Oktober 2013: In einem Seniorenheim in Schleswig-Holstein wird ein demenzkranker Mann von einer Ratte angenagt. Er bemerkt es nicht, weil er mit Neuroleptika vollgepumpt ist. März 2014: In einem Pflegeheim in Berlin-Lankwitz duscht ein Pfleger eine demenzkranke Frau so heiß ab, dass sie an ihren Verbrennungen stirbt. In Heimen in ganz Deutschland hungern Demente vor vollen Tellern, weil sie vergessen haben, wie das mit dem Essen geht. Warten Gebrechliche stundenlang darauf, dass sie jemand zur Toilette begleitet. Liegen sich wund.

Das ist die eine Wirklichkeit. In der Welt der Pflege gibt es noch eine zweite. Diese zweite Wirklichkeit ist die der offiziellen Noten, es ist eine Wirklichkeit, wie sie schöner nicht aussehen könnte. Jedes dritte Pflegeheim bekommt im Pflege-TÜV eine 1,0. Bestnote. Notendurchschnitt aller Pflegeheime in Deutschland: 1,2. Kein einziges der mehr als 11.000 Heime in Deutschland wird mit mangelhaft bewertet. Für Menschen, die ein Pflegeheim suchen, ist es fast unmöglich, zu erkennen, hinter welcher Note sich in Wahrheit ein Horrorheim verbirgt.

Das Haus Marie in Augsburg schneidet vergleichsweise miserabel ab, mit der Note 3,6. Armin Rieger, 56, Augsburger, groß und grauhaarig, freundlich und stur, führt durch sein Heim. Dort leben 33 Bewohner, ausschließlich Demenzkranke – Menschen, die in ein früheres Leben abgetaucht sind. Im Garten fegt eine Frau die Luft zusammen, unter einem Haltestellenschild wartet ein Mann auf einen Bus, der niemals kommt. Zwei Alte streicheln sich die Hände. Er hat das T-Shirt übers Hemd gezogen, sie trägt einen schweren Wintermantel, bei 25 Grad im Schatten.

Wie das Essen schmeckt, ist egal. Hauptsache, der Speiseplan ist lesbar

Rieger ist ein Rebell. Auch sein Haus Marie hatte Bestnoten – bis Rieger sich entschloss, das Pflegesystem zu bekämpfen, das er "verbrecherisch" nennt. Dieses System beginnt bei den falschen Noten. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) vergibt sie, 59 Kriterien fragt er einmal im Jahr ab. Das Problem: Der MDK überprüft nur das, was aufgeschrieben wird, nicht das, was in den Heimen tatsächlich vor sich geht. Um dagegen zu protestieren, hat Rieger sich absichtlich schlechte Noten geben lassen. Er hat Unterlagen nicht rausgerückt, die der MDK prüfen wollte.


Am meisten regt Rieger die Sache mit dem Speiseplan auf. Beim MDK interessiert sich niemand dafür, ob das Heim das Essen selbst kocht oder ob es eine Großküche abgepackt anliefert, ob es schmeckt oder nicht. Die Note Eins erhält, wer den Speiseplan in Schriftgröße 14 auf Augenhöhe aushängt. Selbst für Pflegefehler kann man die Note Eins bekommen – etwa wenn Gebrechliche sich wund liegen, weil sie nicht umgebettet wurden. Aber für die Vergabe der Note ist es egal, wie viele Menschen sich in einem Heim wund gelegen haben, Hauptsache, es wurde ordentlich aufgeschrieben, wann und wo es passiert ist. Bei den anderen Kriterien ist es ähnlich. "Das sind Verbrecher, die sich so etwas überlegen", sagt Rieger, "Verbrecher im moralischen Sinne." Mit dieser Haltung steht Rieger nicht allein. Sogar die Verantwortlichen beim MDK, bei den Heimbetreibern, Versicherungen und Politiker geben zu, dass das System nicht funktioniert. Auch auf die Fragen der Angehörigen geben die Pflegenoten keine Antworten.

Rieger war früher Polizist. Als sie bei der Kripo einen brauchten, der auf der Straße unter den Drogendealern ermittelt, haben sie Rieger genommen, den Langhaarigen. Doch er hat sich zu sehr darüber geärgert, dass die Kiffer auf der Straße verhaftet wurden und nicht die weltweit vernetzten Hintermänner. "Entweder ich arbeite gescheit oder gar nicht", sagte er. Also kündigte er.

Als Armin Rieger vor 13 Jahren plante, das Heim zu kaufen, wollte er Geld machen. Die Pflege versprach eine so gute Rendite, dass sich auch Aktiengesellschaften für das Geschäft interessierten. Rieger besuchte das Heim, bemerkte, dass Essen und Windeleinlagen fehlten. Sah den Dreck. Den Mäusekot in der Speisekammer. Er warf die Heimleiter hinaus und setzte sich selbst in das enge Büro am Ende des Ganges.

Seitdem führt Rieger das Haus Marie so gut wie möglich – und macht ein paar Dinge anders als die meisten Pflegeheimleiter. Geistig Gesunde sollten nicht mit Dementen zusammenleben. "Das ist Psychofolter", findet er. Also nimmt er nur Demente auf. Und die dürfen in den Garten, wann immer sie möchten. "Jeder Gefängnisinsasse hat das Recht auf eine Stunde Hofgang. Das muss doch auch für Pflegeheimbewohner gelten." Die Bewohner im Haus Marie dürfen anziehen und essen, was sie möchten, dürfen schlafen und aufstehen, wann sie möchten. Das ist in dem streng durchrationalisierten Betrieb der Pflegeheime eine Ausnahme. Bei Rieger sind alle Betten belegt, was er macht, hat sich in Augsburg herumgesprochen.

Am Tisch stampft ein Bewohner Kartoffeln. Er hilft dem Koch. Meistens bekommen Pflegeheime ihr Essen abgepackt und vorgefertigt von Großküchen. Um zwölf setzen sich die Pflegerinnen mit den Bewohnern an die Tische, drei alte Leute werden gefüttert. Ruhig wirkt das und gut eingeübt. Die Pflegerinnen im Haus Marie müssen nicht putzen wie in vielen anderen Heimen. Sie haben deswegen mehr Zeit, sich um die Alten zu kümmern.