Sicher hat Christian Wulff im Verlauf seines Dramas Fehler begangen. Einige Personen sind der Auffassung, dass diese Fehler allein seinen Rücktritt rechtfertigen. Der Autor des Buches Ganz oben Ganz unten, das es hier zu besprechen gilt, ist aber unschuldig. Nichts von dem, was ihm medial vorgeworfen und juristisch ins Feld geführt worden ist, hat Bestand. Er muss sich weder verteidigen noch rechtfertigen. Er möchte uns seine Sicht auf eine Affäre schildern, die zu Unrecht mit seinem Namen verknüpft wird. Natürlich berichtet er subjektiv und bewegt sich auf dem weiten Feld der freien Meinungsäußerung. Was denn sonst?

Seine Geschichte über Anmaßungen von Medien und Justiz, journalistisches Jagdfieber und Rudelverhalten, die Beschädigung einer öffentlichen Person im höchsten Staatsamt, Manipulation und Indiskretionen, sogar Rechtsbeugungen, Denunziationen und Nötigung – die schreckt fürwahr auf. Wulffs Buch eröffnet einen Perspektivwechsel, in dessen Licht die Skandalisierer selbst zum Skandal werden.

In dieser Geschichte finden sich nicht wenige, denen jede Selbstkontrolle, der Sinn für Verhältnismäßigkeit und die Achtung vor Rechtsprinzipien abhandengekommen sind. Die Spiegel- Affäre vor über 50 Jahren war schlechthin der Skandal der Politik im Umgang mit einem kritischen Journalismus und der Pressefreiheit.

Jetzt ist es umgekehrt.

Mit einem gewissen Abstand stellen sich der "Abschuss" und die Entwürdigung von Christian Wulff als Skandal eines gewalttätigen Journalismus im Umgang mit einem Politiker dar. Im Falle Wulff wurde aus der scharfen Klinge der Meinungsfreiheit ein Folterwerkzeug.

Nun gab es nicht nur Jäger und Treiber, Mitläufer und Informanten, Talkmaster und Schlachtenbummler, die an der politischen und persönlichen Verfolgung und Zurschaustellung von Christian Wulff beteiligt waren. Mich selbst und meine politischen Logenmitglieder will ich gar nicht übergehen: all jene im politischen Parkett, denen entweder die Aufführung einer Machtprobe verborgen blieb oder denen das Schauspiel zwar absurd, demütigend und vielleicht sogar widerwärtig erschien, die aber sprachlos die Regisseure wie die voreingenommenen Kritiker gewähren ließen. Es beschämt mich, dass ich den richtigen Zeitpunkt für eine Geste gegenüber Christian Wulff verpasst habe.

Diese – von wenigen Ausnahmen abgesehen – erstaunlich passive Rolle der politischen Klasse angesichts der Demontage eines ihrer Repräsentanten verblüfft nach wie vor. Nach ersten Meldungen über die Finanzierung seines Hauskaufes wurde Wulff in ein wirkungsmächtiges Schema des Schnäppchenjägers, Bonus-Präsidenten, Tollpatsches und Koofmichs gepresst und zum Opfer erkoren. Frühe Sticheleien vom Beginn seiner Amtszeit steigerten sich zu Hieben gegen seine Amtsführung und persönliche Integrität. In einer "stillschweigenden Verabredung" einiger Medien (Bild, FAZ und Spiegel nennt Wulff dabei immer wieder) ging es schließlich nicht mehr um das "Ob", sondern nur noch um das "Wann" seines Rücktritts.

Nun mag die politische Klasse – ebenso wie das breite Publikum – keine prädestinierten Opfer, weil sich viele selbst bedroht fühlen oder eine Ansteckung befürchten. Deshalb hält sich die Courage, sich mit ihnen zu solidarisieren, in sehr engen Grenzen. Wenn die angerührte Skandalisierung im Mahlstrom sich überschlagender und selbst fütternder Nachrichten, leckermäuliger Talkshows, empörter Internet-Blogs und feilgebotener Gerüchte dann Wirkungsmacht entfaltet, wenn jeder Satz und jede Bewegung darauf abgeklopft werden, ob sie als Fauxpas oder Fettnäpfchen ausgebeutet werden könnten, dann öffnet sich ein Trichter, in dem der Hauptdarsteller des vermeintlichen Skandals mit zunehmender Geschwindigkeit abwärts gerissen wird. Dabei will ihm keiner beistehen und ihn schon gar nicht begleiten. Das hat Christian Wulff selbst im höchsten Staatsamt leidvoll erfahren.

In geringerem Maße habe ich verwandte Erfahrungen gesammelt. Ein unvergessenes Beispiel journalistischer Arglist waren die Andeutungen des Chefredakteurs der Welt und WamS wenige Wochen vor der Bundestagswahl, ich könnte mich der Stasi oder sogar dem KGB hingegeben haben. Ich habe mich deshalb gefragt, ob eine Besprechung des Buches von Christian Wulff nicht als dreister Vergleich oder als Betroffenheitsarie missverstanden werden könnte. Wenn ich dieses Risiko in Kauf nehme, dann weil dieses Buch der verbreiteten Lesart der "Wulff-Affäre" die Inszenierung ebendieser Affäre gegenüberstellt und zentrale Fragen über die Person Wulffs hinaus aufwirft.