Kinder sind berühmt dafür, Fragen zu stellen, über deren Antworten sich die Eltern schon lange keine Gedanken mehr gemacht haben. Warum ist der Himmel blau? Mit ein bisschen Nachdenken fällt einem das ein. Was passiert, wenn du aufs Gaspedal trittst? Da muss ich schon googeln. Aber es gibt auch Fragen, da helfen weder das Internet noch eine gesunde Halbbildung. "Warum bin ich eigentlich nicht getauft?" Mit dieser Frage machte meine Tochter mich sprachlos. Die ehrliche Antwort wäre gewesen: Weil dein Vater aus der Kirche ausgetreten ist und deine Mutter ihr auch nur noch durch große Skepsis verbunden ist und wir deshalb keine Veranlassung hatten, die Geburt unserer Kinder dort zu feiern. Doch das hätte das Mädchen nicht verstanden. Es findet Kirche nämlich klasse.

Es liebt das Abendgeläut, die Ehrfurcht gebietende Architektur gotischer Gotteshäuser, die bunten Fenster. Mit den evangelischen Großeltern besucht es den Gottesdienst, mit den katholischen die Messe und kommt jedes Mal beseelt zurück. Kirche ist für die Sechsjährige ein feierlicher Ort, fern vom Alltag und voll von Musik und Geschichten. Klar, dass der Ausflug zum Pfarrer der Gethsemanekirche, den die Erzieherinnen ihres Kindergartens organisiert hatten, ein Highlight war. Der Pfarrer hat ihnen viel erzählt, von den Fledermäusen, die im Kirchturm hausen, vom Kinderchor – und natürlich von der Taufe. In Berlin Prenzlauer Berg ist sie das Kerngeschäft eines Pastors. Während bundesweit nur noch die Hälfte aller Neugeborenen getauft werden und in den meisten Gemeinden die Anzahl der Begräbnisse die der Taufen weit übersteigt, verzeichnete diese Gemeinde in den vergangenen zehn Jahren einen Zuwachs von mehr als 4.000 Mitgliedern. Fürs neue Bürgertum gehört die Taufe wieder dazu.

Jedes Wochenende sehen wir aufgekratzte Großfamilien, die ihre Neugeborenen feierlich die Stufen zu schönen, auf einer kleinen Anhöhe gelegenen Gotteshaus hinauftragen. Meine Tochter weiß jetzt auch, was dort passiert: "Der Pfarrer legt den Babys ein weißes Kleid auf, dann bespritzt er sie mit Wasser, bis sie anfangen zu weinen." – "Und das findest du toll?" – "Ja, denn hinterher ist man näher bei Gott."

Das Kind kann nicht ahnen, dass dieser Gott in ihrem Fall ein größenwahnsinniger Katholik wäre, der sich anmaßt, in der Taufe unschuldige Kinder von der "Erbsünde" zu befreien, und im Gegenzug lebenslange Mitgliedschaft in einer Institution verlangt, die man ohne große Übertreibung als eine der letzten europäischen Diktaturen bezeichnen kann. Es stört sich auch nicht daran, dass diese Institution, Franziskus hin oder her, eine Heerschar von kreuzkonservativen, tendenziell misogynen Mitarbeitern beschäftigt, die nicht mitbekommen haben, in welcher Zeit sie leben.

Das Kind hat seit dem Besuch bei dem evangelischen Pfarrer, der in seinem Fall gar nicht zuständig wäre, das ungute Gefühl, dass wir ihm und seinem kleinen Bruder mit der Taufe etwas ganz Großes vorenthalten. Denn auch eine kleine religiöse Autodidaktin begreift, was bis heute so viele Menschen an die Kirchen bindet: das Versprechen, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die über einen exklusiven Draht nach oben verfügt.

Meist gründet die Taufentscheidung in einer diffusen Mischung aus Sehnsucht und Verunsicherung. Irgendwas muss man machen, wenn das Kind da ist, und warum nicht auf einen Ritus zurückgreifen, der sich über die Jahrhunderte bewährt hat? Noch vor zehn Jahren hätte ich das in Ordnung gefunden. Als eine Freundin mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, Patin ihres zweiten Sohnes zu werden, habe ich nicht lange gezögert. Taufe war, was ich mitmachen musste, um das Patenamt zu übernehmen. Nach der Geburt unserer Tochter war ich nicht mehr so entspannt. Wer gab mir das Recht, dem Kind eine Konfession überzustülpen, der ich selbst nur noch formal angehöre? War postmoderner Umgang mit Tradition nicht doch nur ein anderes Wort für Heuchelei?

Auch mein Mann und ich hatten das Bedürfnis, das Kind zu begrüßen, unseren Freunden und Verwandten zu sagen, es gehört jetzt zu uns und deshalb auch zu euch. Kurz haben wir über ein alternatives Ritual nachgedacht, eine Trockentaufe sozusagen, ohne Gott und Weihwasser, die dem Kind zumindest zwei Paten bescheren könnte. Doch warum eine Form imitieren, wenn man den Inhalt ablehnt? Wäre das nicht genauso peinlich wie diese standesamtlichen Trauungen, bei denen die Amtsperson sich zu einer kleinen Predigt ermächtigt, weil sonst etwas fehlt?

Wir haben dann einfach Sekt und Kuchen gekauft und im Namen unserer Tochter alle Menschen eingeladen, die uns wichtig waren. Als wir drei Jahre später einen Sohn bekamen, haben wir ihn genauso begrüßt. Es war uns wichtig, dass alles nach dem gleichen Muster ablief. Es musste den gleichen Sekt geben, das gleiche Geschirr und einen ganz bestimmten Kuchen von einem ganz bestimmten Konditor aus dem Bayerischen Wald. Ritualforscher würden darin wohl schon Anzeichen für "rituelles Verhalten" sehen. Meine Tochter war eher enttäuscht, als wir über die Taufe sprachen. "Ihr habt einfach Partys gemacht?" Auch die Freundin, die mich Jahre zuvor zur Patin erkoren hatte, fand unsere Feste, nun ja, etwas dürftig.