Hätte es im London des Jahres 1714 schon Bestsellerlisten gegeben, dann wäre der oberste Platz mit Sicherheit monatelang von einem Büchlein besetzt worden, dessen Titel auf eine hübsche kleine Tiergeschichte schließen ließ. "Die Bienenfabel" stand harmlos auf dem Umschlag dieser Broschüre. Doch der Stachel steckte im Untertitel: "Private Laster als öffentliche Vorteile" las man in kleineren Lettern – eine Paarung, die den Tugend- und Moralvorstellungen im Reich der Stuart-Königin Anne krass zuwiderlief.

Verfasser dieses Werkes war ein Arzt und Philosoph, Bernard Mandeville, der aus den Niederlanden stammte, aber schon seit einigen Jahren in London lebte. Der Text, der in Form eines längeren Gedichtes verfasst war, enthielt eine unerhörte These. Zu den Grundlagen einer funktionierenden Gesellschaft, so behauptete der Autor, gehörten nicht etwa nur Tugend, Anstand, Sitte und Moral. Mindestens ebenso wichtig für das Gedeihen eines Landes seien das Laster, die Unmoral, ja sogar das Verbrechen.

Verbrechen als Grundlage des Staates? Das konnte ja wohl nicht ernst gemeint sein. Zumal jeder Leser nach der Lektüre des Gedichtes annehmen musste, dass mit dem "Bienenstock", dessen "Macht und Reichtum unvergleichlich" waren, Großbritannien gemeint sei.

Schon ein paar Jahre zuvor, 1705, hatte derselbe Autor in London eine sogenannte Sixpenny-Broschüre mit dem Titel "Der unzufriedene Bienenstock" veröffentlicht, in der diese Behauptung zum ersten Mal aufgestellt worden war. Das umstrittene Gedicht verkaufte sich so erfolgreich, dass noch im selben Jahr ein Raubdruck davon erschien. Mandeville erweiterte den Text nach und nach mit Anmerkungen und Ergänzungen, und 1714, vor nunmehr dreihundert Jahren, erschien die neue Ausgabe unter dem heute geläufigen Titel Die Bienenfabel . Es sollte ein Klassiker der modernen Moralphilosophie wie auch der Wirtschaftsliteratur werden. Ein Buch, das seinem Autor Unsterblichkeit bescherte. Heute wird Mandeville mit David Hume, Voltaire und Montaigne in einem Atemzug genannt.

Aber wer war dieser Autor? Ein Provokateur? Ein politischer Rebell?

Nach emsigen Recherchen fand man heraus, dass der Verfasser der Bienenfabel anscheinend ein durchaus respektabler Mann war. Bernard Mandeville, in London als Mediziner tätig, stammte aus einer französischen Hugenottenfamilie, die sich Ende des 16. Jahrhunderts in Holland niedergelassen hatte. Dort wurde Mandeville geboren, wahrscheinlich in Rotterdam, jedenfalls empfing er in der Stadt am 20. November 1670 die Taufe.

Bernard Mandevilles Vorfahren väterlicherseits waren ebenfalls Ärzte gewesen. Er selbst hatte an der Universität in Leiden zunächst Philosophie studiert und danach ein Medizinstudium mit der Promotion abgeschlossen. Eine Zeit lang war er als Facharzt für Nerven- und Magenkrankheiten tätig. In den neunziger Jahren zog er nach London. 1699 heiratete Mandeville eine Engländerin, Ruth Laurence, mit der er zwei Kinder bekam.

An seinem Lebenslauf war also nichts auszusetzen. Wie aber konnte ein so gebildeter Mann dem Laster und der Tugend den gleichen Stellenwert einräumen?

Die Antwort steckt im Gedicht. Am Beispiel eines erdachten Bienenstaates beschreibt Mandeville eine wohlhabende, aber gewissenlose Gesellschaft, in der die Reichen sich allem erdenklichen Luxus hingeben, die Armen aber schuften müssen, um überhaupt existieren zu können:

Manch Reicher, der sich wenig mühte, / Bracht’ sein Geschäft zu hoher Blüte, / Indes mit Sense und mit Schaufel / Gar mancher fleißige arme Teufel / Bei seiner Arbeit schwitzend stand, / Damit er was zu knabbern fand.

