Fifa-Präsident Sepp Blatter mit dem WM-Pokal © Paulo Whitaker/Reuters

Was für ein Geschäft! In dieser Woche wurden mehrere Hundert Millionen Euro – zwangseingetrieben in allen deutschen Haushalten – für ein Produkt bezahlt, von dem noch niemand weiß, wie es einmal aussehen wird. Das finden Sie absurd und skandalös? Herzlich willkommen im Reich des Fußballs und seiner Regierung, der Fifa!

Das ist der Deal: Wenige Tage bevor die WM in Brasilien beginnt und vielleicht unschöne Szenen von Straßenschlachten, Fankrawallen oder einsturzgefährdeten Stadien über die Bildschirme in aller Welt flimmern, hat die Fifa noch schnell die Fernsehrechte für die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 verhökert. Geplant sind die beiden Turniere in Russland und Katar. Ob sie dort stattfinden, ist bei dem neuen weltpolitischen Gerangel zwischen Ost und West und den immer weiter wuchernden Korruptionsgeschichten in Katar ungewiss. Und doch haben ARD und ZDF – angeblich zu unserem, der Zuschauer Wohl – beherzt zugegriffen. Wie viele Gebühren genau die zwei Katzen in einem Sack kosten, wird noch nicht verraten. 350 Millionen Euro dürften es wohl sein, schließlich waren schon für die WM 2014 allein zwischen 150 und 180 Millionen Euro fällig.

Eine Menge Geld, das da an einen kleinen Verein nach Schweizer Recht gezahlt wird, der sich nach Artikel 60 des eidgenössischen Zivilgesetzbuches allein "nicht wirtschaftlichen Aufgaben" widmen sollte. Laut ihrer Satzung müsste es der Fifa einzig darum gehen, "den Fussball fortlaufend zu verbessern und weltweit zu verbreiten, wobei der völkerverbindende, erzieherische, kulturelle und humanitäre Stellenwert des Fussballs berücksichtigt werden soll". Doch als Monopolist, der allein über die Regeln des Spiels und dessen Vermarktung entscheidet, hat sich der Verein von der moralischen Anstalt längst zum Milliarden-Konzern gewandelt. Offene Vertragsbrüche mit Geschäftspartnern kommen dabei genauso vor wie als "Entwicklungshilfe" getarnte Bestechung.

Wie wenig in dieser Welt ein gegebenes Wort zählt, hat gerade der Fifa-Präsident persönlich wieder vorgeführt: Seine jetzige, die vierte Amtszeit sei definitiv die letzte, versprach Sepp Blatter 2011. Nun, beim Fifa-Kongress in dieser Woche, bereitet der 78-Jährige ungerührt seine fünfte Amtszeit vor. "Die Leidenschaft lodert noch in mir", sagte er in São Paulo, "ihr müsst Ja oder Nein sagen." Inzwischen ist es ihm sogar gelungen, als der Ausmister jenes Saustalls dazustehen, den er selbst angerichtet hat. Eine von Blatter berufene Ethikkommission ermittelt seit Monaten; in sechs Wochen soll sie ihren Bericht vorlegen – genau dann, wenn nach dem Schlusspfiff in Brasilien die Aufmerksamkeit am geringsten ist.

Warum kommt der Wendehals mit all seinen Manövern immer wieder durch? Weil vom Geschäft mit dem Fußball für jeden etwas abfällt. Glaubt man Medienberichten soll selbst der Kaiser im Ruhestand nicht widerstehen haben können: Franz Beckenbauer, so wird kolportiert, habe seine Kontakte nach Katar ausgespielt, um einem deutschen Unternehmen zu helfen, das wiederum eine Menge für dessen Stiftung gespendet habe – es wäre ein Klassiker in der Fifa-typischen Grauzone von Geben und Nehmen.

Inzwischen dämmert zumindest einigen der Sponsoren, dass das miese Image der Fifa auch auf ihre Produkte abfärben könnte. Sony und adidas fordern eine "angemessene Untersuchung" der Korruptionsvorwürfe rund um die WM in Katar. Klingt ziemlich weich – und ist doch unerhört in der Männerwelt der mehrstelligen Gefälligkeiten. Doch nur, wenn nun auch andere der Fifa-"Partner" wie Coca-Cola genug haben vom Gemauschel, wird sich an den Zuständen etwas ändern. Gleiches gilt für die TV-Sender: Solange sie in der Vorfreude auf Traumquoten keinerlei Bedingungen an ihre Zahlungen knüpfen, können die 25 Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees die WM vergeben, wie und wohin sie wollen.

Und hier beginnt auch die Verantwortung jedes einzelnen Fußballfans. Bislang hat er sich damit trösten können, dass die Machenschaften der Fifa das Spiel selbst und die Freude daran nicht beeinträchtigten. Doch inzwischen sterben auf den Stadion-Baustellen Hunderte Arbeiter, und unter der Sonne Katars werden selbst die abgebrühtesten Profis nicht mehr laufen können wie gewöhnlich. Konsumenten und Gebührenzahler haben Macht: Trinkt andere Getränke! Tragt andere Klamotten! Fahrt andere Autos! Verlangt etwas für eure TV-Gebühren! Noch ist das Spiel nicht verloren!