Rituale kann man nicht erfinden. Sie wachsen auf dem Boden einer bestimmten Kultur. Sie haben keinen individuellen Urheber. Sie gelten, um mit dem Philosophen Odo Marquard zu reden, "auf Grund ihrer faktischen Geltung, sie gelten, weil sie schon galten". Rituale beruhen also auf Tradition, und Tradition beruht auf Dauer. Die Rede von "neuen Ritualen" enthält, streng genommen, einen Widerspruch. Rituale sind immer alt. Ob neue entstanden sind, wird man erst später wissen, erst dann, wenn sie so alt geworden sind, dass sie wiederum eine Tradition bilden.

Auch das abendliche Zähneputzen kann man ein Ritual nennen, doch ist es ratsam, den Begriff von dem des Brauchtums oder der schieren Gewohnheit abzutrennen. Dann wird man sehen, dass auch die egalitäre und libertäre Gesellschaft manche Rituale, die eine lange Geschichte haben, noch durchaus kennt. Das militärische und diplomatische Zeremoniell zum Beispiel, das beim Besuch ausländischer Staatsgäste fällig ist, enthält Reste der höfischen Formensprache.

Gleichwohl ist unsere Gegenwart Ritualen nicht günstig. Das Prinzip der Innovation, dem sich die Ökonomie verschreibt, führt zu einem ständigen Veralten. Es scheint aber, dass die Wegwerfgesellschaft ebendeshalb im Ritual einen Halt sucht. Es steht für die Dauer im Wandel, es verkörpert Beständigkeit. Schließlich und vor allem weist es über sich selbst hinaus – sei es auf Gott oder das Göttliche, sei es auf eine überwölbende Idee wie die Menschenrechte oder Ehre und Vaterland. Das Moment der Transzendenz, das dem Ritual wesentlich ist, hebt das Individuum aus seiner Zufälligkeit empor und ordnet es ein in eine höhere Ordnung.

Damit das geschehen kann, muss der Ablauf feststehen, er muss einer seit Langem erprobten und von daher gültigen Form Folge leisten. Somit ist das Ritual ein zentrales Element der Tradition. Der Philosoph Hermann Lübbe hat dazu gesagt: "Tradition gilt nicht wegen ihrer erwiesenen Richtigkeit, sondern wegen der Unmöglichkeit, ohne sie auszukommen."

Man kann die Moderne als den Versuch beschreiben, ohne Tradition auszukommen und sich dem jeweils Neuen zu verpflichten. Weil das immer wieder misslingt, weil auch der moderne Mensch die Endlichkeit seines Lebens nicht leugnen kann, macht er sich daran, alte Rituale zu modernisieren und neue zu erfinden. Letztlich muss das scheitern. Den sogenannten neuen Ritualen ist eigentümlich, dass sie das Moment der Transzendenz verdünnen oder gänzlich beseitigen. Wer Ritualen glaubt und ihnen folgt, verhält sich wertkonservativ. Eben damit widersetzt er sich dem Gebot permanenter Erneuerung. Über die öffentliche Vereidigung von Bundeswehrsoldaten etwa hat es mehrfach Streit gegeben, und das eigentliche Motiv der Gegner war weniger ihr Pazifismus als vielmehr ihre Aversion gegen die transzendentale Bedeutung des Rituals: Es beruft sich auf eine überzeitlich gültige Idee, eine vaterländische oder verfassungspatriotische.

Es lässt sich nicht bestreiten, dass jene Rituale, die in unseren Breiten von alters her den Weg des Menschen von der Wiege bis zur Bahre begleiten, christlichen Ursprungs sind: die Taufe, die Kommunion oder Konfirmation, der Empfang der Sterbesakramente, die Bestattung und das Requiem. Wenn jedoch das christliche Fundament brüchig wird oder ganz verschwindet, verliert das Ritual seinen Kern. Kaum etwas ist trauriger als eine Bestattungsfeier im atheistischen oder religionsfernen Kreis. An die Stelle des Priesters tritt der Bestattungsredner. Seine Ansprache hat rhetorische Ähnlichkeiten mit der Predigt, setzt allerdings an die Stelle Gottes die Seele oder den Geist oder die Natur und an die des Himmels unser aller Gedächtnis, das dem Verstorbenen ein bleibendes Gedenken bewahren soll. Zumeist sieht man ein von Blumen und Kerzen umrahmtes Foto des Toten, Verwandte und Freunde erinnern an ihn und erzählen Anekdotisches. Manchmal hört man seine Lieblingsmusik vom Band.

Das alles kann durchaus stilvoll und bewegend vonstattengehen, doch um ein Ritual, gar um ein neues, handelt es sich nicht. Auffällig daran ist ja, dass sich die äußere Form dem christlichen Vorbild anschließt, wenngleich unter Weglassung seiner Botschaft. In fast allen Friedhofskapellen ist an zentraler Stelle ein Kreuz angebracht, und nicht immer kann man es leicht entfernen. So hängt es denn an der Wand – ein für die Glaubenslosen allenfalls historisch interessantes Symbol.

Auch andere Formen der Bestattung – auf der Wiese oder im Wald, zur See oder in der Luft, von den anonymen zu schweigen – sind längst erlaubt und üblich, aber ihre synkretistische Vielfalt, die ganz ins zufällige Belieben der Hinterbliebenen gestellt ist, macht sie noch nicht zum "neuen Ritual". Viele seiner Erscheinungsformen bedienen sich bei exotischen Religionen und Kulturen. In den Augen mancher Zeitgenossen bilden auch die Weltanschauungen einen Markt, aus dessen Angebot man sich das Passende aussuchen kann. Doch so leicht kommt man nicht davon. Man springt nicht von einer Tradition in die andere, man wechselt nicht die Kultur wie das Hemd. Ulrich Greiner