In Mandevilles Schilderung bleibt kein Berufsstand von Kritik verschont. Sämtliche Mitglieder des Bienenstaates kümmern sich ausschließlich um ihre persönlichen Interessen, raffen gierig zusammen, was sie kriegen können, und vernachlässigen darüber ihre beruflichen Pflichten. Bestechliche Beamte, heuchlerische Geistliche, unehrliche Juristen bevölkern den Bienenstock ebenso wie gewissenlose Mediziner:

Den Ärzten, wurden sie nur reich, / War ihrer Kranken Zustand gleich. / Aufs Heilen gaben sie nicht viel, / Sie setzten sich vielmehr zum Ziel, / Durch eifriges Rezepteschreiben / Des Apothekers Freund zu bleiben.

Dennoch gedeiht der Bienenstaat prächtig, wird reich und mächtig, sodass der Dichter sarkastisch ausruft:

Wie hat’s ein solches Land doch gut, / Wo Macht ganz auf Verbrechen ruht!

Irgendwann aber tritt in diesem Staat eine grundlegende Veränderung ein. Jupiter, der Herr der Götter, hat ein moralisches Machtwort gesprochen. Die Bienen denken um. Alle loben plötzlich die so lange vernachlässigte Tugend, und im Bienenstaat entschließt man sich, von nun an sparsam und anspruchslos zu leben. Man geht nicht mehr in kostspielige Restaurants und trägt nur noch preisgünstige Kleidung, "verflogen ist der Modewahn". Bankiers bescheiden sich mit niedrigen Gehältern, Rechtsanwälte nehmen kaum noch Geld für ihre Beratung, und Chefärzte kümmern sich ohne Honoraraufschlag persönlich um ihre Patienten.

Die Gosse der Weltstadt London inspiriert ihn zu seinem Werk

Doch diese neue Bescheidenheit hat für das Bienenvolk eine sehr unerfreuliche Kehrseite:

Da man auf Luxus jetzt verzichtet, / So ist der Handel bald vernichtet. / Manch Handwerk mehr und mehr verfällt, / Betriebe werden eingestellt. / Darnieder liegt Kunst und Gewerb.

Der Handel kommt zum Erliegen, weil die entscheidende Triebkraft der Wirtschaft fehlt: die Gier, das andauernde Habenwollen, der ständige Wunsch nach mehr und immer mehr. Das bislang so stabile Staatswesen bricht allmählich in sich zusammen. Denn, so stellt Mandeville fest: Sucht ist zweifellos ein Laster, doch nur die Sucht nach Besitz führt zu gesellschaftlichem Wohlstand. Mit Tugend allein ist offenbar kein Staat zu machen.

Den Anstoß zu seiner Bienenfabel erhielt Bernard Mandeville durch die politische und soziale Situation Londons nach der Glorious Revolution von 1688. Damals setzten die Gegner des königlichen Absolutismus in England die Bill of Rights durch und begründeten damit das heutige parlamentarische Regierungssystem. Nach der Revolution hatte sich England sehr bald zum ersten Handels- und Industriestaat der Welt entwickelt. Ein neues Großbürgertum, das politischen Einfluss gewonnen hatte, versuchte dabei, sich den luxuriösen Lebensstil des bis dahin dominierenden Landadels anzugewöhnen. Zurück blieben Massen verarmter Bauern, die ihren Pachtherren den Zins nicht mehr zahlen konnten. Sie strömten in die Slums der neuen Industriestädte und Londons, wo unzumutbare Zustände herrschten. Schmutz und Seuchen, Kriminalität, Alkoholismus und Prostitution bestimmten, wie William Hogarth es 1751 auf seiner Gin Lane darstellte, das Bild ganzer Straßenzüge in London.

Zivilisatorischer Fortschritt und wirtschaftlicher Erfolg sind nach Mandeville nicht ohne Selbstsucht und Verfall der Sitten möglich. Zum Selbsterhaltungstrieb und zur damit verbundenen Eigenliebe erklärt er sehr überzeugend: "Es gibt nichts so allgemein Unverfälschtes auf Erden wie die Liebe, die jedes Geschöpf, das ihrer fähig ist, zu sich selbst hegt. Da es ferner keine Liebe ohne gleichzeitiges Streben nach Erhaltung des geliebten Gegenstandes gibt, so wird man in keinem lebenden Wesen etwas finden, was aufrichtiger gemeint wäre als sein Wille, Wunsch und Bemühen, das eigene Selbst zu erhalten. Dies ist ein Naturgesetz."

