Vor 25 Jahren – im Jahr der demokratischen Revolutionen und des Mauerfalls – ging ein Aufsatz mit dem bescheidenen Titel Das Ende der Geschichte um die Welt. Verfasst hatte ihn nicht Hegel oder Marx, sondern Francis Fukuyama, ein amerikanischer Politologe. Die Botschaft ganz schlicht: Wir – der "wirtschaftliche und politische Liberalismus" – haben gewonnen, die Totalitären und Autoritären sind endgültig erledigt. Die Zukunft gehöre allein der Demokratie und der Marktwirtschaft, die "alle Widersprüche überwinden und alle Bedürfnisse befriedigen" würden. Mithin sei auch der Krieg der Ideologien vorbei.

Die These war so falsch wie alle Geschichtsphilosophien, die wähnten, die Zukunft deuten zu können. Falsch, aber hübsch. War nicht die Geschichte aufseiten des Westens, der Triumph seines Modells vorbestimmt? Nach 25 Jahren lässt sich eine Bilanz ziehen, und die belegt weder das Ende der Geschichte noch der Ideologien.

Fukuyamas Grundirrtum war es, zu glauben, dass der Sieg der liberalen Ordnung das Ende aller Ideologie bedeute. Leider ist Ideologie eine anthropologische Konstante – genauso wie Sex- und Machttrieb. Menschen werden sich immer Ideen zurechtlegen, um zu begründen, warum sie – Priester, Könige, Parteichefs – mehr Respekt, Reichtum oder Macht haben sollten als andere. Überdies kommen Totgesagte als Wiedergänger zurück, wie die derzeitige Hochkonjunktur der Kapitalismuskritik zeigt, obwohl keiner ihrer Propagandisten im Paradies der Werktätigen leben möchte.

Die neuen Ismen lassen sich nach dem "Ende" der Geschichte kaum zählen: Islamismus, Anti-Rassismus, Pazifismus, Ökologismus, Feminismus. Dazu kommen Wortwaffen wie "Homophobie", "Xenophobie" und "alte weiße Männer", die wie alle Identitäts- und Genderpolitik eine Agenda transportieren: Wer soll was und wie viel kriegen? Putin ist kein Kommunist, aber er hat keine Probleme, den Raub der Krim verbal zu verbrämen. Solange es Menschen gibt, werden sie sich ideologische Knüppel schnitzen.

Etwas besser ist es Fukuyama mit seiner These vom Siegeszug der Demokratie und Marktwirtschaft ergangen. Kapitalismuskritik? Ja, und in Strömen. Aber propagiert irgendjemand ein Gegenmodell à la Venezuela oder Nordkorea? China floriert erst, seitdem es unter Deng den Markt entdeckt hat. Heute gibt es etwa 120 Demokratien. Auch wenn nicht jede den Gütesiegel "Westminister" verdient, sind es doch fast viermal mehr als vor vierzig Jahren,

Die schlechten Nachrichten? Russland und China bekämpfen die Demokratie, und in Arabien ist sie fast durchgehend gescheitert. Grundsätzlich geht die demokratische Flut seit acht Jahren zurück. Aber irgendwie wird Francis Fukuyama doch recht behalten. Die Konkurrenz – Chinas Staatskapitalismus, islamische Theokratie, Putins Neo-Zarismus – wird nicht die offene Gesellschaft verdrängen können. Denn dieses Trio kann Modernisierung, Volksherrschaft und Teilhabe nur um den Preis der Selbstentmachtung anbieten, was Autoritäre noch nie freiwillig getan haben. Außerdem: Das chinesische Modell ("Bereichert euch, aber Finger weg von der Macht") hat seinen Höhepunkt hinter sich. Vor 30 Jahren wuchs China mit 15 Prozent, heute mit 7,5 Prozent – und mit Krisensymptomen, die den Westen als Musterbeispiel wirtschaftlicher Gesundheit erscheinen lassen.