Mein lieber Martenstein!

Jetzt beginnen also wieder die Feiertage des Heiligen Spiels: quasireligiöse Ekstase und globale Emotion für alle – bloß nicht für mich. Für mich sind es Tage des Zorns. Fußball ist ein Massenphänomen – aber mich macht er einsam. Finden Weltmeisterschaften statt, fühle ich mich wie der Unmusikalische im Konzert, der Mönch im Bordell, der Veganer in der Metzgerei: draußen.

Ich fürchte, lieber Martenstein, Sie als begeisterter Fußballfan werden das nicht verstehen. Ich will dennoch versuchen, Ihnen zu erklären, warum diese Sportart, die mir einst nur einerlei war, inzwischen meine herzliche Abneigung erregt.

Fußball begleitet mich seit meiner Kindheit in München. Mein Vater, ein Franke, war Fan des 1. FC Nürnberg. Mein Bruder: Fan des TSV 1860 München. Meine Schwester: begeisterte Anhängerin zahlreicher Clubs. Mein Ehemann, wie ich aus München: besessener Fan des FC Bayern. Heute leben wir beide in Hamburg. Und mein Mann – inzwischen ein Herr von über 50 Jahren mit zwei Hochschulabschlüssen – sitzt abends mit einem bayerischen Freund vor dem Fernseher, je nach Spielstand jubeln sie, regen sich auf oder verfallen in Trübsal. Die beiden tragen rot-weiße Schals um den Hals, die zum Zeichen ihrer Mitgliedschaft beim FC Bayern mit ihren Namen bestickt sind.

Diese Schals sind zu 100 Prozent aus Polyacryl. Aber die Männer, die sonst nur Leinen und Baumwolle tragen, finden sie sehr angenehm auf der Haut.

Ich erzähle das, weil diese Kunststoffschals ein Sinnbild sind für all das Falsche und Verlogene, das dem Fußball und den damit verbundenen "großen Gefühlen" mittlerweile anhaftet.

Ich erlebe das hautnah. Wir haben – wie so mancher halbwegs fußballbegeisterte Haushalt – ein Abo des Bezahlsenders Sky. Seither frisst sich der Fußball durch unser Wochenende. An einem normalen Bundesliga-Spieltag treten 18 Mannschaften in neun Spielen gegeneinander an. Früher wurden all diese Spiele gleichzeitig angepfiffen, die Radioschalte im Bayerischen Rundfunk hieß Heute im Stadion, und mein Vater war wie alle Väter am Samstag 90 Minuten lang beschäftigt.

Inzwischen beginnt der Aufmerksamkeitserregungsterror mit einem Spiel am Freitagabend und zieht sich mit weiteren acht Spielen durch die Nachmittage und die Abende des Samstags und Sonntags. Montags steht dann das Spitzenspiel der Zweiten Liga an, dienstags und mittwochs Champions League, donnerstags Europa League – und nicht zu vergessen die Länderspiele.

Sie werden entgegnen: "Liebe Frau Rückert: Jeder ist Herr seiner eigenen Zeit. Wer nicht mag, soll Sky halt abschalten."

So einfach ist das nicht. Fußball ist eine Sucht, die vor allem Männer befällt. Eine Droge, die Väter den eigenen Söhnen verabreichen. Schon kleine Jungs lernen Spiele auswendig, leeren ihre Spardosen für Sammelalben, kleben Bilder ihrer Kicker-Ikonen ein und kommen nicht mehr davon los. Fußball ist seelische Schwerstarbeit für einen Fan. Sich davon zu distanzieren ist wie Alkoholentzug. Der freie Wille existiert nicht im Stadion. Und auch nicht vor dem Fernseher. Man mag darüber lächeln, ich frage mich: Ist das eine gesunde Sozialisierung?

Mein Mann ist eigentlich ein gelassener und vernünftiger Mensch, aber beim Thema Fußball ist er ungefähr so sachlich und objektiv wie Alice Schwarzer, wenn es um Frauenrechte geht. Er verteidigt die Spieler des FC Bayern und der Nationalelf (ein großer Unterschied existiert da ja nicht), als seien sie seine Brüder. Ist das normal?

Die Überblähung der Fußballereignisse zerstört das Liebenswerte an diesem Sport. Mag sein, dass alles mal angefangen hat mit echten "Arbeitervereinen" und "Straßenfußballern". Aber wenn man den Blick einmal weitet, über die Seitenlinien hinaus, dann sieht man: Der Fußball dient auf obszöne Weise dem Kommerz. Er nutzt die Treue und Anhänglichkeit der Fans aus, so wie die katholische Kirche vor der Reformation den Glauben zur finanziellen Ausbeutung ihrer Schäfchen missbrauchte. Das ganze Stadion: eine einzige Werbefläche, die auch noch in ständiger Bewegung ist. Die Spieler: wandelnde Litfaßsäulen. Schalke ist eine Gazprom-Mannschaft, Wolfsburg rennt für Volkswagen, Hoffenheim ist ein Homunkulus von SAP, der neue Zweitligist RB Leipzig eine künstliche Zuchtbullenherde des Brauseherstellers Red Bull. Die Werbeblocks in den Halbzeitpausen sind so fest in der Hand der Brauereien, der Autoindustrie und der Heimwerkermärkte wie Heidi Klums Laufsteg-Leistungsschau Germany’s next Topmodel in der von Nagellack- oder Shampoo-Reklame.

