Hauke sagt von sich, manche Kollegen hielten ihn für verrückt. "Aber in der Bibel steht: Ihr sollt euch vor der Herde nicht fürchten." Seine erfolgreichste Erfindung sind die "Lebenswendefeiern" für Jugendliche – als nicht kirchliches Ritual in der Kirche. Es ist eine Revision an der Schwelle zum Erwachsensein: ein Nachdenken über bisheriges und künftiges Leben, eine Selbstverortung in der Welt. Auf die Feier bereiten sich die Jugendlichen mit sozialer Arbeit vor, sie helfen in der Suppenküche, räumen den Friedhof auf, lernen aber auch die Sakramente kennen.

Die eigentliche Feier im Dom kann man sich als eine Art Jugendweihe am heiligen Ort vorstellen. Festlich gekleidet sitzen die Familien dicht an dicht in den alten Bänken, unterm hohen gotischen Kreuzrippengewölbe. Es ist stiller als in einem normalen Gottesdienst, vielleicht, weil der ungewohnte Raum mit seiner Aura von Ewigkeit die Festgemeinde einschüchtert. Die Feier selbst wirkt noch etwas unbeholfen. Es gibt profane Dankesrituale, es gibt politische Statements der Jugendlichen. Dazu eine lakonische Predigt: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Man spürt die Angst der Kirche vor ihrer eigenen Courage. Sie möchte etwas von ihrer Botschaft vermitteln, aber nicht den Eindruck erwecken, die Jugendlichen religiös zu überrumpeln. Es ist ja noch nicht lange her, dass die DDR bei den Jugendweihen ein Bekenntnis zur sozialistischen Weltanschauung forderte. Deshalb hält man sich damit nun lieber zurück. Am Ende kommt man aber um die Orgelmusik nicht herum, und das katholische Kirchenpersonal versichert den Jugendlichen: "Ihr seid nicht getauft, aber ihr habt unseren Segen."

Es ist ein Eingeständnis: Wenn die Menschen nicht an uns glauben, so glauben wir doch an sie. Wenn die Menschen nicht zu uns kommen, kommen wir zu ihnen. Wir fragen nicht nach Kirchenmitgliedschaft, wir nehmen Anteil. Diese neue Offenheit funktioniert nur eingeschränkt: Als plötzlich vom Segen die Rede ist, sind die Atheisten dann doch irritiert. Beim abschließenden Amen spricht niemand mit.

Neue Rituale sind vage und riskant. Aber sie können eine Chance sein, auch für die Kirche. Dahin wenden sich viele Menschen mit ihren rituellen Bedürfnissen immer noch zuerst: Gerade in den östlichen Bundesländern wollen auch Eltern, die nicht der Kirche angehören, ihre Kinder taufen lassen. Manche Pfarrer, die früher streng fragten, warum man für das Kind wolle, was man für sich selbst ablehne, halten sich heute zurück. Sie sind froh über jedes neue Kirchenmitglied.

Sebastian Fuhrmann, evangelischer Theologe in Berlin, hat kürzlich eine Katholikin und einen Atheisten getraut, unter freiem Himmel, im Park eines alten Gutshauses in Mecklenburg-Vorpommern. Die Hochzeit konnte in kein Kirchenbuch eingetragen werden – kirchenrechtlich hat das Ritual keine Bindekraft. Theologisch fand Fuhrmann es trotzdem vertretbar: "Ich verwehre niemandem, der guten Willens ist, Gottes Segen." Das Paar sei schon seit Jahrzehnten zusammen und habe die Heiratsgründe reiflich durchdacht.

Fuhrmann kennt die Regeln, er betreut beim Verlag de Gruyter die neue 30-bändige Bibelenzyklopädie. Aber es gebe nun einmal ein postmodernes Durcheinander von Christen und Nichtchristen, Frommen und Atheisten. Die Kirche könne die Türen davor verschließen – oder sich darauf einlassen. Wenn sie sich aber einlasse, dann müsse sie auch ehrlich sein.

Dazu gehört, die Dinge beim Namen zu nennen. Bei der freien Hochzeit fragt Fuhrmann die Festgesellschaft: "Ihr Lieben, warum Religion, wenn es auch anders geht?" Dann diskutiert er die Liebe im Lichte des Atheismus und im Lichte des christlichen Glaubens. Er tut nicht, als spreche er zu Christen, sondern spricht genau zu dem gemischten Publikum, das er vor sich hat. Am Ende der "Predigt" sagt Fuhrmann den Satz, der die Gedanken seiner Zuhörer auf den Punkt bringt: "Wir können nicht immer religiös sein. Aber wir können auch nicht immer nicht religiös sein." Amen.

Ist das der neue Konsens? Oder die neue Unverbindlichkeit? Wenn ein Pfarrer ein Paar traut, das mit seiner Kirche nichts zu tun hat, wenn ein freier Prediger den Segen ohne Gott spricht, weil dieser zur Inszenierung der Gefühle taugt – sind wir dann in der postmodernen Beliebigkeit angekommen, die uns die Verteidiger des liturgischen Status quo schon lange prophezeien: Anything goes?

Nein. Der freie Redner Jost Weber sagt: "Ich glaube, dass Gott es bunt mag. Aber ich bremse die Brautpaare, wenn es zu bunt wird. Eine Hochzeit muss als solche erkennbar sein und die Würde aller Beteiligten wahren." Auch die neuen Zeremonienmeister haben Prinzipien. Ihr Geschäft ist nicht der postreligiöse Mummenschanz, sondern die feierliche Metaphysik. Sie beschäftigen sich mit den existenziellen Fragen, die den Menschen schon vor der Entstehung der Weltreligionen beschäftigten: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn meines Lebens?

Freiheit der neuen Rituale heißt nicht, dass alles machbar ist. Als Jost Weber einmal gebeten wurde, eine Trauung im Swingerklub zu vollziehen, lehnte er ab. Das Paar hatte sich dort kennengelernt und versicherte nun hoch und heilig, Zuwendung, nicht Sex mit möglichst vielen Partnern gesucht zu haben. Weber fand die Symbolik des Ortes trotzdem unpassend. Liebe sei nicht dasselbe wie Sex, eine Hochzeit keine Orgie. Vielleicht mochte er auch kein nacktes Brautpaar verheiraten. So riet er den Kunden, sich einen anderen Redner zu suchen.