Zwiefach stand mir jüngst die Linkspartei vor Augen. Zur Europawahl plakatierte sie RÜSTUNGSEXPORTE STOPPEN! Das bezeugte nationale Verantwortung, denn die deutschen Siege an der Rüstungsfront sind eine nationale Schande. Keine parlamentarische Kraft spricht das so kompromisslos aus wie die Linke.

Allerdings las ich am 20. Mai in der Berliner Zeitung einen Text von Christian Siepmann. Der Reporter berichtete aus Wolgast. Die dortige Peene-Werft war 2012 insolvent, wurde aber gerettet. Der neue Eigentümer, die Bremer Lürssen-Gruppe, lässt nun Kriegsschiffe bauen. Von der Bundesregierung lizensiert, gelangt die deutsche Wertarbeit sodann in Kriegs- und Krisengebiete. Dankbar verlautbarte der Wolgaster Linke-Politiker Lars Bergemann: "Durch diesen Mega-Auftrag gibt es wieder eine Perspektive für viele Familien in Wolgast und Umgebung. Kaufkraft bleibt in der Region, und Fachkräfte finden hier Arbeit."

Nun bestürmt den sozialbewussten Genossen Bergemann ein steifer Berliner Gegenwind. Jan van Aken, Bundestagsabgeordneter der Linken, nannte Bergemanns Position "wirklich schändlich". Jobs seien kein Argument für Beihilfe zum Mord. Van Aken war Biowaffen-Inspektor der UN und kürzlich in Syrien. Er machte bekannt, dass dort Raketen aus deutsch-französischer Produktion zum Einsatz kämen, und dekretierte: "Du musst dir als Arbeitnehmer überlegen, ob du weiter an Mordinstrumenten mitarbeiten willst." Wie volksfern! Lokalpolitiker wird man mit solch unproletarischem Hochmut nicht.

Eine meiner ersten ZEIT-Reportagen führte mich 1992 nach Wismar. Auch dort, auch damals herrschte Werftenkrise. Am Tor der Mathias-Thesen-Werft fragte ich Arbeiter, ob sie notfalls Kriegsschiffe bauen würden. Ich erntete ehrverletzte Entrüstung und ein klares Nein. 1999 besuchte ich den greisen Stefan Heym. Wir sprachen über DDR-Illusionen und die Schimäre Klassenbewusstsein. "Ist nicht", fragte ich, "die Arbeiterklasse die reaktionärste überhaupt? Nur Bauch, nur Ego, kein Weltbegriff." – "Nein", verwies mich Heym, "das können Sie nicht sagen. Arbeiter, das sind die, die mit wenig Geld ihr Leben fristen müssen und eine Familie gründen und die menschliche Rasse fortführen. Vielleicht haben wir ’n bissl zu viel erwartet – also, ich."

Ich nie. Vor hundert Jahren kannte der kaiserliche Waffenrassler "keine Parteien mehr", sondern "nur noch Deutsche". Nation schlug Klasse, Europas Arbeiter mordeten Arbeiter, Dichter schlachteten Dichter, Wissenschaftler massakrierten Wissenschaftler. Vor fünfzig Jahren schnulzte die SED-Macht: SOLIDARITÄT IST DIE ZÄRTLICHKEIT DER VÖLKER. Ich achte, dass die Linkspartei nach dieser frommen Regel leben möchte. Ohne ihren Pazifismus ist sie überflüssig.