Da stehen sie also am Pier, dünne Beine, faltige Arme, die Brust gesprenkelt von Altersflecken. Gleich wird der Startschuss fallen, dann werfen sie sich in die Fluten, wie sie es immer tun im Juni, seit 70 Jahren schon. Das ist vielleicht eine Männerfreundschaft! Es gilt, den andern auszustechen, notfalls mit dubiosen Methoden. Da werden Schwimmflossen angelegt, Verwandte zum Anfeuern verpflichtet, oder man versteckt die Badehose des anderen. Nur fünf Minuten braucht Regisseur Owen Trevor in Two Laps, um die Verbundenheit zweier Menschen durch die Jahrzehnte darzustellen. Eine Lebens- und Freundestreue, illustriert durchs Exerzitium eines skurrilen Schwimmwettstreits.

Der Kurzfilm sei die "offenste, experimentellste, mutigste, reaktivste Filmkunstform", schreiben die Kuratoren des Internationalen Kurzfilmfestivals Hamburg, und die Auswahl dieses Jahres belegt das in exzellenter Weise. Wer sich sattgeschaut hat an den Materialschlachten des Blockbusterkinos, kann hier eine so unterhaltsame wie anspruchsvolle Konzentrationsübung entdecken.

Die erzählerische Reduktion aufs dramaturgische Maximum gelingt, weil die Konstellationen erst einmal einfach sind. In Ilker Çataks Minikomödie Alte Schule geht ein Taschendieb im Bus an die Arbeit. Anschließend packt ihn die Reue, er spürt sein Opfer auf, um Brieftasche und Ausweise zurückzugeben. Das Ganze ließe sich zu einer schlichten Romanze schnüren, aber wie die Geschichte dann aus dem Ruder und in moralisch kniffligen Bahnen weiterläuft, das hat einen gesellschaftskritischen Schliff, den man bei vielen langen Erzählwerken vermisst.

Oder Peter Baumanns für den Studenten-Oscar nominierter Film Border Patrol. Deutsche Grenzpolizisten wollen nach Hause, die Übertragung eines Länderspiels wartet nicht. Und ausgerechnet an so einem Abend muss sich einer erhängen im Wald. Kann man das Problem nicht unbürokratisch lösen? Wie wäre es, wenn man die Leiche einfach hinüberschaffte nach Österreich? Sollen sich die Kollegen dort doch den Feierabend mit Papierkram vermiesen. Das Geniale an dieser Posse: Erst mal wirken alle deppert, am Ende stehen die Beteiligten aber als raffinierte Gauner da. Was wir hier sehen an Ausgebufftheit der Figuren, wird lässig und mit knapper effizienter Geste eingefädelt. Es gibt Pointen mit War-ja-irgendwie-klar-Effekt und jene, die sich tatsächlich als kleiner ästhetischer Schock erweisen. Da blitzt dann Erkenntnis auf, verbunden mit Amusement. So ist das in dieser zu Recht hochgelobten Arbeit.

Mit knappem Budget ist Filmarbeit mühsam. Illustrieren oder mit Puppen arbeiten ist eine Alternative. Auch in diesem Segment ist das diesjährige Festival außerordentlich gut. Es gibt minutenkurze Arbeiten wie The Doped Horse Versus the Undoped Horse von Simon Schnellmann. Eine surrealistische Übung über das Unrecht, das all jene ereilen kann, die nicht auf der Höhe der Zeit agieren. Das ungedopte Pferd hat in diesem Wettbewerb immer das Nachsehen. Und auch hier gibt es eine deftige Pointe. Nur so viel sei verraten: Unsere mit politischer Korrektheit abgeschmeckte Ernährung hat eine Schattenseite.

Man kann dieses Filmfest auch als Akademie begreifen, es gibt Seminare und Diskussionen. Die Filmwissenschaftlerin Dagmar Brunow zum Beispiel bietet einen Workshop zur Stilistik des Queeren an, ein Begriff, mit dem sich vertrackte genderkritische Diskurse führen lassen, den man aber auch braucht, um sich Conchita Wurst zu erklären. Mit queer ist nicht nur ein schwules, bi- und transsexuelles Formenarsenal gemeint, sondern auch das Verfahren einer Machtverhältnisse verunsichernden Kunst.

Und um kreative Verunsicherung geht es doch letztlich auch im Kino. Kurzfilme sind in diesem Sinne ein mutiges Medium. Sie gehen schnell aufs Ganze.