Nein, dieses Mal keine Zukunftsgesänge, keine funkelnden Visionen, nichts, was die Architektenzunft sonst alle zwei Jahre auf ihrer Biennale in Venedig zur Schau stellt. Nun ist wirklich Schluss mit den heroischen Zeiten, und was an Radikalität noch übrig ist, reicht gerade mal, um radikal das eigene Ende zu verkünden. Mit der Architektur ist es aus und vorbei, das ist die finstere Botschaft dieser Biennale. Und damit das jeder begreift, fällt uns dort erst einmal der Himmel auf den Kopf.

Eben noch ging der Blick hinauf in die weite historische Kuppel des Hauptpavillons, blau und golden ausgemalt, geschmückt mit lauter Bildern, die von der Neugeburt der Menschheit aus dem Geist der Kunst erzählen. Und jetzt, nur ein, zwei Schritte weiter, rauscht sie herab und drückt schwer aufs Gemüt, eine andere Form von Neugeburt, diesmal aus dem Geist der Styroporplatte. Es ist eine abgehängte Decke, die mitten hineinragt in den alten Kuppelsaal, was eben noch Luft und Höhe war, wird herabgedrückt auf 2,50 Meter. Keine Malerei mehr, dafür Neonlicht und ein Raster aus Kunststoffquadraten. Jeder kennt das aus dem Büro, dem Wartezimmer, dem Kindergarten. Es ist die ganz alltägliche Gestaltungskatastrophe. Und jetzt auf der Biennale zu besichtigen.

Denn die Ausstellung interessiert sich für den Niedergang, für Stumpfsinn und hundsgemeine Hässlichkeit. Vor allem aber dafür, wie es so weit kommen konnte. Warum, fragt sie, sieht die Welt so aus, wie sie aussieht? Die Biennale will nicht einfach Architektur zeigen, sie will die Gegenwart durchdringen, mit all ihren Nöten und Verkorkstheiten. Und sie kommt zu dem nahe liegenden Schluss: Nicht allein die Bauwelt ist am Ende, die Gesellschaft ist es ebenso.

Bislang war Rem Koolhaas, der die Biennale kuratiert, eigentlich nicht für solche Kassandrarufe bekannt. Mit seinem Rotterdamer Architekturbüro baute er in Peking für das Staatsfernsehen ein zweimal geknicktes Hochhaus, in Porto ein schnittiges Konzerthaus, für Berlin plant er die neue Springer-Zentrale. Niemand kann ihm vorwerfen, der apokalyptische Grundton seiner Ausstellung sei dem eigenen Misserfolg geschuldet. Er hat es sich auch nicht einfach gemacht mit der Biennale, zwei Jahre nahm er sich für die Vorbereitung, unterstützt von Theoretikern wie Stephan Trüby und vielen Dutzend Studenten aus Harvard, wo Koolhaas unterrichtet. Gemeinsam erforschten sie die Ursachen der Krise und gingen dafür weit, sehr weit zurück in die Geschichte der Architektur. Selbst eine Feuerstelle wird ausgestellt, rund 230.000 Jahre alt, gleich daneben ihre späten Nachfahren, die Mikrowelle und der Toaster.

Wie aus der Lehmwand eine Hightech-Fassade wurde, wie aus dem einladenden Korridor ein bedrängender Fluchtweg, wie aus erhebenden Balkonen eine Abstellfläche für Bierkästen und Wäscheständer – das alles lässt sich hier verfolgen. Doch nie begnügt sich die Ausstellung nur mit Beschreibungen, sie blickt hinter die Fassaden, auch unter die grausige Styropordecke. Sie zeigt die dort verborgenen Rohre für Zuluft und Abluft, die Kabel für Rauchmelder und Videoüberwachung, die Leitungen fürs Löschwasser. Keine Decke darf heute einfach Decke sein, sie wird zum Maschinenraum, muss den Menschen mit Luft versorgen, mit Licht, mit allumfänglicher Sicherheit. Und wenn wir dann klagen, dass diese Styropormonster mit ihrem verhüllten Gekröse jeden Raum ersticken, dann klagen wir eigentlich über das Anspruchsdenken der Gegenwart.

Rasch wird aus jedem Anspruch eine Vorgabe, aus der Vorgabe eine Vorschrift, und schließlich bleibt dem Architekten kaum mehr übrig, als sich in die Rolle des Sachzwangverwalters zu fügen. Auch davon erzählt Koolhaas, etwa wenn er die österreichische Burg Hochosterwitz in Szene setzt, eine Abwehranlage mit 14 Toren, allesamt dafür präpariert, die Gegner mit heißem Teer und spießbewehrten Fallgruben abzuschrecken. Gleich gegenüber dann ein Flughafen, mit seinen endlosen Kontrollen wesentlich subtiler und zugleich noch paranoider gesichert als die Burg.