Der Selbsterhaltungstrieb, der die Konkurrenz zu anderen Menschen einschließt, klammert damit aber nicht die Neigung zur Geselligkeit aus. Allerdings erkennt Mandeville beim zwischenmenschlichen Umgang weder einen allgemeinen Trieb zur Geselligkeit noch zu altruistischen Handlungen. Zwar sei der Mensch ein Lebewesen, das sich mit seinesgleichen zu großen Gesellschaften vereinen könne; dies aber, meint Mandeville, geschehe keinesfalls aus persönlicher Zuneigung. Das wahre Motiv für eine Zusammenkunft mit anderen sei das Eigeninteresse – das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit in einer Gruppe und das Unbehagen in der Isolation. Mandevilles Zeitgenosse Immanuel Kant spricht in seiner Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht in diesem Zusammenhang vom Zwang zur "ungeselligen Geselligkeit".

Auf eine spezielle Art der Geselligkeit hatte Mandeville dabei ein besonders wachsames Auge. Im Jahre 1724 veröffentlichte er "Eine bescheidene Streitschrift für öffentliche Freudenhäuser oder ein Versuch über die Hurerei, wie sie jetzt im Vereinigten Königreich praktiziert wird". In dieser Schrift setzte Mandeville sich, gegen heftigen Widerstand konservativer Gruppen, entschieden für eine staatliche Kontrolle der Prostitution ein. Ein Verbot sei sinnlos, weil sie nicht auszurotten sei. Öffentliche Freudenhäuser hätten außerdem den Vorteil, die Ehre der unbescholtenen Frauen und Mädchen zu schützen.

Mandeville, der Arzt und Philosoph, hatte große Mühe, seine Thesen und Vorschläge unter die Leute zu bringen. Er stieß gegen Mauern. "Die kurzsichtige Menge kann in der Kette der Ursachen selten weiter sehen als ein Glied", schrieb er. "Die aber ihren Blick darüber hinaus zu richten vermögen und sich die Muße gönnen, das ganze Schauspiel zusammenhängender Ereignisse aufmerksam zu betrachten, können immer und immer wieder finden, wie Gutes aus Üblem entspringt und sich entwickelt wie das Hühnchen aus dem Ei."

Kapitalistischer Fortschritt gilt bei Mandeville so selbstverständlich als Synonym für das Gedeihen eines Volkes, dass der Verlust von Tugend, das Elend der Armen und die Entzweiung der Gesellschaft hingenommen werden. Der Luxus, so Mandeville, ist Bedingung der Existenz arbeitender Armer. "Tugend" und "Seelenfrieden" werden als Relikte früherer Zeiten abgelehnt, in denen man habe "Eicheln essen" müssen.

In seinen Anmerkungen zum Gedicht nennt Mandeville diejenigen Autoren, auf die er sich kritisch oder zustimmend bezieht. Die Würdigung des "Lasters" als notwendig für den Fortschritt richtet sich vor allem gegen Anthony Ashley-Cooper, den Earl of Shaftesbury, der ein Gönner des Philosophen John Locke war. In seiner Untersuchung über die Tugend hatte Shaftesbury ethisches Handeln als Basis für die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft gelobt.

Als vermeintlicher Unruhestifter wird er vor Gericht gestellt

"Stolz, Luxus und Betrügerei / muss sein, damit ein Volk gedeih’", dieser Satz aus der Bienenfabel ist als "Mandevilles Paradoxon" bekannt geworden. In seiner Skepsis sieht sich Mandeville ausdrücklich mit Michel de Montaigne einig, denn der große Franzose sei "über die Fehler der Menschen recht gut unterrichtet" gewesen. Vor allem aber stützt sich Mandeville auf den Philosophen Thomas Hobbes. Der hatte in seinem Leviathan, in dem er einen aufgeklärten Absolutismus vertritt, den Menschen als Triebwesen charakterisiert und die bürgerliche Gesellschaft in einem "Kampf aller gegen alle" gesehen.

Von vielen seiner Zeitgenossen ist Mandeville scharf kritisiert worden. Dass er "private Laster" für notwendig hielt, damit Wirtschaft und Gewerbe gedeihen können, wurde ihm als Apologie verantwortungslosen Handelns ausgelegt. Gegen diesen Vorwurf verwahrte sich Mandeville nachdrücklich. Er habe seine Fabel keineswegs geschrieben, um Menschen zum Laster zu ermutigen, sondern schlicht um dessen Notwendigkeit zu belegen.

