Ob er eine Koalition mit der AfD in Sachsen ganz sicher ausschließen könne? Steffen Flath, Chef der CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag, kann die Frage kaum noch hören. "Wir schließen eine Koalition mit der Linken und der NPD aus", sagt Flath. "Mit diesen beiden Parteien geht nichts." Aber, Herr Flath, wir hatten doch nach der AfD gefragt. "Da kann ich mich nur wiederholen", sagt Flath. "Keine Linke, keine NPD." Alles andere entscheide sich nach der Wahl.

Die eigentliche Antwort lautet also: Ja, in Sachsen muss man tatsächlich damit rechnen, dass CDU und AfD bald gemeinsam eine Regierung bilden könnten. Die Alternative für Deutschland ist im Bundesland der letzten schwarz-gelben Regierungskoalition für die CDU beinahe zu einer Art Notfallalternative für die FDP geworden.

Am 31. August finden Landtagswahlen in Sachsen statt, zwei Wochen später sind Thüringen und Brandenburg an der Reihe. In allen drei Ländern steht die AfD vor dem Einzug ins Parlament. Vor allem in Sachsen und Thüringen, seit 1990 durchweg von der CDU regiert, werden die Unionspolitiker unruhig. Sie sehen die AfD als Feind im eigenen Lager, mit dem sie endlich offensiv umgehen wollen – statt das Problem, wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel gerne sähe, einfach auszusitzen. Im Bund hat die Partei jede Zusammenarbeit, im Prinzip sogar jede Debatte über die AfD, für unstatthaft erklärt. Im Osten dagegen halten viele Unionspolitiker genau das für die falsche Strategie. Sie wollen über die AfD streiten. Mit der AfD streiten. Und einige wollen, im größten Notfall, auch mit ihr kooperieren dürfen.

Zwei Gründe gibt es für die Unruhe. Erstens die nackten Zahlen: Im Osten schnitt die AfD bei der Europawahl besonders gut ab. Während sie im Bund 7 Prozent holte, waren es in Sachsen stolze 10,1 Prozent, in Brandenburg 8,5 Prozent, in Thüringen 7,4 Prozent. Es gibt Landkreise, in denen mehr als 12 Prozent der Bürger für die AfD gestimmt haben. Die AfD lässt sich hier nicht mehr einfach wegschweigen, und das liegt nur zum Teil daran, dass in den neuen Ländern die Treue zu Parteien unter den Wählern traditionell geringer ist und dass Protestparteien hier schon immer größere Chancen hatten. Es liegt – und das ist Grund zwei für die Aufgeregtheit dieser neuen CDU-AfD-Debatte – vor allem auch daran, dass die AfD der CDU hier ähnlicher ist als anderswo.

Nirgends sehen Christdemokraten die AfD so sehr als Fleisch vom eigenen Fleische wie in Sachsen und Thüringen. Diese CDU-Landesverbände sind traditionell stramm konservativ, die Fraktionschefs Flath in Dresden und Mike Mohring in Erfurt fallen immer wieder dadurch auf, dass sie in markigen Worten eine Verweichlichung der Merkel-CDU im Bund kritisieren. "Mich haben viele AfD-Wähler angesprochen, die früher CDU gewählt haben", sagt zum Beispiel Flath. "Und ich will sie für uns zurückgewinnen. Dafür werde ich kämpfen." Vom Berliner Kurs, die AfD, so gut es geht, zu ignorieren, hält Flath – gar nichts. Natürlich freue er sich über "alle klugen Ratschläge", sagt er. Aber es mache ja wohl einen Unterschied, ob man – wie die Kanzlerin – erst in dreieinhalb Jahren wieder in den Wahlkampf ziehen müsse. Oder ob man, wie in Sachsen, längst mittendrin sei. "Deshalb nehme ich mir schon das Recht heraus, mich ein wenig anders zu äußern", sagt Flath.

Ähnlich drückt es Mike Mohring in Thüringen aus. "Wir müssen die Themen der AfD selbst aufgreifen und das auch deutlich artikulieren", sagt er. Mohring meint Themen wie Zuwanderung und die EU-Rettungspolitik, auch bei den Landtagswahlen hält er diese Themen für diejenigen, mit denen die AfD am meisten wird punkten können. "Das Totschweigen ist die falsche Taktik", findet Mohring. "Auf drängende Fragen wollen wir seriöse Antworten liefern. Und nicht populistische Antworten, wie die AfD sie anbietet." Wenngleich natürlich auch Mohring weiß, dass die CSU bei der Europawahl wohl auch deshalb jäh abgestürzt ist, weil die Wähler es offenbar nicht schätzen, wenn ein Teil der Union die AfD verdammt – und ein anderer sie imitiert.

Die AfD sieht die Debatte mit Vergnügen, sie hat sie sogar selbst befeuert. Gerade Sachsens Landesverband, angeführt von Frauke Petry, einer Vertrauten des AfD-Frontmanns Bernd Lucke, ruft die Landtagswahlen Ost zum Stresstest für die ganze Partei aus: Erst wenn man es in Sachsen, Brandenburg und Thüringen in die Parlamente geschafft habe, werde man wirklich eine etablierte Kraft sein. Dabei sei die Wahl in Sachsen "der absolute Gradmesser", sagt Thomas Hartung, AfD-Sprecher im Land. Er sagt auch, mit vollem Ernst: "Wir wollen Regierungsverantwortung."