DIE ZEIT: Frau Becker, kennen Sie Schüler, vor denen Lehrer Angst haben?

Ulrike Becker: Ja, diese Schüler gibt es. Sie halten sich nicht an die Schulregeln und stören permanent den Unterricht. Viele von ihnen strahlen eine unterschwellige Wut aus. Meist sind es Kinder mit massiven Ängsten, die ihr geringes Selbstwertgefühl in Aggression umwandeln. Bei dem geringsten Anlass können sie gewalttätig werden.

ZEIT: Auch gegenüber ihren Lehrern?

Becker: Das kommt vor. Kürzlich saß mir ein Junge gegenüber, der mehrfach die Schule gewechselt hatte. Im ersten Gespräch sagte er mir, dass ihn der Unterricht so aggressiv mache, dass er seinen Lehrer dann schlage. Vor diesem Neuntklässler hatten auch männliche Kollegen Angst, die 1,90 Meter groß waren. Es braucht aber keine Gewalt, um Lehrer an ihre Grenzen zu bringen. Wir wissen, dass Lehrkräfte nichts so stark belastet, wie wenn bestimmte Schüler ihren Unterricht permanent stören.

ZEIT: Im Lehrerzimmer heißen diese Kinder Zeitbomben. Einige Lehrer träumen von ihnen.

Becker: Dabei engagieren sich viele Lehrkräfte anfangs sehr für diese Kinder. Sie wissen um ihre schwierige Lebenslage und entwickeln eine Art Helferinstinkt. Sie führen Gespräche, stellen besondere Aufgaben und bieten Extrastunden an. Doch dann machen sie die Erfahrung, dass das Kind nicht auf die Hilfe reagiert: Es zerreißt die Arbeitsblätter, stört weiter. Viele Lehrer empfinden dieses Verhalten als Kränkung und kommen zu dem Schluss: Der Schüler ist nicht normal beschulbar, er muss in eine Sondereinrichtung.

ZEIT: Urteil: Inklusion gescheitert.

Becker: Für den gemeinsamen Unterricht sind diese Kinder fraglos die größte Herausforderung. In meinen Fortbildungen höre ich von Lehrern immer wieder die Meinung, dass es an diesen Schülern liegt, wenn die Inklusion gegen die Wand fährt.

ZEIT: Stimmt das denn nicht?

Becker: Nur wenn man Lehrer mit dieser Aufgabe allein lässt. Die Erfahrung zeigt aber, dass es sehr wohl möglich ist, auch sehr schwierige Kinder inklusiv zu unterrichten. Dafür braucht es freilich Konzepte und Strukturen. Der jeweilige Klassenlehrer, dem immer die Hauptaufgabe der Inklusion zukommt, muss so viel Unterstützung bekommen, dass er die Beziehung zu einem schwierigen Kind aufrechterhalten kann. Dazu gehört die enge Zusammenarbeit mit Schulpsychologen, Sonderpädagogen, Erziehern und gegebenenfalls Mitarbeitern der Jugendhilfe.

ZEIT: Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?

Becker: Im Projekt "Übergang", einem erfolgreichen Konzept zur inklusiven Bildung, treffen sich alle Beteiligten einmal pro Woche, um über das jeweilige Kind zu sprechen. In dieser Fallkonferenz geht es um aktuelle Konflikte, die Fortschritte des Schülers im Unterricht oder gemeinsame Erziehungsabsprachen. Außerdem sind tägliche Kurzabsprachen nötig, persönlich oder telefonisch. Viele dieser Kinder können die Anforderungen der Umwelt nicht mit ihren eigenen Bedürfnissen zusammenbringen. Deshalb ist es wichtig, dass die Erwachsenen ihnen feste Strukturen vorgeben und sich nicht widersprechen.

ZEIT: Wie muss man sich das vorstellen?

Becker: Kommt ein Schüler etwa in die Nachmittagsbetreuung und sagt, er habe keine Hausaufgaben auf, muss der Erzieher sofort den Lehrer fragen, ob das stimmt. Auch wenn es nicht so scheint: Diese Kinder sind meist sehr sensibel. Sie reagieren wie Seismografen auf Unstimmigkeiten zwischen Erwachsenen.

ZEIT: Um sie auszunutzen?

Becker: Auch das. Dann erzählt ein Junge, der oft in der Schule fehlt, dem Lehrer, sein Vater schlage ihn und der Familienhelfer sei nie da. Gegenüber dem Familienhelfer wiederum beklagt er sich, dass sein Lehrer ihn als Ausländer diskriminiere und er deshalb schwänze. Solche Vorurteile zwischen Jugendhilfe und Schule gibt es tatsächlich, und die Schüler bedienen sie oft meisterhaft.

ZEIT: Welche Rolle spielen die Eltern bei der Zusammenarbeit?

Becker: Eine zentrale. Das gemeinsame Auftreten von Lehrern und Eltern hat eine sehr hohe pädagogische Wirkung. Ein Beispiel: Letzte Woche hatte ein Junge einem Mädchen ins Gesicht gespuckt. Der Schüler musste dem Mädchen nicht nur als Wiedergutmachung vor der Klasse ein Geschenk überreichen. Er musste auch in Anwesenheit des Vaters versprechen, die Schulregeln einzuhalten.

ZEIT: Wie stellen Sie diese Erziehungskooperation her?

Becker: Wir führen alle ein bis zwei Wochen ein Beratungsgespräch mit den Eltern. Dabei geht es um alltagspraktische Themen wie Hausaufgaben und das Frühstück. Beide Seiten legen dann fest, was sie in Zukunft anders machen wollen.

ZEIT: Und wenn die Eltern nicht zur Schule kommen? Viele lassen sich ja nicht einmal beim Elternabend blicken.

Becker: Dann besuchen wir die Familie zu Hause.

ZEIT: Und wenn die Eltern auch das nicht wollen?

Becker: Eltern lehnen dies nur sehr selten ab. Wenn Lehrkräfte ihnen zuhören und über die Stärken des Kindes sprechen, fühlen sich Eltern respektiert und öffnen sich den Gesprächen.