Mitternacht war lange vorbei, und Jürgen Habermas saß bereits im Auto auf dem Parkplatz, als er es sich noch einmal anders überlegte. Er stieg wieder aus und lief in den Saal zurück, wo er zuvor vor 5000 Studenten geredet und diskutiert hatte.

Hoch her war es gegangen an diesem Tag, dem 9. Juni 1967, hier in Hannover. Zuerst war der vor wenigen Tagen in Berlin von der Polizei erschossene Benno Ohnesorg beerdigt worden, danach versammelte man sich zum Kongress Hochschule und Demokratie – Bedingungen und Organisation des Widerstandes; die Studentenführer Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl waren dabei. Und eben Habermas, der 37-jährige Philosophieprofessor aus Frankfurt, längst ein junger Starintellektueller der Bundesrepublik. Dieser warnte die versammelten Studenten davor, den Staat durch Gewalt zu provozieren – Dutschke und Krahl hingegen fanden Gewalt durchaus in Ordnung. Aber damit sollten die beiden nicht davonkommen. Denn im Philosophen rumorte es, auch noch auf dem Parkplatz. Habermas kehrte also zurück, ergriff nochmals das Wort und attackierte Dutschke, der schon nicht mehr im Saal war. Dessen Ideologie hätte man um 1840 utopischen Sozialismus genannt, heute müsse man sie aber "linken Faschismus" nennen.

Diese legendäre Wortmeldung ist nicht nur eine oft beschriebene Schlüsselszene in der Geschichte der Bundesrepublik. Denn hier hatte es deren führender linksliberaler Denker gewagt, ausgerechnet Messias Rudi die von diesem selbst gerne benutzte Faschismuskeule um die Ohren zu hauen (was er zehn Jahre später übrigens "etwas deplatziert" fand). Er zeigte den 68ern darüber hinaus die Grenzen: gewaltlose Kritik am System ja, aber bitte schön keine Revolution. Zugleich erkennt man den typischen Stil des engagierten Intellektuellen Habermas, den er bis heute, bis hin zu seinen jüngsten Äußerungen über die in seinen Augen verfehlte, undemokratische Europapolitik, beibehalten hat: "Antizipation von Gefahren" (Habermas), vermeintlichen und realen, eine Erregungsfähigkeit aus permanenter Sorge, eine Begabung zur übertreibenden Polemik, und all das befeuert von einer unglaublichen Energie, die ihn schon mal nachts wieder aus dem Auto steigen lässt, wenn noch etwas gesagt werden muss.

Habermas, der am kommenden Mittwoch 85 wird, bekommt nun pünktlich zum Geburtstag seine erste große Biografie, darin natürlich auch die Szene aus Hannover. Geschrieben hat sie Stefan Müller-Doohm, emeritierter Soziologieprofessor in Oldenburg, der 2003 eine voluminöse Biografie Theodor W. Adornos vorgelegt hat. Auf 750 Seiten schildert er nun Leben und Werk des "berühmtesten lebenden Philosophen der Welt", wie ihn der Rechtstheoretiker Ronald Dworkin einmal genannt hat. Habermas selbst war zunächst skeptisch bei dem Gedanken, dass ein Biograf in seinen "Gedärmen wühlen" würde. Jedoch stand er dann für Gespräche zur Verfügung und gewährte Einsicht in seine Korrespondenzen. Einen wohlwollenderen Biografen allerdings hätte er sich auch kaum wünschen können: Geheimnisse werden nicht ausgeplaudert, Müller-Doohm folgt in den allermeisten Wertungen seinem biografischen Subjekt. Somit bekommt diese detaillierte Biografie einen brav-offiziösen Touch, was die faszinierende Figur von Habermas nicht verdient hat.

Trotz solcher Einwände fängt dieses Buch ein aufregendes deutsches Intellektuellenleben ein. Am Anfang steht eine Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus: Er wächst in Gummersbach auf, sein Vater Ernst ist Syndikus der örtlichen Industrie- und Handelskammer und tritt in die NSDAP ein. Doch für den Sohn ist eine unpolitische Erfahrung prägend: seine angeborene Gaumenspalte macht ihm die Kommunikation schwer; Spott auf den Schulhöfen macht ihn moralisch empfindlich für Ausgrenzungen – Sprache und Solidarität werden zentral für seinen künftigen Denkweg sein; Habermas selbst hat hier mehrfach autobiografische Bezüge festgestellt. Der NS-Ideologie kann er aus den körperlichen Gründen nicht verfallen: Er hatte "keine Chance", sich "als Jugendlicher mit der herrschenden Weltanschauung zu identifizieren".

Er sei ein "Kind der Reeducation", hat Habermas einmal gesagt; 1945 wird für ihn bis heute der Fluchtpunkt seines politischen Bewusstseins bleiben. Sein Biograf schildert die Schul-, später Studienjahre eines hochintelligenten jungen Mannes, der alles Geistige aufsaugt und in einem Schulaufsatz den Marxismus widerlegen will. In Bonn promoviert er über Schelling. Hier lernte er auch seine spätere Frau kennen: Ute Wesselhoeft, mit der er drei Kinder hat, wird ihn vor allem in seinem politischen Engagement beeinflussen; und sie hält dem Gelehrten fortan in herkömmlicher Manier den familiären Rücken frei.

Auch die Geburtsstunde des öffentlichen Intellektuellen fällt in jene Zeit: Der 24-jährige Student veröffentlicht 1953 in der FAZ seinen legendären Angriff auf Martin Heidegger wegen dessen fehlender selbstkritischer NS-Auseinandersetzung, was ihn über Nacht bekannt macht. Bald schlägt er sich als freier Journalist durch – sein jahrzehntelanges intensives Verhältnis zu den großen Zeitungen, auch zur ZEIT, das Müller-Doohm ausführlich darstellt, verdiente ein eigenes Buch.

Auch wenn er im Laufe der Jahre drei intellektuelle Mentoren findet, die auch zu Freunden werden – die Philosophen Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse sowie den Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich –: Auffällig ist stets das Selbstbewusstsein dieses unabhängigen Denkers, den sein Biograf zu Recht nicht im engeren Sinn der "Kritischen Theorie" Adornos und Horkheimers zurechnet.

Habermas war früh anders; seine erkenntnistheoretischen Anfänge entwickelten sich Ende der sechziger Jahre zu kommunikationszentrierten Interessen, die in seinem Hauptwerk, der zweibändigen Theorie des kommunikativen Handelns, münden werden. Und er geht keinem Konflikt aus dem Weg, ob am Institut für Sozialforschung, an der Frankfurter Universität, wo er 1964 Professor wird, später mit der Studentenbewegung oder liberalkonservativ gesinnten Professorenkollegen – oder im Suhrkamp Verlag, wo er bald für seinen Duzfreund Siegfried Unseld ein wichtiger Berater wird. Die schönste Anekdote dieser Biografie gilt Peter Handke: Bei einem Autorentreffen habe dieser Habermas gefragt, was er von den Beatles halte – auf die Antwort des Philosophen, er würde die Beatles nicht kennen, reagierte der Dichter mit Schlägen. Adorno hingegen hätte die Antwort beglückt.