Trotz seiner Beteuerungen wurde Mandeville vor das Obergericht der Grafschaft Middlesex zitiert, um sich gegen den Vorwurf zu rechtfertigen, "alle Ordnung und allen Gehorsam in der Kirche" umstürzen zu wollen, Religion und Tugend in ihrem Wert für die Gesellschaft herabzusetzen, alle möglichen Laster als notwendig für die öffentliche Wohlfahrt darzustellen und sogar "mit gekünstelten Lobreden" die Notwendigkeit von Bordellen zu behaupten und damit die Nation zu verführen.

In seiner Rechtfertigungsrede wehrte sich Mandeville gelassen gegen die Vorwürfe. "Ich würde es bedauern, wenn irgendein wohlmeinender Mann an den Worten ›Private Laster als öffentliche Vorteile‹ Anstoß genommen haben sollte. Ihr Geheimnis ist bald gelüftet, wenn man sie einmal richtig verstanden hat; aber kein ernsthafter Beurteiler wird ihre Unschädlichkeit infrage stellen, wenn er den letzten Absatz gelesen hat, wo ich Abschied vom Leser nehme und schließe mit der Wiederholung des scheinbaren Paradoxons, dessen Grundgedanke auf dem Titelblatt ausgesprochen ist: nämlich dass die privaten Laster durch das geschickte Vorgehen eines Politikers in öffentliche Vorteile umgewandelt werden können."

Eine weitere Rechtfertigung hielt Mandeville nicht für nötig. Falls aber, so sagte er, in seinem ganzen Buch "nur das kleinste Tüftelchen von Gotteslästerung oder auch nur die geringste Tendenz zur Immoralität oder Sittenverderbnis gefunden werden" könne, "will ich nicht nur widerrufen, sondern gleichzeitig die beleidigte Öffentlichkeit in der feierlichsten Form um Verzeihung bitten und, wenn der Henker als zu gut für dieses Amt befunden wird, selbst mein Buch verbrennen".

So weit ist es zum Glück nicht gekommen. Man hat nie aufgehört, Mandeville zu lesen und über ihn zu streiten. Auch nicht, nachdem der Arzt, Philosoph und Sozialpsychologe am 21. Januar 1733 im Londoner Stadtbezirk Hackney starb.

Adam Smith bezog sich mehrmals in seinem Werk auf die Bienenfabel . Die "unsichtbare Hand", die den Markt regele, sobald die Menschen ihren Interessen nachgehen und sich der Staat heraushält, steht in Nachbarschaft zu Mandeville, in dessen Fabel der Nutzen des Lasters auch für die Mehrzahl der Menschen unsichtbar bleibt und nur von einigen Meisterdenkern mit dem totalen Überblick wie Mandeville selbst erkannt werden kann. Karl Marx rechnete Mandeville an, dass er "unendlich kühner und ehrlicher als die philisterhaften Apologeten der bürgerlichen Gesellschaft" gewesen sei. Der Soziologe Marcel Mauss befand in seinem berühmten Essay Die Gabe, dass Mandeville einen Wendepunkt in der Geschichte darstelle, weil er als Erster den "Homo oeconomicus", den nur seinem Eigeninteresse verpflichteten Menschen, ersonnen habe. Und über den wirtschaftsliberalen Theoretiker Friedrich Hayek schließlich wurde die Bienenfabel mit einem Projekt verknüpft, das auf mehr Markt, mehr Konkurrenz und mehr Freiheit zielte, heute besser bekannt unter dem Namen Neoliberalismus.

Für viele ist Mandeville schockierend gottlos, für andere geradezu ein Heiliger. Einigen kann man sich vielleicht darauf, dass er ein brillanter Denker und Satiriker gewesen ist, den man immer noch lesen und genießen sollte. Allerdings durchaus mit Vorsicht: Denn wer weiß schon, wie weit die Satire bei Mandeville geht! Kann wirklich der Eigennutz das letzte Wort sein, wenn man mit einem Buch seinen Lesern etwas zu verstehen geben will? Würde man wirklich ein Buch schreiben, wenn man nicht glaubte, damit andere zu erreichen, ihnen zu helfen oder sie zu unterhalten? Man darf sich Mandeville deshalb auch als einen Wohltäter vorstellen, der den Umweg übers Laster nicht zu nehmen brauchte.