DIE ZEIT: Frau Samara, Sie sind Palästinenserin und bieten zusammen mit einer Jüdin "Breaking Bread Journeys" an. Ende Mai war in Ihrer Heimat der Papst zu Gast. Hätten Sie gern auch mit Franziskus das Brot gebrochen?

Christina Samara: Oh ja, wir wollten dem Papst einen Laib Brot geben, den eine Jüdin, eine Muslimin und eine Christin gemeinsam gebacken haben. Brot brechen ja alle drei Religionen, Juden am Sabbat, Christen beim Abendmahl, Muslime mit ihren Gästen. Hat leider nicht geklappt. Aber ich fand gut, dass Franziskus auf beiden Seiten der Mauer ganz normale Leute getroffen hat.

ZEIT: Was auch dem Konzept Ihrer Rundreisen entspricht.

Samara: Ja, wir zeigen das Leben auf beiden Seiten: in Israel und im Westjordanland, und unsere Gäste übernachten auch in beiden Landesteilen.

ZEIT: Ist das so ungewöhnlich?

Samara: Viele Touren zeigen nur eine Seite des Landes, meist die jüdische. Das hat mich lange gestört. Klar fahren Touristen auch ins Westjordanland, nach Bethlehem oder Jericho. Aber sie schlafen dort nicht, sie gehen oft nicht mal ins Café. Sie werden mit dem Bus hingekarrt, machen ein Foto, reisen wieder zurück. Verpassen Oasen, Ruinen, antike Paläste. So kriegt das Westjordanland gerade mal ein Zehntel aller Einnahmen aus dem Tourismus ab. Dabei gibt es dort mittlerweile richtig gute Hotels, mit vier, fünf Sternen. Das Westjordanland ist viel moderner als alle denken. Fast jeder ist bei Facebook, und mehr Frauen als Männer gehen zur Uni. Auch das will ich unseren Gästen zeigen.

Christina Samara (links) und ihre Kollegin Elisa Moed beim Brotbrechen © Sara Lemel/dpa

ZEIT: Wie haben Sie und Ihre jüdische Geschäftspartnerin Elisa Moed zusammengefunden?

Samara: Vor vier Jahren lud Tony Blair als Sondergesandter des Nahostquartetts jüdische und arabische Touristiker zu einem Forum ein, darunter Elisa und mich. Ein großes gemeinsames Projekt ist nicht entstanden, dazu war das politische Klima zu angespannt. Aber Elisa und ich dachten: Probieren wir es eben im Kleinen.

ZEIT: Welche Hürden mussten Sie dafür nehmen?

Samara: Schon das Ausarbeiten der Touren war schwierig. Elisa etwa darf nicht einfach ins Westjordanland. Sie muss jedes Mal eine Genehmigung beantragen. Wir müssen auch immer mein Auto nehmen. Ihres ist im Westjordanland nicht versichert. Ich lebe in Ostjerusalem, ich darf überallhin. Zum Glück. Lebte ich in Bethlehem, dürfte ich nicht nach Israel.

ZEIT: Üblicherweise wechselt bei Touren an der Grenze der Reiseleiter: Der jüdische Guide verlässt die Gruppe, ein arabischer übernimmt.

Samara: Das finden wir schrecklich. Schon die Mauer und die Checkpoints sind ja für Touristen furchteinflößend. Und dann sagt auch noch der Guide, an den man sich gewöhnt hat, Tschüss, ich darf hier nicht rein. Das passt nicht in unser Konzept. Es gibt deshalb nur wenige, die unsere Gruppen leiten können. Und zwar Araber mit israelischem Pass, die meist aus Haifa oder Ostjerusalem kommen. Sie müssen zwar auch beantragen, im Westjordanland als Reiseleiter arbeiten zu dürfen, kriegen das aber leichter genehmigt.

ZEIT: Touristen immerhin dürfen überallhin reisen. Wer sind Ihre Kunden?

Samara: Vor allem Deutsche, Niederländer und US-Amerikaner. Nächste Woche kommen Juden aus den USA, die Israel bereits kennen, aber bisher nicht im Westjordanland waren. Mit einem rein arabischen Veranstalter wollten sie nicht reisen. Ausschließlich mit Juden auch nicht, weil sie fürchteten, im Westjordanland angefeindet zu werden. In der Kombi, die wir bieten, trauen sie sich.

ZEIT: Wie laufen die Touren ab?

Samara: Sie haben jeweils ein Thema – Jesus, Herodes, Umwelt, Politik oder Essen. Tagsüber machen wir Besichtigungen. Abends setzen wir die Gruppe bei jemandem in die Küche. Denn wer zusammen isst, redet auch. Tauscht sich aus. Schlägt Brücken.

ZEIT: Wer sind dabei die Gastgeber?

Samara: In Nablus beispielsweise essen wir mit Frauen der ersten palästinensischen Slow-Food-Vereinigung. Sie kaufen nur bei lokalen Bauern und geben ihr Wissen in Kochkursen weiter. Unsere Gruppe nehmen sie mit auf den Markt. Dann stellen sich alle in die Küche und füllen Zucchini.

ZEIT: Wird bei Tisch auch über Politik geredet?

Samara: Das bleibt nicht aus. Neulich fragte eine Besucherin die Gastgeberinnen, wer denn auf den Fotos an der Wand zu sehen sei? – Unsere Männer, hieß es, die sind als Märtyrer gestorben. Die Gäste wurden kalkweiß.

ZEIT: Und wie kommentieren Sie das?

Samara: Gar nicht. Wir werten nicht. Die Gäste sollen sich selbst eine Meinung bilden. Wir achten nur darauf, dass die Balance stimmt.

ZEIT: Wer bildet dann den Gegenpol zu den Palästinenserfrauen aus Nablus?

Samara: Ein Bäcker aus einer jüdischen Siedlung im Westjordanland. Der erzählt von jüdischen Backtraditionen. Aber auch, warum er es als sein Recht ansieht, dort zu leben, und warum Israel dieses Recht notfalls mit Waffengewalt verteidigen sollte. Manche Besucher springen da auf vor Empörung.

ZEIT: Sie besuchen auch die chefs for peace. Was hat es mit denen auf sich?

Samara: Das sind 13 jüdische, muslimische und christliche Köche, die gemeinsam kochen und auftreten, um zu zeigen, dass man sich in Israel auch vertragen kann. Was nicht heißt, dass die sich politisch einig sind. Sie kochen auch für unsere Gäste – und servieren zum Dessert Ansichten über Israel. Israelis und Palästinenser haben ja vieles gemeinsam. Beide sind sehr gastfreundlich. Beide sind stolz auf ihre Kultur, beide fühlen sich oft missverstanden. Beim Essen, so unser Gedanke, wird Menschen klar, was sie verbindet. Und sei es nur die Freude an einem perfekt gewürzten Hummus.