Aborigines zeigen Reisenden auf Kamelen den Weg zu einer Wasserstelle. Zeichnung von J. Macfarlane, 1898. © Hulton Archive/Getty Images

Seit Stunden durchqueren wir das australische Outback. Nicks Blick wischt am Horizont entlang wie ein Suchscheinwerfer. Über das Lenkrad hinweg hält er Ausschau nach Tieren. Nach Kamelen. Kurz vor der Siedlung Kings Creek Station wird er nervös. "Letzte Woche waren hier ganz viele." Nick ist ein junger Guide mit braun gebrannten Armen und einem Kopf voller rötlicher Dreadlocks. Vor vier Jahren ist er aus Adelaide heraufgezogen, weil er im Outback an Orte wollte, an die noch nie ein Weißer seinen Fuß gesetzt hat. "Da!" Nick bremst so abrupt, dass seine Rastazöpfe wippen. "Kamele!"

Immerhin ein halbes Dutzend. Ich hatte auf mehr gehofft. Denn mitten im Land der Koalas und Kängurus sollen Hunderttausende wilde Kamele leben. Die Zeitungen nennen sie eine "Plage". Ich stelle mir Horden von Tieren vor, die übers Land preschen, Staub aufwirbeln und dabei doch, in Australien, irgendwie fehl am Platz wirken müssen. Das wollte ich sehen.

Das halbe Dutzend einhöckriger Kamele vor uns im Busch steht ruhig da. Auf den hohen, dünnen Beinen sehen ihre mächtigen Körper aus wie bepelzte Tanks. Kurz wenden sie uns die Köpfe zu, dann zupfen sie mit dicken Lippen weiter am Gestrüpp. In den letzten Tagen hat es einige Male geregnet, das kommt im Outback nur alle paar Monate vor. Seither ist die Vegetation wie im Zeitraffer gediehen. Grüne Blätter hängen an den wenigen, mageren Bäumen, Gebüsch hat sich am Boden lebendig gefärbt. So beiläufig wie möglich bewegen wir uns über knisternden Grund auf die Tiere zu. Es ist wie beim Spiel "Schwarzer Mann": Sie gucken – wir bleiben stehen. Sie wenden sich ab und kauen weiter – wir rücken näher. Eine merkwürdige Pirsch: Wir sind weder auf Safari noch im Streichelzoo. Spazieren wir nicht einfach ins Wohnzimmer wilder Tiere in der Hoffnung, dass sie es sich gefallen lassen?

Zwei wilde Kamele im australischen Outback, hier 2004 © REUTERS/STR New

Zu Fuß fühle ich mich in dieser Wildnis ungeschützt und fremd. Seit wir aus dem Auto gestiegen sind, haben sich Schwärme von Fliegen auf uns niedergelassen. Warum erzählt nie jemand von den Fliegen im Outback? Sie stechen nicht und übertragen keine Krankheiten. Aber sie wollen in die Augen, in die Nase, in den Mund. Das Herumfuchteln, um sie zu vertreiben, macht nervös und droht die Kamele zu verjagen. Ich ziehe ein schwarzes Netz über den Kopf, dann wagen wir uns noch ein wenig weiter vor. Menschliche Spuren sind nirgends zu sehen. Die Aborigines, die auf diesem Land seit Hunderttausenden von Jahren leben, siedeln abseits der Straßen an Orten, die kein Fremder finden soll.

