An diesem Donnerstag wird das Ansehen Mario Draghis in Deutschland einen neuen Tiefpunkt erreichen. Man wird ihm vorwerfen, die deutschen Sparer zu enteignen. Man wird ihm vorwerfen, die Altersvorsorge von Millionen von Bundesbürgern aufs Spiel zu setzen. Und man wird ihm vorwerfen, den Euro aufzuweichen.

Mario Draghi, der mächtige Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), der mit seiner Politik des billigen Geldes den Wohlstand kommender Generationen gefährdet – das ist die Geschichte, die erzählt werden wird, wenn Draghi am Donnerstag die nächste Zinssenkung verkündet. Sie ist auch deshalb so populär, weil klar ist, wer der Böse ist und wer der Gute.

Es gibt aber noch eine andere Version der Ereignisse, bei der die Rollen weniger eindeutig verteilt sind. Denn dass die Zinsen so niedrig sind, liegt nicht in erster Linie an Mario Draghi und seiner Notenbank. Sondern daran, dass derzeit schlicht niemand Geld leihen will. Deshalb ist dies die Geschichte einer Zinslüge.

Sie beginnt in München, bei BMW. Der Autobauer hat im vergangenen Jahr kräftig investiert: in neue Maschinen für die Produktionsstätten in Leipzig und Landshut etwa, in ein Motorenwerk in China. Weltweit hat der Konzern fast sieben Milliarden Euro ausgegeben, fast 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Geschäfte gehen gut, neue Modelle gelangen auf den Markt. Trotzdem kommt BMW praktisch ohne neue Kredite aus, das Unternehmen finanziert die Investitionen weitgehend aus eigener Kraft.

Die meisten deutschen Unternehmen geben deutlich weniger aus, als sie einnehmen. Im Jahr 2012 belief sich der Überschuss des Unternehmenssektors nach Angaben der Bundesbank auf 13,2 Milliarden Euro. Ganz ähnlich ist die Lage in den anderen großen Industrieländern. In den USA etwa haben Technologiegiganten wie Microsoft oder Google riesige Barreserven angehäuft. Allein Apple kann Schätzungen zufolge über rund 150 Milliarden Dollar verfügen – das entspricht in etwa dem jährlichen deutschen Sozialetat. "Die Unternehmen sitzen auf Bergen von Geld", sagt David Milleker, Chefvolkswirt der Frankfurter Fondsgesellschaft Union Investment.

Für die Sparer ist das keine gute Nachricht. Denn in normalen Zeiten leben Privathaushalte und Unternehmen in einer Art symbiotischen Beziehung. Die Haushalte geben weniger aus, als sie einnehmen, und deponieren ihr überschüssiges Geld bei der Bank. Die Unternehmen leihen es sich aus, um Maschinen anzuschaffen oder neue Produkte zu entwickeln. Aus den Erträgen bezahlen sie den Kredit mit Zinsen zurück.

Nun aber sparen in vielen Ländern auch die Unternehmen – und es passiert, was immer passiert, wenn von einem Gut viel angeboten und wenig nachgefragt wird: Der Preis sinkt. Nur dass in diesem Fall das Gut das Geld ist und der Preis der Zins. Der "Kollaps der Nachfrage nach Kapital" sei einer der wichtigsten Gründe für das niedrige Zinsniveau in den westlichen Industrienationen, schreibt der Internationale Währungsfonds (IWF), der in seinem jüngsten Weltwirtschaftsausblick die Ursachen des globale Zinstiefs ausführlich untersucht hat.

Dagegen kann Mario Draghi zunächst einmal wenig tun. Die EZB legt nur den Zins fest, zu dem sich die Banken bei der Notenbank mit Geld versorgen können – den sogenannten Leitzins. Lebensversicherer oder Fondsgesellschaften legen das Geld ihrer Kunden aber nicht direkt bei der EZB an. Sie kaufen damit Anleihen von Staaten und Unternehmen. Und welchen Zins diese Anleihen abwerfen, das hängt auch vom Verhältnis von Angebot und Nachfrage nach Kapital ab, also von Ersparnis und Investitionen.

Wie mächtig die Kräfte am Kapitalmarkt sind, musste sogar der vielleicht tollkühnste Notenbanker aller Zeiten erfahren: Alan Greenspan, der ehemalige Gouverneur der obersten amerikanischen Währungsbehörde. Im Sommer 2004 hob Greenspan die Leitzinsen schrittweise an. Doch die Anleihezinsen gingen zurück, weil die Schwellenländer Asiens ihre rapide zunehmenden Ersparnisse in den USA anlegten und die amerikanischen Unternehmen keine Verwendung für das viele Geld aus dem Ausland hatten.

Anders gesagt: Das Geld der Sparer vermehrt sich kaum mehr, weil derzeit ganz offenbar niemand mit diesem Geld etwas Sinnvolles anzufangen weiß. Tatsächlich hat sich nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung alleine in Deutschland seit 1999 ein Investitionsrückstand von rund einer Billion Euro aufgebaut. Der Anteil der Investitionen an der Wirtschaftsleistung der Industriestaaten insgesamt ist laut IWF von fast 25 Prozent im Jahr 1980 auf zuletzt weniger als 20 Prozent gesunken.