Teilnehmer von Sing by Foot überqueren auf der N10 die Our © Milan Szypura für DIE ZEIT

"Bitte tut wenigstens so, als würde es euch interessieren!" Unser Chorleiter Camille ist verzweifelt, für ihn ist das, was wir da von uns geben, eher Röcheln als Singen. Hat uns die Wanderung schlapp gemacht? Ob wir noch mal die Kurve kriegen?

Als ich vor einiger Zeit von Sing by Foot hörte, fand ich die Idee faszinierend: Morgens treffen sich wildfremde Menschen in einem Ort in Luxemburg, proben einige Lieder, gehen gemeinsam wandern, singen in der Natur weiter. Am Nachmittag wird das Ganze vor Publikum zum Vortrag gebracht. Singen beim Wandern, Natur und Kultur, das passt bekanntlich zusammen. Unter professioneller Anleitung, dachte ich, harmoniert es ja vielleicht noch besser. Meine Chorerfahrung beschränkte sich allerdings auf einige Monate im Betriebschor der Harald Schmidt Show. Als ich zuletzt in einem Interview den Satz "Auf einer Wanderung singe ich am liebsten ..." ergänzen sollte, antwortete ich: "Nichts." Aber man sollte ja immer offen für Neues sein.

Wir treffen uns um zehn Uhr im Ancien Cinéma. So heißt ein Café in der Kleinstadt Vianden, nicht weit von der deutschen Grenze. Außer mir finden sich noch 24 Wandersänger und -sängerinnen vor der Bühne des alten Kinosaals ein. Für eine Vorstellungsrunde bleibt keine Zeit, es geht direkt zur Sache: Lockerungsübungen "für unser Instrument". Die Libretti von zehn Wanderliedern werden verteilt. Sie sind ähnlich international wie die Teilnehmerschar: deutsche, luxemburgische, englische, französische Lieder, ich kenne allerdings nur den Gassenhauer mit dem Müller, der Lust hat zu wandern.

Mit einer Energie, die für die frühe Morgenstunde erschreckend ist, setzt sich Camille ans Klavier. Er singt vor, wir singen nach. Er korrigiert, motiviert. Camille Kerger, 57, ist Opernkomponist und Chef des Europäischen Instituts für Chorgesang Luxemburg. Ich könnte es mir jetzt leicht machen und ihn als Gotthilf Fischer von Luxemburg bezeichnen. Aber erstens spräche Camille dann kein Wort mehr mit mir, und zweitens würde das seinem Wirken nicht gerecht, das eindeutig nicht auf Masse, sondern auf Qualität zielt. Bei uns wandernden Chorknaben muss er die Qualität aber erst noch herauskitzeln. Einiges klingt schon richtig gut an diesem Vormittag, wir singen sogar mehrstimmig. Nach zwei Stunden essen wir zu Mittag, dann geht es los, auf eine acht Kilometer lange Wanderung.

Schnell haben wir Vianden verlassen und steigen steil aus dem Tal der Our. Der Schweiß fließt, an Singen ist nicht zu denken, die Ersten schnappen nach Luft. Wir kommen an verwilderten Weinbergen vorbei. Dass es keinen Viandener Wein mehr gibt, scheint niemand zu bedauern. Christian sagt, das sei ein "Drei-Männer-Wein" gewesen: Ein Mann sitzt auf dem Stuhl, ein zweiter hält ihn fest, der dritte flößt ihm den Wein ein.

Christian Ries, 53 Jahre alt, ist der zweite Vater von Sing by Foot. Bei der Chorprobe im Café half er mir, mit den Texten und den Tönen klarzukommen. Er ist Agrarwissenschaftler und Europäer durch und durch – in Brüssel aufgewachsen, in Wien ausgebildet, nun zurück in seinem Heimatland; er lebt in einem Dorf bei Vianden. Sein Vater war ein bekannter Wanderer, sozusagen der luxemburgische Hape Kerkeling, denn auch er verarbeitete seine Pilgerreise nach Santiago de Compostela literarisch. Als Überzeugungswanderer tritt Christian in seine Fußstapfen. Er gestaltet die Routen für Sing by Foot, ist aber auch musikalisch begabt. Während seines Studiums spielte er in Kneipen Boogie-Woogie auf dem Klavier. Die wienerische Sprachfärbung ist bei ihm deutlich zu hören, nicht der charmante Singsang des luxemburgischen Deutsch.

Camille droht: "Das ist mein Taktbengel, mit dem werde ich euch Beine machen"

Als unser Scout kennt Christian auch die geheimen Wege. Wir kämpfen uns durch einen zugewachsenen Pfad, dann präsentiert er stolz eine gelbe Bank, die ihre besten Jahre schon lange hinter sich hat; aber die Aussicht auf Vianden und seine Burg ist gigantisch. "Das war früher eine Knutschbank, so was gibt es im Zeitalter des Selfies ja gar nicht mehr." Ich vermute, dass außer Christian gar nicht so viele Teenies dort geknutscht haben.

Bald erreichen wir die Höhe oberhalb des Tals, der Waldboden federt unter meinen Füßen. Durch die Bäume schimmert immer wieder das Wasser der Our hinauf. Ich würde gerne richtig losmarschieren. Aber wir bleiben auf einer Lichtung stehen, nach kaum einem Kilometer. Jetzt ist wieder Singen dran.

Irgendetwas fehlt diesmal. Ach ja, Camilles Klavier. A cappella kostet es mehr Mühe, eine Chorleistung zustande zu bringen. Mir fehlt allerdings nicht nur die Begleitung, sondern auch das Verständnis der luxemburgischen Sprache. Wir singen das Scoutelidd, eine Pfadfinderhymne. Bei der Textzeile "Fräi vu Suerg a Leed" kommt man als Deutscher noch darauf, dass das "Frei von Sorgen und Leid" heißt. Aber was zum Teufel bedeutet "Well en eid’le Mo, ass eng uereg Plo"? Das sind genau die Stellen beim Singen, wo man sich hinter den anderen Stimmen verstecken möchte und mehr so "Welleneitelmossengüreschplo" vor sich hin singt. Weil ich aber nicht der Einzige bin, der an dieser Stelle hudelt, hört man es doch. Übersetzt heißt der Vers übrigens: "Denn ein leerer Magen kann dich schrecklich plagen". Schließlich wird es Camille zu bunt. Er hebt einen armdicken Ast vom Boden auf. "Das ist mein Taktbengel", droht er, "mit dem werde ich euch Beine machen." Bengel, das ist das luxemburgische Wort für Stock, das kenne ich, war mir doch der Reesbengel, der Wanderstab, durchaus ein Begriff.