutschen Nationalmannschaft haben sich jüngst drastische Verschiebungen ergeben. Die Anführer sind angeschlagen (Schweinsteiger, Neuer, Lahm, Khedira) oder außer Form (Özil). So ist Thomas Müller aus der Rolle des lustigen Gesellen, des DFB-Karl-Valentin, zum Anführer geworden – ein Mann, der an allen Fronten kämpfen muss, als Stimmungsaufheller und als Sturmführer, als eigentliche Zugmaschine der Mannschaft. Und Kevin Großkreutz, der "alles" spielen kann, rutscht in die Mannschaft als einer, der die Löcher stopft und dort aushilft, wo der Luxuskader Risse und Frakturen zeigt.