Mit Tüchern und dem Union Jack winken die Hamburger der "Queen Mary 2" zu. © Stefan Malzkorn/Hotel Louis C. Jacob

Die Pyrotechnikerin Eileen Maschmann ist zufrieden. Die Kanone ist befüllt, der Zünder bereit – von ihr aus kann das Schiff kommen. Doch das dauert noch, und Eileen Maschmann weiß das. Sie weiß auch, dass man nie sicher sein kann, wann die Queen Mary 2 tatsächlich aufzutauchen beliebt. Mal ist sie pünktlich, mal kommt sie 40 Minuten zu spät. Aber immer wird sie bejubelt.

Jetzt, kurz vor 17 Uhr, füllt sich die Terrasse des Hotels Louis C. Jacob. Zu den Gästen, die schon länger unter dem hellgrünen Dach der Platanen sitzen, kommen solche, die für das "Ereignis" nach Nienstedten gefahren sind. Sie haben sich ausstaffiert und hübsch gemacht, nur um dabei zu sein, wenn das wohl berühmteste Kreuzfahrtschiff wieder einmal die Elbchaussee Nummer 401–403 passiert. Um für einen Moment alle Contenance fallen zu lassen und überschwänglich zu winken. Mit Bettlaken oder Tischtüchern – je größer, desto besser.

Das Louis C. Jacob ist eines der schönsten Hotels, die Hamburg zu bieten hat. Oberhalb des Flusses gelegen, verkörpert das Haus von 1791 steife Gediegenheit. Es hat das Glück, dass Max Liebermann 1902 auf die Idee kam, die Terrasse zu malen. Und weil damals noch kein Airbus- Gelände auf der anderen Elbseite den Blick verschandelte, ist das Bild sehr schön geworden und die Terrasse berühmt. Ein würdiger Ort, um die hanseatische Verbundenheit mit England zu zelebrieren. Das Hotel bietet seinen Gästen darum nicht nur "High Tea" mit Scones und Sandwiches an. Es hat auch zu Ehren der Queen Mary 2 die hauseigene Tradition der Schiffsbegrüßung neu belebt.

Schon vor 220 Jahren erklangen an dieser Stelle Kanonenschüsse. Nikolaus Paridom Burmester betrieb an selbiger Stelle eine Konditorei. Seine Freizeitgestaltung: die ein- und auslaufenden Schiffe mit dem Donner seiner selbst gebauten Kanone zu begleiten. Dummerweise ging sie eines Tages buchstäblich nach hinten los, Burmester starb. Seine Witwe heiratete den französischen Landschaftsarchitekten Daniel Louis Jacques, der seinen Namen eindeutschte, die Terrasse anlegte und eine Schankwirtschaft eröffnete. Aus ihr erwuchs das Hotel, in dem an diesem Nachmittag die Tische mit Union-Jack-Fähnchen geschmückt sind und den Gästen Pimm’s serviert wird, eine frisch-herbe Gurkenbowle mit dem gleichnamigen Likör.

Für Jude Keenan ist es Zufall, dass sie jetzt, von der Sonne beschienen, hier sitzt, auf die Elbe blickt und das traditionelle Sommergetränk ihrer Heimat trinkt. Heute Morgen ist die Frischvermählte mit ihrem Mann Scott an Bord der Queen Mary 2 im Hafen angekommen. Hier endet der maritime Teil ihrer Hochzeitsreise, die in New York begann. "Wir haben keine Ahnung, was passiert", sagt Scott Keenan und erzählt, dass er das Hotel nur ausgewählt hat, weil er im Internet sah, dass es irgendetwas mit der QM2 zu tun hat. "Unserem Schiff", wie Jude sagt. Doch auch ohne zu wissen, warum eine Servicekraft ein Faltblatt mit Liedtexten verteilt, warum neben ihnen eine Kanone geladen wird und was auf dem großen Leinentuch steht, das man ihnen überreicht, spüren sie das Besondere, das in der Luft liegt. Es geht von der Herrenrunde aus, die erwartungsfroh aufs Wasser schaut, von der Familie mit den adretten kleinen Kindern, von der jungen Frau, deren Großmutter zum blauen Kostüm eine Perlenkette trägt. "Das ist schon sehr besonders hier", sagt Jude und lacht über das Faltblatt mit den englischen Texten. "Das letzte Mal, dass ich God Save The Queen gesungen habe, war 2012 vor dem Fernseher, als meine Cousine bei den Olympischen Spielen in London Silber im Radfahren gewonnen hat!"

Noch sitzen die Gäste auf der Liebermann-Terrasse gelöst in ihren Stühlen, bedienen sich von 1,60 Meter langen Tabletts mit Lachs- und Gurkensandwiches, lassen sich von Robbie Williams und Frank Sinatra berieseln. Doch die Präsenz der "Queen" ist spürbar, auch wenn sie noch im acht Kilometer entfernten Kreuzfahrt-Terminal der HafenCity am Kai liegt. Schon als sie vor zehn Jahren erstmals Hamburg anlief, war die Begeisterung immens. Rund 500.000 Menschen strömten an die Elbe, als hätten sie noch nie ein großes Schiff gesehen. Sie brachten Leitern und Proviant mit. Wer konnte, fuhr mit einem Boot beim Einlaufen nebenher. Damals wurde der Direktor des Jacob noch von der Reederei Cunard gebeten, auf Kanonenschüsse zu verzichten. Die britische Reederei, die zum amerikanischen Konzern Carnival gehört, befürchtete, die Passagiere könnten den Knall als Terroranschlag missdeuten. Vier Jahre lang folgte man dem Wunsch. Heute knallt es alle paar Wochen. Cunard hat seit dem frenetischen Empfang Hamburg als Dauerziel im Reiseplan.