Auch die Kamele waren hier einst fremd. Als Pioniere aus Europa im 19. Jahrhundert begannen, den Kern des australischen Kontinents zu erforschen, führten sie einhöckrige Kamele als Lastentiere ein – die ersten kamen aus Teneriffa, die meisten aus Pakistan und Indien. In wenigen Jahrzehnten wurden über 10.000 Dromedare ins Land gebracht, das letzte reiste 1907 ein. Dann brach in Pakistan die Maul- und Klauenseuche aus, und der Import endete. In den 1920er Jahren wurden die Dromedare von Autos und der Eisenbahn abgelöst. Viele Besitzer ließen ihre Tiere einfach frei. Sie dachten, die domestizierten Dromedare würden in der Wildnis bald verhungern. Stattdessen begannen sie sich zu vermehren. Zwischen 700.000 und eineinhalb Millionen wilder Kamele sollen es heute sein. Sie fressen kleineren Tieren die Blätter weg und verdrängen sie von den Wasserlöchern. Den Rinderfarmern trampeln sie die Zäune nieder, wenn sie auf der Suche nach Wasser in ihr Land eindringen. Alle drei bis vier Jahre lässt die Regierung Jäger in Flugzeugen ausziehen, um ein paar Zehntausend der Tiere zu erschießen.

Kamele sind Vegetarier. Wir sind Störenfriede, keine Beute

Aber wir kommen in friedlicher Absicht und wollen nur schauen. Die Tiere vor unseren Augen sind eine greifbare Verbindung in die Zeit, als es von Australien noch keine Landkarte gab. Sie sind die Nachfahren jener Dromedare, an deren Seite Hunderte Pioniere starben, weil sie keine Vorstellung von der Trockenheit und der Weite dieses Landes hatten und deshalb verdursteten. Als wir noch etwa zehn Meter von der Gruppe entfernt sind, wendet eines der Tiere uns den Hintern zu. Nick bedeutet, stehen zu bleiben. "Wenn man sie nervt, können sie treten und beißen." Dann trotten die Kamele davon, und auch wir beginnen den Rückzug. Angreifen würden wilde Kamele nicht. Sie sind Vegetarier. Wir sind Störenfriede, keine Beute.

Wir fahren weiter, Alice Springs entgegen, der einzigen nennenswerten Stadt in Australiens Mitte. Jäh steigt der prähistorische Sandsteinriegel der MacDonnell Ranges neben der Fahrbahn an und begleitet uns viele Kilometer lang. Mal sind die Felswände glatt, mal sandig rau, in Rot-, Orange- und Ockertönen ziehen sie vorbei. Immer wenn wir haltmachen, atmen wir den Geruch von Stein, herben Pflanzen und warmer Erde ein. Die trockene Hitze, die vom Boden aufsteigt und vom Himmel herabstrahlt, spürt man bis auf die Knochen. Ohne Auto und Wasserflasche wäre man hier innerhalb weniger Stunden verloren. Kamele kommen hier gut zurecht, sie riechen Wasser kilometerweit. Da sie keine natürlichen Feinde haben, können sie ihre Population alle paar Jahre verdoppeln. Von einer "Plage" im Outback bemerke ich trotzdem nichts. Das Land scheint so unermesslich groß, dass es auch eine Million Kamele ohne Weiteres schluckt. Wir sehen heute kein einziges mehr.

130 Kilometer vor Alice Springs halten wir an einer einfachen, lang gezogenen Holzbaracke, dem Glen Helen Resort. Wir setzten uns an einen Tisch hinter dem Haus. Nick bestellt zum Trost Kamelburger. "Ooooh, sorry", säuselt die Bedienung. "Heute haben wir nur Kamelwürstchen." Wie eine Absperrung ragt der rote Sandstein der westlichen MacDonnell Ranges direkt hinter der Terrasse Hunderte Meter in die Höhe. Die Würstchen sehen aus wie Merguez und werden auf einem Salatbett serviert. Kamelfleisch ist dunkelrot, es schmeckt würzig, aber nicht nach Wild. Erst 1988 wurde in Australien zum ersten Mal ein Kamel für den menschlichen Verzehr geschlachtet; und noch vor zehn Jahren aß man im ganzen Land gerade einmal 300 Kamele pro Jahr. Viel mehr sind es bis heute nicht geworden. In Supermärkten, sagt Nick, kann man ihr Fleisch nicht kaufen.