Unter Philosophen, Künstlern und Architekten macht der Begriff des Neuen Realismus die Runde. Eine Serie im ZEIT-Feuilleton fragt nach den Folgen dieser Debatte. Bislang veröffentlichten wir Beiträge von Thomas E. Schmidt, Ullrich Schwarz, Bernd Stegemann und Bernhard Pörksen

Lange Zeit galt es zunächst in der Philosophie und in der Folge in vielen anderen Geistes- und Naturwissenschaften als ausgemacht, dass Realismus eine naive Position sei. Dahinter steckte ausgerechnet die Auffassung, die Moderne sei ein Zeitalter der Wissenschaft und diese baue den Anschein einer bunten, fröhlichen Lebenswelt schrittweise ab: Die Götter seien verschwunden, Gott starb und zurück blieben die freud- und farblosen Tatsachen; man hielt die Welt nun für entzaubert und fühlte sich darin von Max Weber bestätigt. Die Wissenschaft, so dachte man, lehrt uns, dass die Dinge an sich vermutlich überhaupt nicht so sind, wie sie uns alltäglich erscheinen: Es gebe in der Natur keine Zwecke, der Mensch sei nur ein Fremdling in einer sinnlosen Raumzeit ohne Zentrum und Peripherie. Kurzum, es wurde ein Weltbild gebastelt, in dem der Mensch, der dieses Weltbild hergestellt hat, nicht mehr vorkommen darf. Objektivität sollte fortan nur dann vorliegen, wenn niemand mehr hinschaut, sie sollte sich nur noch einem "Blick von Nirgendwo" (Thomas Nagel) erschließen. Ein Realismus gilt in diesem Licht als naiv, da man annimmt, dieser vertraue etwa unseren sinnlichen Eindrücken und alltäglichen Meinungen.

Als Gegenbegriff zu einem naiven Realismus gewann nun der Konstruktivismus die Überhand, worunter ich die Positionen subsumiere, die uns weismachen wollen, dass wir keinen direkten Zugang zur Wirklichkeit haben, da wir zunächst Begriffe oder Systeme hervorbringen müssen, die "die Wirklichkeit" oder "die Welt" dann bestenfalls verzerrt erfassen. Die derzeit noch am weitesten verbreitete Spielart dieser Idee ist der Neurokonstruktivismus. Weder Subjekte noch soziale Systeme sollen es sein, die Beschreibungen konstruieren, ohne diese mit der Wirklichkeit an sich vergleichen zu können. Neuerdings sind es Gehirne oder vielmehr bestimmte Gehirnareale, die sowohl das Bewusstsein als auch seine bunten Umgebungsbilder erzeugen. Was bleibt, ist die Idee eines kognitiven Gefängnisses: "als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt" (Rilke). Dies gefiel schon Schopenhauer, der einer der Ersten war, die dem Gehirn die Funktion zuschrieben, die "Welt als Vorstellung" hervorzuzaubern, an die sich die überlebenshungrigen Menschentiere dann in einer dauernden Lebensgeilheit verlieren. Heute soll es nicht mehr der metaphysische Weltwille sein, der unser Bewusstsein steuert, sondern das Gehirn, das sich wie ein fremdes Ich hinter unserem oberflächlichen Ich versteckt und mit der DNA kooperiert, die wiederum mit dem neuesten Über-Ich, der Evolution, im Verbunde steht.

Dagegen hält der Neue Realismus sowohl am Begriff des Wissens als auch am Begriff der Wahrheit im eigentlichen Sinn fest. Warum sollte ich nicht wissen können, dass Hamburg nördlich von Köln liegt oder dass die Wiese vor mir grün ist? Warum sollten die meisten Sätze, die wir alltäglich äußern, entweder falsch sein oder doch nur Ausdruck komplexer neuronaler Verschaltungen beziehungsweise sozialer Konstruktionen? Als ob die grüne Wiese nun in meinem visuellen Kortex existierte.

Der Neue Realismus ist dabei alles andere als naiv. Die Grundidee lautet vielmehr, dass wir die Wirklichkeiten, auf die wir Bezug nehmen, tatsächlich begrifflich und perspektivisch vermittelt erfahren. Diese Begriffe und Perspektiven sind selbst Wirklichkeiten und deswegen ihrerseits erkennbar. Dafür spricht ein einfaches Argument, das sich durch die Debatten des Neuen Realismus zieht und etwa von Thomas Nagel, Paul Boghossian, Maurizio Ferraris und Quentin Meillassoux formuliert wurde. Ich selbst nenne es das Argument aus der Faktizität. Nehmen wir einmal an, alle Tatsachen, die wir erschließen können, bestünden nur relativ auf eine Instanz: Wiesen sind nur grün, weil es visuelle Kortizes gibt, Verbrecher gibt es nur, weil es Strafsysteme gibt, Gut und Böse nur, weil die Evolution manchmal Altruismus befördert, und so weiter.

Doch wie steht es mit den Kortizes, dem Strafsystem, der Evolution? An irgendeiner Stelle muss man eine Wirklichkeit einführen, die selbst nicht konstruiert ist. Man muss irgendwo anfangen und annehmen, dass man zu diesem Anfangspunkt einen direkten Zugang hat. Der Realismus ist deswegen unvermeidbar. Genau dies hat die Postmoderne und den radikalen Konstruktivismus irritiert und zu überdrehten Selbstdementis verführt, da sie überhaupt kein solches Absolutes mehr anerkennen wollten. Das Absolute hielt man für intolerant. Der Hinweis auf die soziale Konstruiertheit von Überzeugungen sollte den Dogmatismus aushebeln. Doch Realismus und Dogmatismus sind nicht identisch.