An der Stelle, an der sich das Rückgrat befinden sollte, sind viele Führungskräfte mit Weichgummi ausgestattet. Ihr Talent besteht darin, immer das zu meinen, was ihr Chef auch meint. Eine Auffassung, die sie jahrelang gegenüber den Mitarbeitern vertreten haben, kann sich nach einem zweiminütigen Gespräch mit dem Oberboss drehen – als hätte der sie mit seiner Meinung angesteckt (wie das einmal der Schauspieler und Regisseur Axel von Ambesser beschrieb). Zum Beispiel predigte der Bereichsleiter eines Maschinenbauers immer wieder: "Wir müssen zu den Kunden fliegen, nichts ist wichtiger als persönliche Gespräche." Doch als sein Vorgesetzter das Reisebudget kürzte, meinte er: "Eine Videokonferenz bringt genauso viel wie ein persönliches Treffen und ist billiger." Offenbar hatte er für seine Meinung nicht gekämpft, sondern sie wie ein Paar Socken gewechselt.

Leider werden in den deutschen Unternehmen nicht zuletzt diejenigen befördert, die besonders anpassungsfähig sind und ihre Meinung, so sie überhaupt eine haben, wie auf Knopfdruck der des Managements angleichen: die Speichellecker, die Meinungspapageien, die Überzeugungsverräter. Nach oben führen sie keine Kämpfe, nicht für ihre Meinung, nicht für ihre Mitarbeiter. Personalkürzungen nehmen sie wie gottgegeben hin. Und in Meetings beziehen sie erst dann Position, wenn sie wissen, wo ihr Oberboss steht. Dessen Standpunkt verstärken sie durch Verbalapplaus, nicht weil die Meinung richtig, sondern weil sie die des Chefs ist. In solchen Firmen ist der oberste Chef der König, und seine Führungskräfte sind der Hofstaat.

Wer sich mit Topmanagern über dieses Phänomen unterhält, bekommt versichert, sie wünschten sich von der mittleren Führungsebene mehr Widerspruch, mehr eigene Meinungen. Tatsächlich fallen Mitarbeiter, die eine eigene Meinung vertreten, zwischen all den Meinungspapageien auf – fragt sich nur, ob tatsächlich positiv (wie die Topmanager behaupten) oder negativ (wie es in Kopfnick-Kulturen oft der Fall ist)?

Es fehlt in Deutschland an Führungskräften, die Überzeugungen haben und dafür bei ihren Chefs kämpfen. Genau solche Vorgesetzte wünschen sich Mitarbeiter. Eine Führungskraft ohne Überzeugung ist wie ein Kompass ohne Nadel: Niemand will ihr folgen.