Vor diesem sanften Mann fürchten sich die mächtigen Nationen China und Indien – denn als religiöser Lehrer ist er die Hoffnung der jungen Tibeter, und als Wachstumskritiker zieht er bei seinen öffentlichen Reden Tausende Menschen an. Bisher durfte Orgyen Trinle Dorje nicht nach Europa reisen, jetzt war er zum ersten Mal in Berlin. Beim Interview trägt der Karmapa ein weinrotes Mönchsgewand, eine gelbe Schärpe hängt über seinen Schultern, der Kopf ist rasiert. Seine großen Themen sind Liebe und Mitgefühl, Ökologie sowie Frauenrechte. Er ist ein Star des globalisierten Glaubens, aber tritt wie ein einfacher Mönch auf. Zur Begrüßung in Berlin schüttelt er den Redakteuren die Hand und sagt freundlich "Guten Morgen". Begleitet wird er von zwei Nonnen, die eine wird für ihn übersetzen. Er versteht zwar Englisch, doch er antwortet lieber auf Tibetisch. Nur manchmal, wenn eine Frage ihn besonders bewegt, reagiert er spontan auf Englisch.

DIE ZEIT: Euer Heiligkeit, wie fühlt man sich als Auserwählter? Haben Sie gespürt, dass Sie, gerade Sie, der neue Karmapa sind?

Karmapa: Es war ein sehr seltsames Gefühl. Dass ich mit sieben Jahren plötzlich das Oberhaupt unserer Glaubensgemeinschaft wurde, hat mich und meine Eltern vollkommen überrascht und verwundert. Ich stamme aus einer nomadischen Familie aus dem Osten von Tibet. Meine Familie ist zwar sehr religiös, es hing auch immer ein Bild meines Vorgängers an unserem Altar, aber niemals hatte ich daran gedacht, etwas mit dem Sechzehnten Karmapa zu tun zu haben. Ich war damals, als ich erwählt wurde, noch ein Kind und erlebte die neue Situation mit meinem kindlichen Verstand. Ich hoffte vor allem, dass ich viele Spielsachen bekommen und viel Spaß haben würde mit neuen Spielkameraden.

ZEIT: Und, hatten Sie Spaß?

Karmapa: Nein, es war überhaupt nicht lustig.

ZEIT: Was passierte?

Karmapa: Ich wurde von Mönchen abgeholt und in ein tibetisches Kloster gebracht, das ich nicht kannte, weit weg von zu Hause, hoch in den Bergen. Ich musste alles, was mir vertraut war, zurücklassen, meine Eltern, meine Freunde, die Heimat. Am Tag meiner Ankunft in Tshurphu erwarteten mich eine Menge Menschen. Im Kloster wurde ich sofort in den vierten Stock gebracht, in den Trakt, der dem Karmapa vorbehalten ist. Auch dort warteten überall Unbekannte. Sie waren viel älter als ich, sie wirkten sehr ernst und beobachteten mich die ganze Zeit. In jener Zeit war ich oft traurig. Denn zuvor konnte ich ja überall frei herumrennen, jetzt musste ich plötzlich still sein und viel lernen. Ich fühlte mich wie in einem Käfig.

ZEIT: Haben Sie manchmal überlegt, davonzulaufen?

Karmapa: Ja, einige Male schon.

Der Karmapa sagt diesen Satz spontan auf Englisch und beginnt so auch die nächste Antwort, bevor er wieder tibetisch spricht.

ZEIT: Und was hat Sie dazu bewogen, am Ende doch zu bleiben?

Karmapa: Ich weiß es nicht genau. (er zögert) Es gab ja keinen Ort, an den ich hätte flüchten können. Nach und nach habe ich mich an die Situation gewöhnt. Außerdem haben mich meine Eltern sehr darin bestärkt, im Kloster zu bleiben und meine Aufgabe anzunehmen. Sie hielten das für sehr wichtig, und ich bin ihnen dafür dankbar. Nach einer gewissen Zeit spürte ich, dass nicht nur meine Eltern Herzenswärme haben. Es sorgten und kümmerten sich ja auch viele andere Menschen um mich. Nach und nach bekam ich neben meinen leiblichen viele andere Eltern.

ZEIT: Mit dem Buddhismus verbindet man in den westlichen Kulturen vor allem Friedfertigkeit und Ausgeglichenheit. Besaßen Sie diese Eigenschaften, oder mussten Sie sie im Laufe der Zeit erwerben?

Karmapa: Wissen Sie, ich bin noch nicht sehr alt. Aber ich habe viel erlebt, auch viel Schlechtes, etwa meine überstürzte Flucht aus Tibet in aller Heimlichkeit. Ich bin älter, als meine Lebensjahre es erscheinen lassen. Dass ich das alles überstehen konnte, hat natürlich mit dem Buddhismus zu tun. Ich kann Ihnen aber nicht wirklich erklären, wie das funktioniert. Vielleicht hängt es mit meiner buddhistischen Prägung zusammen. Es hat nichts damit zu tun, dass ich häufig bete. Ich habe den Dharma, die Lehren des Buddha, schon kennengelernt, als ich noch sehr klein war. Ich trage sie im Herzen und im Geist. Sie geben mir Stärke.

ZEIT: Gibt es etwas, was wir im Westen vom Buddhismus lernen sollten?

Karmapa: Wenn wir an Religion denken, dann fallen uns oft vor allem Regeln, Rituale und Gewohnheiten ein. Ich glaube aber, dass Spiritualität in unser aller Natur liegt, dass wir ganz spontan über sie verfügen. Sie ist ein tiefes Wissen, das Menschen schon sehr früh erfahren haben, als es noch keine festen religiösen Lehren gab. Alle Religionen wurzeln in diesem Wissen. Über die Zeit hinweg erstarrte die Spiritualität jedoch in Traditionen, und wir haben unseren spontanen Zugang zu ihr verloren. Buddhas wichtigste Lehren haben alle mit dem wirklichen, mit dem tatsächlichen Leben zu tun.