Ich zog im Frühling 2010 in den Lawaetzweg, ein Zimmer, Küche, Bad, Erdgeschoss links, 36,42 Quadratmeter plus Balkon. Ich übernahm die Wohnung von einer Kollegin, die nach Frankfurt zog. "Aber denk dran", sagte sie zu mir, "Ikea kommt bald."

Zu einer Zeit, als ich noch nicht in Hamburg wohnte, hatte der schwedische Möbelkonzern entschieden, seine erste deutsche Innenstadtfiliale in Altona zu eröffnen. Sie würde auf einer fußballfeldgroßen Fläche zwischen der Großen Bergstraße und dem parallel verlaufenden Lawaetzweg gebaut werden – direkt vor meiner neuen Haustür. Es hatte eine Menge Streit deshalb gegeben, sogar einen Bürgerentscheid.

Von alldem hatte ich nichts mitbekommen. Ich war froh, eine bezahlbare Wohnung in zentraler Lage zu haben. Längst verzweifelten Freunde mit besten Jobs und Gehältern am Hamburger Wohnungsmarkt. Als ich umzog, war im Fenster des Nachbarn noch der Protest gegen Ikea plakatiert. "Das Leben ist kein Möbelhaus", las ich, "Nein zu Ikea". Daran vorbei schleppte ich Pax und Billy, Malm und Expedit in meine Wohnung. Wie lange konnte es schon dauern, eine Ikea-Filiale hochzuziehen?

"Zwei, drei Jahre auf jeden Fall", sagte der Ingenieur, der meine Wohnung besichtigte. Ikea hatte ihn beauftragt. Per Post war ein Schreiben gekommen: "Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ist nicht auszuschließen, dass durch die Baumaßnahmen an den Nachbarbebauungen Schäden auftreten können." Der Ingenieur diktierte den noch schadenfreien Zustand meiner Wohnung in sein Aufnahmegerät, ich googelte "Ikea Altona". Lange nachdem der Ingenieur gegangen war, las ich immer noch.

Die Große Bergstraße war in den siebziger Jahren eine der ersten Fußgängerzonen Deutschlands gewesen, das Einkaufszentrum Frappant in ihrer Mitte zog Besucher aus ganz Hamburg an. Als 2003 Karstadt als letzter Mieter ausgezogen war, erinnerte der Betonklotz nur noch daran, dass es mal bessere Zeiten für die Gegend gegeben hatte. Gehalten hatten sich ein Reisebüro und ein Teeladen, einige Döner-Buden und Gemüsehändler, ein Woolworth, Wettläden und Ein-Euro-Shops. Was mir besser gefiel als die durchsanierte Gemütlichkeit von Stadtteilen wie Eppendorf oder dem Schanzenviertel, war für andere ein Problembezirk, ein Schandfleck.

Vor meiner Haustür ging es um viel mehr als um den Bau einer Ikea-Filiale. Es ging, je nach Meinung, um die letzte Chance für einen sterbenden Stadtteil oder um den rücksichtslosen Gentrifizierungsplan des Bezirks, der aus einem ehrlichen Viertel eine luxussanierte Geldgrube machen wollte. Es ging, anders ausgedrückt, nicht um Ikea selbst, sondern um den Ikea-Effekt. Einig waren Gegner und Befürworter sich nämlich darin, dass der Bau des Möbelhauses schnell andere Investoren nachziehen würde und der Stadtteil sich verändern würde.

Nachdem Karstadt 2003 aus dem Frappant-Haus ausgezogen war, suchte der Bezirk verzweifelt nach einem neuen Investor für das Gebäude. Immer wieder gab es Interessenten, immer wieder sprangen sie ab. CDU-Politiker fädelten schließlich ein Treffen mit Ikea-Vertretern ein. Das war 2008. Die beiden Expansionschefs des Unternehmens waren erst einmal wenig begeistert von der Fläche: Viel zu klein, und wie sollte man da mit dem Auto hinkommen?

Doch so dringend, wie der Bezirk nach einem Investor suchte, wollte Ikea, nach Moorfleet und Schnelsen, endlich eine dritte Filiale in Hamburg eröffnen. Deutschland ist weltweit der umsatzstärkste Markt für Ikea, der Bedarf nach billigen Möbeln ist gerade in Großstädten riesig. Das Unternehmen hatte sich bereits zehn Flächen in Hamburg angeguckt. Ikea entschied: Wir nehmen das Grundstück.

Sobald das bekannt wurde, begannen Gegner, Unterschriften für einen Bürgerentscheid zu sammeln. 150 Künstler würden ihre Ateliers räumen müssen. Die Künstler gegen das Kapital, da war er wieder, der bekannte Konflikt.