An diesem Freitag wird der 70. Jahrestag der Landung alliierter Truppen in der Normandie begangen. Dies weniger, weil die "Operation Overlord" den Anfang vom Ende des Naziregimes darstellen würde; dann müsste man eher den 19. November feiern, den Tag, an dem im Jahr 1942 die Naziwehrmacht bei Stalingrad eingekesselt wurde. Die Feierlichkeiten zum "D-Day" verweisen auf etwas anderes: auf die Anti-Hitler-Koalition. Fragt sich nur, was die uns Heutigen noch bedeuten kann.

Beginnen wir mit Josef Stalin. Seine Armee hat Auschwitz befreit, um nur diese eine Heldentat zu nennen. Doch die Überlieferung, die sowjetische Führung habe zu irgendeinem Zeitpunkt ein Befreiungsprojekt im Sinn gehabt, ist ein Nachglimmen der Propaganda aus der Zeit des Kalten Krieges; der Sowjetkommunismus raffte im 20. Jahrhundert Millionen Menschen dahin.

Mit dem D-Day begann das Wettrennen zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion um die zu besetzenden Territorien. Eine Neuaufteilung Europas. Im Oktober 1944 besuchte Winston Churchill Moskau; der britische Premier fragte Stalin: "Was würden Sie dazu sagen, wenn Sie in Rumänien zu neunzig Prozent das Übergewicht hätten und wir zu neunzig Prozent in Griechenland, während wir uns in Jugoslawien auf halb und halb einigen?" Stalin war einverstanden.

Am Ende des Feilschens verschwand die Hälfte Europas hinter dem Eisernen Vorhang. Bis es dazu kam, setzten noch die militärisch sinnlosen Flächenbombardements der Briten und Amerikaner ein, die ganze Städte verbrannten, Hamburg, Dresden, Tokio. Es folgten Hiroshima und Nagasaki.

Das soll also ein "guter Krieg" gewesen sein, wie es in den Ländern der Anti-Hitler-Koalition hieß?

Jeder Krieg treibt über seine militärischen Zwecke hinaus, denn er entfesselt die Gewalt. Doch nur sie, die Waffengewalt der Alliierten, konnte Hitlers Vernichtungsmaschinerie und mit ihr das fanatisierte deutsche Volk stoppen. Die Alliierten haben die Juden befreit, die noch am Leben waren. Und viele andere mehr, auch die Deutschen, sogar jene, die es nicht verdient hatten. Ja, natürlich, es war gut, dass die Alliierten diesen Krieg geführt haben.

Mittlerweile nehmen die Deutschen an der D-Day-Feier teil, wenn auch nicht mit ihrem Staatsoberhaupt. Deutschlands Verbrechen sind ein historischer Gegenstand geworden, zu dem wir uns fast schon wie Museumsbesucher verhalten – fast. Die Arbeit der Aufklärung ist noch nicht zu Ende.

Die Feierlichkeiten sind mittlerweile ein diplomatisches Ritual. Tage des Protokolls, über Konflikte hinweg. So hat Frankreichs Präsident François Hollande selbstverständlich Wladimir Putin eingeladen; nicht ganz so selbstverständlich ist es freilich, dass Russlands Machthaber am Vorabend mit dem Franzosen im Élyséepalast speisen wird. Frankreich geriert sich damit wieder einmal als Gleicher unter Gleichen in der Anti-Hitler-Koalition, was vergessen machen könnte, dass das Land damals zwischen Kollaboration und Résistance zerrissen war. Ärger noch, Hollande nährt den Verdacht, an eine Tradition gaullistischer Moskaudiplomatie anzuknüpfen, die sich um ein einheitliches Auftreten des Westens wenig scherte. Putin wiederum darf wieder einmal Antifa spielen, selbst wenn ihm tags darauf der ebenfalls eingeladene frisch gewählte Präsident der Ukraine im Weg stehen sollte.

Auch David Cameron und Barack Obama bietet der kommende Freitag eine willkommene Bühne. Insulare Eigenständigkeit kann der eine, außenpolitische Prinzipientreue der andere darstellen. Aber was will man erwarten? Dass Politiker dieses Datum nicht nutzen? Angela Merkel jedenfalls wird an diesem Tag nicht weiter auffallen. Sie hat einen Sinn für Zeit und Ort.