DIE ZEIT: Mr. Loog Oldham, Sie waren von 1963 bis 1967 Manager der Rolling Stones. Hätten Sie damals gedacht, dass die Band in diesem Jahrtausend noch auftreten würde?

Andrew Loog Oldham: Wir haben uns nie über die Zukunft den Kopf zerbrochen. Die Rolling Stones erlebte ich 1994 in Buenos Aires, als sie fünf Tage lang in einer Fußball-Arena auftraten. Sie übernahmen quasi die Stadt. Der Präsident von Argentinien schickte ihnen Kästen mit Champagner und Zigarren. Es war wunderbar korrupt. Aber das wirklich Tolle war, dass die Stones für fünf Tage die finsteren Realitäten im Alltag vieler Menschen dort verscheuchten; keiner in Buenos Aires dachte mehr an die Wirtschaftskrise, weil die Rolling Stones da waren. Ich habe gerade an der Berlin School Of Creative Leadership einen Vortrag gehalten, der I Do Dreams – Not Money heißt, und genau darum geht es: Träume haben immer Konjunktur.

ZEIT: Ein Albtraum für viele Fans sind die exorbitanten Ticketpreise. Können Sie den Ärger darüber nachvollziehen?

Loog Oldham: Selbstverständlich. Als die Rolling Stones 2005 in Seattle auftraten, kamen viele übergewichtige, weiße Amerikaner, die Weißwein tranken und mehr mit ihren Handys beschäftigt waren als mit der Show, für die sie im Schnitt 450 Dollar berappt hatten. Für 1.700 Dollar durfte man die Rolling Stones sogar treffen: "meet and greet" nennt man das. Da warteten diese Deppen dann in langen Schlangen, um einige Sekunden neben einem Rolling Stone stehen zu dürfen. Die vorab ausgegebenen Regeln waren strikt: Sprecht die Band nicht an! Berührt sie nicht!

ZEIT: Ist es heutzutage schwieriger oder einfacher, berühmt zu werden?

Loog Oldham: Heute werden Bands über Nacht mit einem YouTube-Clip berühmt. Bevor eine Band groß rauskommt, sollte sie aber viel gearbeitet haben, denn die Erfahrungen, die man in den ersten, harten Jahren macht, helfen einem später beim Überleben. In einem Stadion aufzutreten, muss man lernen. Dazu braucht es Selbstvertrauen. Die Beatles hatten keine Freude daran und gaben 1966 die Konzerte ganz auf. Den Stones machten Auftritte dagegen Spaß. Keith Richards nannte ihre ersten Konzertreisen noch die "bottom of the bill-Tourneen", weil ihr Name unten auf den Plakaten stand. Das stachelte ihren Ehrgeiz an, sich an die Spitze zu spielen.

ZEIT: Sie sind mit den Stones groß geworden. Woher kam Ihre Selbstsicherheit?

Loog Oldham: Ich hatte nichts zu verlieren. Ich kam aus dem Nichts. Als unsere Reise losging, war ich 21. Ich nehme meine Jahre mit den Stones als Fügung des Schicksals. Die Band war makellos, viel perfekter als die Beatles. Sie waren untereinander auf Augenhöhe – wie Soldaten, die eine Mission haben. Sie machten nie Kompromisse.

"Keith und ich liebten Sinatra"

Die Rolling Stones brechen am 11. September 1965 mit Andrew Loog Oldham (ganz rechts) in Heathrow auf zur Deutschlandtour. © Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

ZEIT: Wie wichtig ist Geld für die Rolling Stones?

Loog Oldham:Ihre Karriere ist eine Lebensentscheidung. Da hört man nicht auf, weil man das Geld nicht mehr nötig hat.

ZEIT: Gab es in Ihrer Jugend populäre Musiker reiferen Alters, oder ist der alte Popstar ein neues Phänomen?

Loog Oldham: Als ich elf war, beschloss unser Nachbar, mich musikalisch zu erziehen. Drei bis vier Nachmittage pro Woche ging ich zu ihm nach Hause und bekam Musik von Thelonious Monk, Gerry Mulligan, Louis Armstrong und anderen vorgespielt. Die waren damals auch alt für mich. Aber letztlich ging es nie um alt oder jung, sondern allein um gut oder schlecht. Ich fand auch Frank Sinatra toll, und der war da bereits alt. Auch Keith Richards liebte übrigens Sinatra.

ZEIT: Kaum vorstellbar ...

Loog Oldham: ... doch! Keith und ich waren 1965 sogar bei Sinatra im Studio, und es war für uns beide, möchte ich behaupten, einer der aufregendsten Nachmittage unseres Lebens. Ein Warner-Boss fragte, ob wir Lust hätten, Sinatra bei der Arbeit zu beobachten. Mick war nicht interessiert, aber Keith war völlig aus dem Häuschen. Das war in Los Angeles, die Stones waren im Studio, Sinatra auch, zehn Minuten entfernt. Wir warteten versteckt im dunklen Raum mit dem Mischpult. Sinatra kam allein ins Studio und sah perfekt aus: schwarzer Anzug, dünne schwarze Krawatte. Er sang drei Songs, jeweils zwei Mal. Er fragte nie, ob das gut war. Er wusste, dass er perfekt ist. Dann kam er in den Kontrollraum, und der Techniker stellte uns vor. Sinatra bat uns, irgendeinen britischen Jazz-Produzenten von ihm zu grüßen. Er ging davon aus, dass sich alle Engländer irgendwie kennen.

ZEIT: Sinatra kannte die Stones nicht?

Loog Oldham: Er hatte keinen Schimmer, wer wir waren. Er wünschte uns einen guten Tag und ging. Mit etwas Abstand liefen wir ihm nach und beobachteten, wie er auf dem Parkplatz allein in seinen offenen Lincoln Continental stieg, sich in den Verkehr einfädelte und verschwand. Für Keith und mich war Sinatras Performance eine prägende Lektion in Coolness, Selbstsicherheit und Perfektion. Mick war ein Idiot, sich das entgehen zu lassen.

ZEIT: Wie ist Ihr Verhältnis zu Mick Jagger?

Loog Oldham: Das gibt es nicht. Mit Keith bin ich noch immer befreundet.

ZEIT: Lädt Keith Sie mal ein?

Loog Oldham: Nein, der kennt mich gut genug, sich das zu sparen. Wissen Sie, man ist auf einer gemeinsamen Reise, aber wenn du aus diesem Zug ausgestiegen bist, hat dein Ticket seine Gültigkeit verloren. Mein Ticket ist abgelaufen, als sich unsere Wege trennten. Die Rolling Stones interessieren sich immer nur für diejenigen, die ihnen im Augenblick nützlich sind. Sie schauen nicht zurück.