Behutsam parkt Doktor Wolfgang Lautenschläger seine Praxis vor dem Dahlumer Dorfgemeinschaftshaus. Er hält wenige Zentimeter vor einem Blumenkübel mit Tagetes und zieht die Handbremse an. Dann steigt er aus und öffnet die Tür zum Behandlungsraum. Seine Praxis: ein Volkswagen Crafter, 6,38 Meter lang, 3,2 Tonnen schwer. Sie hat 162 PS und das Kennzeichen H-VW 260.

Alle zwei Wochen fährt Lautenschläger durch den niedersächsischen Landkreis Wolfenbüttel, durch bewaldete Hügel und Zuckerrübenfelder. Der hagere Mann mit den kurzen weißen Haaren hatte sich als Arzt schon zur Ruhe gesetzt, als er das Angebot bekam, den zu einer Praxis umgebauten Wagen zu übernehmen. Eigentlich wollte der 65-Jährige sich nur noch dem Klavierspielen widmen und ein bisschen Russisch lernen. Nun ist er unterwegs zu Patienten, die den Weg zum nächsten Arzt nicht mehr schaffen.

Viel mehr als eine kleine Schreibtischplatte, eine Liege und eine Ablage für die Laborgeräte passen nicht in den sieben Quadratmeter großen Aufbau des Transporters. Trotzdem ist das Behandlungszimmer gut ausgestattet: Hier können kleine Wunden genäht und EKGs geschrieben werden; es gibt ein Labor, das sofort neun Blutwerte ermitteln kann. Die Praxis soll die medizinische Versorgung auf dem Land sicherstellen. Denn die verschlechtert sich zunehmend.

Bis 2021 werden etwa 51.000 Mediziner in Rente gehen, unter ihnen 42 Prozent der heutigen Hausärzte. Viele Dörfer werden ihren Landarzt verlieren, denn der Nachwuchs fehlt. Nur jeder sechste Medizinstudent kann sich vorstellen, auf dem Land zu arbeiten.

Besorgt sucht die Bundesärztekammer nach Lösungen; man spricht von Patientenbussen, die Dorfbewohner zu Praxen bringen sollen, von Gesundheitszentren. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung startet eine Kampagne, um Studenten zur Selbstständigkeit zu bewegen. Und durch Dahlum rollt jetzt eine Praxis auf Rädern.

Das alternde Dorf

530 Einwohner hat Dahlum, kleine Fachwerkhäuser säumen die Wege, sechs Familien leben hier noch von der Landwirtschaft. Die Straßen heißen Hauptstraße, Alte Straße und Kirchweg, die Telefonnummern sind vierstellig. Früher konnten die Bewohner in einem Gemischtwarenladen und bei einem Schlachter einkaufen und ihre Kinder im Ort zur Schule schicken.

Heute gibt es nur noch den Kindergarten und die Verkaufsstelle eines Bäckers, die von fünf bis zehn Uhr morgens geöffnet hat. Der Wirt des einzigen Gasthofs, Zum weißen Ross, ist 76 Jahre alt, wie lange er seine Gäste noch bedienen kann, weiß man nicht. 1999 versuchte die Gemeinde, junge Familien ins Dorf zu locken, zwei Neubaugebiete wurden erschlossen. Noch immer liegen fünf der 21 Grundstücke brach.

Der letzte Dorfarzt von Dahlum schloss Anfang der 1960er Jahre seine Praxis, wenige Jahre später ging auch der Zahnarzt in Rente. Seither nehmen die Dorfbewohner den Bus oder das Auto nach Schöppenstedt, in die nächstgelegene Kleinstadt. Aber auch dort werden die Ärzte weniger. Gab es in den neunziger Jahren noch fünf Hausarztpraxen, sind da bald nur noch zwei Hausärzte für die 5.400 Einwohner der Kleinstadt und die zusätzlichen Patienten, die aus den umliegenden Dörfern kommen.

Der verzweifelte Patient

Ein Mann tritt durch die Tür des Dorfgemeinschaftshauses, wo bereits fünf ältere Damen um einen großen Tisch sitzen. Bei Filterkaffee und Mürbekeksen unterhalten sie sich über ihre Radieschen und den Kuchen, den es auf der letzten Beerdigung gab. Der Mann, ein breiter Rentner in Strickjacke, die Haare mit Pomade über den Kopf gekämmt, nickt den Frauen grüßend zu. "Wat denn das da draußen?", fragt er. "Da soll der Arzt drin sein?"