Selten ist ein Buch so überschätzt worden wie Kapital im 21. Jahrhundert von Thomas Piketty. Der als Starökonom und Meisterdenker gefeierte Franzose behauptet darin, der Kapitalismus mache die Reichen fast automatisch immer reicher. Nur neue, drastische Steuern könnten das verhindern. Mit dieser Botschaft sorgt Piketty für Furore. Manche sehen in ihm einen neuen Marx, also jemanden, der das Denken einer ganzen Epoche ändern könnte – wobei das bei Marx ja nicht unbedingt zum Guten war. Doch so wuchtig Pikettys Thesen daherkommen, so dünnbeinig sind die Argumente darunter. Manche erscheinen geradezu bizarr.

Das betrifft nicht nur ein paar Statistikreihen, bei denen die Financial Times dem Forscher vorwirft, er habe mit den Zahlen geschludert. Nein, das ganze Gedankengebäude ist wackelig. Im neuen Marx steckt viel Murks (wie es bei Karl ja nicht anders war).

Vor allem einer These verdankt Piketty die enorme Aufmerksamkeit: der Behauptung, im Kapitalismus gebe es eine Kraft, die den Reichtum immer mehr in den Händen weniger konzentriere. Nur Kriege und brutale Wirtschaftskrisen hätten diese Tendenz in der Vergangenheit stoppen können. Inzwischen steuere aber alles schon wieder auf eine unerträgliche Spaltung der Gesellschaft zu.

Prophezeihungen dieser Art scheinen einen Nerv zu treffen. David Ricardo, ein berühmter Ökonom im frühen 19. Jahrhundert, sagte einst voraus, bald werde sich aller Reichtum bei den Landbesitzern sammeln. Fünfzig Jahre später verkündete Marx, bald werde sich aller Reichtum bei den Fabrikbesitzern sammeln. Und jetzt, weitere 150 Jahre später, mehrere Generationen sind inzwischen geboren worden und wieder gestorben, warnt Piketty, bald werde sich aller Reichtum bei einer neuen Klasse Superreicher sammeln. Weltweit könne die Ungleichheit ein "nie zuvor gekanntes Ausmaß" erreichen. Allerdings distanziert sich Piketty vordergründig vom Determinismus seiner prominenten Vorgänger. Nichts sei sicher, die Geschichte könne auch anders laufen, räumt Piketty ein – um seine Leser dann aber doch mit atemraubenden Grafiken zu beeindrucken, die bis ins Jahr 2200 reichen. Dabei haben Ökonomen schon Probleme, auch nur das Wachstum im nächsten Jahr vorherzusagen.

Piketty blickt nicht nur ungewöhnlich weit nach vorne, sondern auch sehr weit zurück. Um ihn zu verstehen, muss man bei Jesus Christus anfangen. Piketty hat sich vergangene Jahrhunderte angeschaut und festgestellt, dass die Rendite, die Kapital- oder Vermögensbesitzer erzielen, regelmäßig höher war als das Wachstum der Wirtschaft. Mathematisch formuliert: r > g. Daraus folge, dass sich die Reichen ein immer größeres Stück vom Kuchen abschnitten – bis die Gesellschaft instabil werde. Darin stecke der "zentrale Widerspruch des Kapitalismus".

Was das nun mit Jesus Christus zu tun hat? Dazu schreibt Piketty nichts, aber er zeichnet Kurven, die tatsächlich im Jahr null beginnen und zeigen sollen: Zu Jesu Lebzeiten lag die durchschnittliche Rendite nach Steuern weltweit bei 4,5 Prozent und das globale Wirtschaftswachstum im Null-Komma-Bereich. So blieb es bis zum Jahr 1700, dann bekommen die Kurven mehr Zacken. Aber fast immer galt: r größer g. Das sei die "Summe" seiner Erkenntnisse, so Piketty.

Die Argumentation ist abenteuerlich. Allein die Vorstellung, man könne die weltweite Wirtschaft vor tausend oder zweitausend Jahren vermessen und die Rendite aller damaligen Kapitalanlagen berechnen! Einzelne Historiker hantieren zwar mit derartigen Zahlen. Aber viele schütteln auch den Kopf. Der deutsche Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser hält das für verwegen: "Ich habe ja schon Bauchschmerzen, wenn ich versuche, das Bruttoinlandsprodukt für Deutschland ab dem 19. Jahrhundert zu rekonstruieren."

Tatsächlich hat Piketty seine historischen Werte auch gar nicht richtig ermittelt. Für die ersten 1700 Jahre schätzt er die Kapitalrendite bloß, auf gleichbleibend 4,5 Prozent. Steuern lässt er bis zum Jahr 1900 sogar ganz beiseite, zur Vereinfachung. Obwohl schon die Römer Steuern erhoben, etwa auf den Landbesitz (tributum soli).

Ausgerechnet im modernen Kapitalismus geht Pikettys Weltformel nicht auf

Die Zahlen sind obskur genug. Aber selbst wenn man sie für bare Münze nimmt, ergibt sich ein merkwürdiges Bild: Die gruselige, dem Kapitalismus innewohnende Kraft wirkte demnach schon immer – während aller Formen des Zusammenlebens, die die Menschheit in den vergangenen zweitausend Jahren ausprobiert hat (und wohl darüber hinaus, denn das wird ja nicht erst mit der Ankunft des Heilands begonnen haben). Wenn der "zentrale Widerspruch des Kapitalismus" aber schon damals existierte, heißt das: Schon Jesus lebte im Kapitalismus? Attila der Hunnenkönig? Ludwig der XIV.?

Man kann natürlich argumentieren, Pacht, Zinsen und ein paar marktwirtschaftliche Elemente habe es auch schon in der Antike gegeben. Aber die meisten Menschen würden es wohl überzeugender finden, wenn ihnen jemand die Widersprüche des modernen Kapitalismus durch die Analyse einer näheren Epoche erklärte. Etwa mit Blick auf die vergangenen hundert Jahre. Da gibt es auch bessere Daten. Nur führt das zu einer dicken Überraschung: In dieser Periode war r nicht größer als g, sondern kleiner! Die "fundamentale Ungleichheit schaffende Kraft", von der Piketty spricht, wirkt seit hundert Jahren nicht mehr. Ausgerechnet im zeitgenössischen Kapitalismus sahnen die Kapitalisten gar nicht richtig ab. Piketty wischt das beiseite, das sei nur eine Ausnahme. Wirklich? Peter Bofinger, Mitglied im Rat der Wirtschaftsweisen der Bundesregierung, sagte im Spiegel dazu: "Würde ich feststellen, dass meine Theorie und meine Zahlen dermaßen auseinandergehen, hätte ich schlaflose Nächte."