"Ich werde alldem nächste Woche ein Ende bereiten. Ich weiß keinen Ausweg mehr." Das war das Erste, was Markus Weber* zu Eva Dieckmann sagte. Mehrere Monate hatte er auf der psychiatrischen Station einer Klinik verbracht, bis man ihn entlassen und der niedergelassenen Psychiaterin Eva Dieckmann anvertraut hatte. Der Patient habe eine schwere Depression, die sich mit den üblichen Mitteln nicht behandeln ließe, hieß es vonseiten der Klinik.

Mehrere Wochen lang bestellte Dieckmann ihren neuen Patienten täglich in die Praxis. Jeden Morgen betrat Weber den gepflegten Altbau am Rande von Freiburgs Innenstadt und setzte sich auf einen Sessel im Behandlungszimmer der Psychiaterin, das mit seinen hohen Stuckdecken und dem edlen Parkett eher wie ein Wohnzimmer aussieht. Eine halbe Stunde lang sprachen die beiden jeden Tag miteinander. Zum Abschied schüttelte Dieckmann ihrem Patienten jedes Mal die Hand und sah ihm fest in die Augen. "Bis morgen." Sie sagte das, als gäbe es gar keine andere Option.

Und er kam wieder, jeden Morgen. Dieckmann konnte die Depression zwar auch nicht heilen, aber sie meldete Weber in einer Universitätsklinik an, wo er mit Elektrokrampftherapie behandelt werden sollte, einer Behandlungsmethode, die nur bei besonders schweren und sonst nicht therapierbaren Depressionen zum Einsatz kommt. Die Therapie schlug an, Markus Weber wurde gesund entlassen und ist bis heute frei von Depressionen. "Vielleicht hätte er nicht durchgehalten, wenn ich ihn nicht so engmaschig betreute hätte", sagt Dieckmann.

Meist gibt es nur 50 bis 60 Euro pro Patient und Quartal

Eva Dieckmann hat Markus Weber vielleicht das Leben gerettet. Ein erfüllender Gedanke. Finanziell haben sich die Sitzungen mit Weber für sie allerdings nicht gerechnet. Für seine Betreuung bekam Dieckmann so gut wie kein Geld. Das ist das Dilemma, in dem Psychiater stecken.

Anders als Psychotherapeuten, die rund 80 Euro pro Stunde verdienen, werden Psychiater im Wesentlichen nicht nach Gesprächstherapiezeit honoriert. Bezahlt werden sie stattdessen nach der Anzahl ihrer Patienten: Etwa 70 Euro bekommt Dieckmann pro Quartal für jeden Patienten, in anderen Bundesländern sind es manchmal nur 50 bis 60 Euro. Wie oft der Patient kommt und wie viel Zeit Dieckmann ihm widmet – das spielt dabei keine Rolle. Je mehr Patienten sie hat, desto mehr verdient sie – und desto weniger Zeit bleibt für den Einzelnen.

Therapeutische Gespräche müssen bei vielen Patienten, bei denen es nicht um Leben oder Tod geht, gekürzt werden – obwohl sie in der Psychiatrie eigentlich besonders wichtig sind. Dass Psychiater ihre Patienten im Gegensatz zu Psychotherapeuten auch mit Medikamenten und nicht allein durch Sitzungen behandeln, heißt ja nicht, dass sie nicht mit ihnen reden müssen. Erst durch Gespräche gewinnen sie ein Verständnis dafür, worauf es bei den individuellen Fällen ankommt.

Deshalb ist Eva Dieckmann eigentlich auch einmal Psychiaterin geworden. Angefangen hat sie auf der geschlossenen Drogenstation der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Berlin. Vor 24 Jahren hat Eva Dieckmann hier einen Teil ihrer Ausbildung verbracht. "Ich habe dort gelernt, dass jeder psychisch Kranke auf seine eigene Weise krank ist", erzählt sie. Behandelt wurde mit Medikamenten – und mit Gesprächen. "Ein Beruf mit viel Zeit, um zu kommunizieren. Das war genau das Richtige für mich", sagt Dieckmann. Nach dem Studium fing sie in der psychiatrischen Uni-Klinik in Freiburg an, dort wurde sie Fachärztin für Psychiatrie, bald danach Oberärztin. 2011 ließ sie sich schließlich nieder.