Schon klar, lieber Martenstein: Klums Sendung wurde von Zynikern konzipiert, Fußball dagegen einst von ein paar erdigen Engländern erfunden. Heute ist der zielgruppenorientierte Zuschnitt beider Spektakel verblüffend deckungsgleich.

So sitzen die Kerle nicht anders da als die leichtgläubigen Mädchen und merken nicht – oder wollen nicht merken –, dass sie sich statt eines Spieles eine riesige Geld- und Image-Waschanlage anschauen: Oligarchen kaufen sich Fußballvereine, Diktatoren verschaffen sich Weltmeisterschaften, und in Demokratien verwandeln sich Vereinspräsidenten in Autokraten, die glauben, Gesetze gelten nicht für sie. In der Welt des Fußballs verrutschen die Maßstäbe ins Maßlose.

Der Weltfußballer Cristiano Ronaldo von Real Madrid verdient 18 Millionen Euro pro Jahr – netto. Das sind 1,5 Millionen im Monat. 50 000 am Tag. 2083 Euro pro Stunde. Die Logik dieses Marktes hat noch andere Folgen. Europas Fußballvereine betreiben in den Schwellenländern mittlerweile Nachwuchsinternate, wo sie Talente suchen wie Minenbetreiber andernorts Gold. Der FC Barcelona ist gerade wegen Kinderhandels verurteilt worden. Erstaunlich vielen Vertretern dieses vermeintlichen Volkssports geht das Maß verloren. Vor allem Fußballfunktionäre, Könige in ihren Clubwelten, geraten immer wieder mit dem Gesetz aneinander. Da sind nicht nur Uli Hoeneß mit seinem Steuerbetrug und Karl-Heinz Rummenigge, der bei seiner Heimkehr aus dem Wüstenstaat Katar zwei geschenkte Luxus-Uhren nicht verzollte. Da ist Silvio Berlusconi, Boss des AC Mailand. Da sind Legionen spanischer Vereinsbosse, die ins Gefängnis mussten. Wenn ich sie alle aufzählte, bliebe hier kein Platz für Ihre Antwort, mein lieber Martenstein.

Ich habe den Eindruck: Je offensichtlicher der Fußball zu einem Geschäft mit aus der ganzen Welt zusammengekauften Ballsöldnern, zu einem Markt mit schamlosen Gehältern, zu einem Spielplatz der Maßlosen wird, desto mehr arbeiten sich seine Anhänger an seiner Verklärung ab, wickeln sich Schal um Schal um den Hals. Selbst Intellektuelle sind jetzt Fußballversteher. Wie groß die Diskrepanz zwischen dem Ereignis auf dem Platz und dem dröhnenden Drumherum geworden ist, man merkt es bei den sogenannten Spieler-Interviews. All die verschwitzten unreifen Kerlchen, die mit ihrem Undercut vor Werbewände gestellt werden und sich Antworten auf dümmliche Reporterfragen abringen. Menschen, die nicht zum Reden geboren sind, werden zu Bekenntnissen und analytischen Eskapaden gezwungen.

Im Gegenzug wird während des Spiels pausenlos an ihnen herumkritisiert. Da können sie einem wieder leidtun. Schießt einer daneben, wird er fertiggemacht. Über van der Vaarts Niedergang beim HSV herrscht in den Schlagzeilen klammheimliche Freude. Genüsslich werden die "torlosen Minuten" der Stürmer gezählt und Trainer nach zwei Niederlagen nach ihrer Jobperspektive befragt. Und jeder hört am Unterton: Da wird bald einer rausgebissen aus dem darwinistischen Millionenspiel. Ist zu wenig los auf dem Rasen, pfeifen die Bierbäuche von den Rängen. Elf Freunde sollt ihr sein – ein Witz! In Wahrheit: die totale Verkitschung perverser Verhältnisse. Die Sentimentalität ist die Kehrseite der Brutalität.

Sie werden sagen: Auf so was kommen doch nur Menschen, die null Ahnung haben vom Fußball. Man kann es auch andersherum sehen: Nur wer vom Bazillus der Verzückung nicht befallen ist, hat einen unverstellten Blick auf die Tatsachen.

Ihre Sabine