Wir wandern weiter, der Waldboden ist fast herbstlich mit braunem Laube übersät. Leider sind auch immer wieder asphaltierte Abschnitte dabei, aber alles in allem hat Christian einen schönen Rundweg komponiert. Komisch finde ich, dass wir während des Gehens nicht singen. Von den Wandervögeln bis hin zu Heino haben doch alle, die etwas auf sich halten, in vollem Lauf ihre Melodien geschmettert. Gerade wo dieses Jahr die Wanderlieder bei Sing by Foot dran sind. (Letztes Jahr waren es die Tisch- und Trinklieder, 2012 sang man Revolutions- und Protestlieder.) Und wie heißt es im Lied Im Frühtau zu Berge: "Wir wandern ohne Sorgen singend in den Morgen".

Doch wenn Camille an Gesang in Bewegung denkt, assoziiert er: Soldaten. "Ich war nie beim Militär, das amerikanische drill instructor- Gegröle mag ich nicht." Also machen wir es wie beim Biathlon – erst die körperliche Anstrengung, dann anhalten, den Puls beruhigen und: Feuer!

Wir haben noch einmal die Our gequert und sind auf dem Rückweg nach Vianden. Ich laufe über weiches Moos, das fast ansatzlos auf die Sitzfläche einer alten Holzbank übergeht. Vor uns liegt das schönste "Propagandagebäude" der Region, wie Christian es nennt: die Pilgerkapelle Bildchen, ein neogotischer weißer Bau mit zierlichem Turm. Nächster Stopp, wir heben an, müssen uns aber umgruppieren, denn die männlichen Teilnehmer, die ein knappes Drittel des Chores ausmachen, müssen diesmal zusammenstehen. Das ist mir nur recht; viele der Frauen singen nahezu perfekt, bei den Brummbären hingegen fühle ich mich besser aufgehoben. Bei Das Wandern ist des Müllers Lust zeige nicht nur ich die größte Text- und Notensicherheit: Das Lied kennen alle außer der Portugiesin. Wenn die Stelle mit dem "Wa-han-dern" kommt, müssen wir den Mund so weit öffnen, dass zwei Finger übereinander hineinpassen. Das sieht etwas suizidal aus, aber es hilft. Andere Lieder müssen wir immer wieder üben. Camille droht grinsend: "Wir wandern so lange, bis ich zufrieden mit euch bin. Bei der letzten Gruppe hat das eine Woche gedauert."

Wir gehen weiter in Richtung Vianden, in Kehren windet sich der Weg den Berg hinab. Camille erzählt mir, warum sein Institut Workshops wie diesen anbietet. Früher, sagt er, waren Chöre beliebt, auch bei Leuten, denen am Singen gar nichts lag, die sich vielleicht nur an die schöne Nachbarin heranmachen wollten. Heute suchen Hobbysänger das Erlebnis ohne Verpflichtung. Genauso ist es beim Wandern: Immer weniger Menschen schließen sich den entsprechenden Vereinen an, aber das individuelle Wandern mit Freunden und der Familie boomt.

Ein Aussichtspunkt über der Our ist unser nächster Halt. Wir sehen das grüne Tal, den Fluss, die Burgruine Falkenstein auf der deutschen Seite. Diesmal wird nicht gesungen, es gibt den Gipfelschnaps. Christian schenkt Single-Malt-Whisky aus. Das erinnert einen saarländischen Mitwanderer an das Bonmot von Gerd Dudenhöffer: "Ich habe lange im Kirchenchor gesungen, aber irgendwann ist mir die Sauferei zu viel geworden."

Der Ourtalblick ist nur der höchste Punkt, nicht der Höhepunkt unserer Tour. Auf dem letzten Kilometer wird es wirklich spektakulär. Wir wandern bergab an der Burg vorbei, die exakt so aussieht, wie sich ein Disneyland-Besucher eine europäische Burg vorstellt. Entlang der westlichen Stadtmauer erreichen wir Vianden, vorbei an Gemüsegärten der portugiesischen Gastarbeiter.

Auf einem Spielplatz kurz vor unserem Ziel findet die Generalprobe statt. Wir singen zunächst sehr unkonzentriert, viele sind müde vom Wandern, der frischen Luft und dem Whisky. Camille möchte seinen Chor auf der Zielgerade motivieren: "Wir werden ankommen, wie, das ist doch egal." Auch das ist wie beim Wandern. Für meinen Geschmack klingt schon ziemlich geil, was wir da zwischen Schaukeln und Wippgeräten vortragen. Ich spüre, dass das Singen im Chor ein ähnliches Hochgefühl auslösen kann wie das Wandern auf einem tollen Weg. Sing by Foot sorgt also quasi für doppelte Endorphinausschüttungen.

Ich animiere meine Chorkollegen, uns selber Beifall zu klatschen

Etwas später stehen wir dicht gedrängt auf der Bühne des Ancien Cinéma. Ich hörte mal von der Regel, dass man ein Konzert erst absagt, wenn im Publikum weniger Leute sind als auf der Bühne. Nun, nach diesem Maßstab müsste unsere Vorführung eindeutig ausfallen. Sechs Freunde und Verwandte der Sänger lümmeln sich auf den Fünfziger-Jahre-Sesseln des Cafés. Christian neben mir auf der Bühne schwört, voriges Mal sei der Raum voll besetzt gewesen. Wir singen selbstverständlich trotzdem. Den schönen Chanson Je chante, das Wandervogel-Lied Aus grauer Städte Mauern, den von Christian komponierten Kanon Sing by Foot. Nach dem zwanzigminütigen Konzert erhebt eine junge Frau zaghaft die Hände zum Applaus; als sie sieht, dass keiner mitmacht, lässt sie sie wieder sinken. So geht das aber nicht. Ich animiere meine Chorkollegen, uns selber Beifall zu klatschen, das klappte in der DDR doch auch!

Sehr lustig ist es, einen Tag nach der Wanderung meine Bandaufzeichnungen der Lieder abzuhören. Ich singe unglaublich schief, aber wenigstens laut und mit viel Engagement. Wie hat Camille gesagt: "Der Auftritt war gut, wenn die Leute rausgehen und lächeln." Das haben sie getan – und wir erst recht. Ich habe meiner Frau zum Geburtstag einen Tag bei Sing by Foot im nächsten Jahr geschenkt. Dann sind Liebeslieder dran.