Am Abend der Kommunalwahl machte Christian Gebel Bekanntschaft mit einem, mit dem er bald gemeinsam im Rat der Stadt sitzen wird und den man in Dortmund nur "SS-Siggi" nennt. SS-Siggi wollte am vergangenen Sonntagabend ins Rathaus, auf die Wahlparty, zusammen mit 26 anderen Rechtsextremisten. Aber die Tür war versperrt: von Gebel, der zur Piratenpartei gehört, und ungefähr 60 Vertretern aus den unterschiedlichen Ratsfraktionen. Sie hatten eine Kette gebildet, um die Rechten nicht reinzulassen. SS-Siggi drückte gegen Gebel, Gebel drückte zurück. Kurze Zeit später flog eine Flasche aus den Reihen der Rechten und traf Gebel am Kopf.

Am Ende des Abends wurden zehn Menschen mit Verletzungen behandelt. Videos im Internet lassen ahnen, wie bedrohlich die Situation vor dem Rathaus gewesen sein muss: Rechtsradikale, die zuschlagen, mit Pfefferspray sprühen, "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!" skandieren. Die Polizei ermittelt nun unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Verdachts auf Volksverhetzung und Landfriedensbruch. Und viele in Dortmund fragen sich: Wie konnte das passieren?

Ein paar Tage später sieht man von Gebels Platzwunde nur noch einen schmalen Strich, die Haut neben seinem Auge ist gelb verfärbt. Gebel, ein bedächtiger Typ, sitzt im Büro der Piratenpartei. Er wird zum ersten Mal als Abgeordneter in den Rat einziehen, genau wie SS-Siggi, der mit bürgerlichem Namen Siegfried Borchardt heißt. Borchardt, 60 Jahre alt, sieht aus wie eine Mischung aus Hulk Hogan und Hells Angel, er war Spitzenkandidat der Partei Die Rechte. 2101 Stimmen hat sie in Dortmund bekommen, das reicht für einen Sitz im Rat.

Die Polizei hatte "keine Hinweise auf rechte Vorkommnisse"

Jeder, der in Dortmund aufgewachsen ist, weiß, wer SS-Siggi ist. "Zynisch formuliert", sagt Gebel, "könnte man sagen, das grenzt schon an Folklore." Borchardt gründete Anfang der achtziger Jahre die Borussenfront, eine Mischung aus Hooligans und rechten Schlägern. In den 30 Jahren, die seitdem vergangen sind, saß Borchardt mehrfach im Gefängnis, wegen Körperverletzung, Hausfriedensbruch, Volksverhetzung, er war stellvertretender Bundesvorsitzender der 1995 verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP). "Für die Rechtsradikalen in Deutschland und Dortmund", sagt der Extremismusexperte Jan Schedler von der Universität Bochum, "ist SS-Siggi eine Galionsfigur." Jetzt ist er Ratsherr.

"Nachdem feststand, dass die Rechte einen Sitz im Rat gewonnen hatte, war es eigentlich klar, dass sie auftauchen würde, um ihren Erfolg zu feiern", sagt Christian Gebel. Aber als die Rechte dann vor dem Rathaus aufzog, war kein einziger Polizist da. Gebel hat schon oft gegen rechte Aufmärsche in Dortmund demonstriert, viele von denen, die vor dem Rathaus aufkreuzten, sah er nicht zum ersten Mal. Da waren Christoph D. und Matthias D., beide verurteilt wegen mehrfacher und gefährlicher Körperverletzung. Alexander D., der wegen eines Angriffs auf eine Demonstration des DGB vor Gericht stand. Patrick B., verurteilt wegen eines brutalen Angriffs auf Gäste in einer linken Kneipe. Und eben SS-Siggi.

Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau hat Siegfried Borchardt zum ersten Mal gesehen, als er in den achtziger Jahren einen Vortrag im Gefängnis hielt – SS-Siggi saß gerade mal wieder, hörte zu, in der zweiten Reihe. Sierau, SPD, trägt am Sonntag nach der Wahl im Rathaus am Handgelenk ein Bändchen, auf dem "Dortmund is full of surprises" steht. Er hat die meisten Stimmen in der Oberbürgermeisterwahl bekommen, auch die Stichwahl am 15. Juni wird er wohl für sich entscheiden. Er habe zwar damit gerechnet, dass bei einem Wahlerfolg die Rechten zum Rathaus kommen könnten, sagt der OB. Allerdings nicht mit einem solchen Angriff, da habe er sich auf die Einschätzung von Polizei und Staatsschutz verlassen. "Aus unserer Sicht", sagt der Polizeisprecher, "gab es keine Hinweise auf rechte Vorkommnisse." Zwanzig Minuten nach dem ersten Notruf waren genügend Polizisten versammelt, um die Situation in den Griff zu kriegen. Der Polizeipräsident hat angekündigt, den Ablauf des Einsatzes genau zu überprüfen.

Die Partei Die Rechte füllt im gerade veröffentlichten Verfassungsschutzbericht NRWs 19 Seiten, die so klingen, als arbeite man bereits an einem Verbot. Die Rechte verharmlose nationalsozialistische Verbrechen, befürworte die nationalsozialistische Diktatur, hetze gegen Asylbewerber. Ihre Mitglieder sind keine braunen Biedermänner: Der Landesverband NRW ist zu einem erheblichen Teil identisch mit der militanten Neonazi-Szene im Land. Und der Kreisverband Dortmund hat sich als führende Kraft der Partei in NRW etabliert. Die Mitglieder in Dortmund stimmen weitgehend mit denen des Nationalen Widerstands Dortmund (NWDO) überein, einer 2012 verbotenen Kameradschaft von Autonomen Nationalisten.