74 Prozent der Täter stehen unter dem Einfluss von Alkohol.

Alles begann wie ein ganz normaler Wochenendausflug. Mit zwei Dutzend Kommilitonen der kalifornischen Eliteuniversität Berkeley war die damals 18-jährige Studentin Sofie Karasek im Februar 2012 hinaus in die Berge gefahren. Man diskutierte, feierte und trank viel. Irgendwann legte sich Sofie Karasek schlafen.

Dann aber geschah, was unter Studenten an amerikanischen Unis erschreckend oft passiert. In der Nacht wachte Karasek panisch auf. Ein Kommilitone, Mitglied in ihrem Uni-Verein, fuhr mit seiner Hand unter ihr T-Shirt und betatschte sie. Karasek drehte sich weg, doch er ließ nicht von ihr ab. Sie rückte weiter weg, er kroch hinterher. Sie machte sich steif und krumm. Irgendwann gab ihr Kommilitone auf. Karasek lag bis zum Morgen wach und zitterte vor Angst.

Jede fünfte Studentin, sagen die Statistiker, wird an amerikanischen Universitäten sexuell missbraucht, aber nur jedes achte Opfer traut sich, die Tat bei der Universität oder der Polizei anzuzeigen. Präsident Barack Obama nennt das einen "Angriff auf unsere Ehrenhaftigkeit und Menschlichkeit" und ein "nationales Problem". Er hat eine Taskforce eingesetzt, die vor wenigen Wochen erste Verbesserungsvorschläge unterbreitet hat: Präventionsprogramme sollen ausgebaut und Universitäten unter Strafandrohung dazu verpflichtet werden, Buch über sexuelle Gewalt zu führen und die Zahlen offenzulegen.

Ein 34-seitiger Untersuchungsbericht des im Weißen Haus ansässigen Rats für Frauen und Mädchen hat Amerika aufgeschreckt. Seine erschütternde Bilanz: "Niemand ist gefährdeter, vergewaltigt oder missbraucht zu werden, als Frauen an unseren nationalen Universitäten." Dennoch würde der gravierende Missstand weithin ignoriert.

Es war nicht der erste Alarmruf. Schon vor vier Jahren beklagte das renommierte Center for Public Integrity, dass viele Lehranstalten Opfer sexueller Gewalt im Stich ließen und Täter nur selten disziplinarisch zur Verantwortung zögen. Vor drei Jahren beschwerte sich Amerikas Bildungsminister in einem Brief an die Universitätspräsidenten. Die Gleichgültigkeit müsse ein Ende finden, schrieb er.

Genau diese Gleichgültigkeit hat Sofie Karasek aus Berkeley erfahren. "Die Ignoranz meiner Uni", sagt sie, "war fast so schlimm wie die Tat selber." Die blonde 20-Jährige sitzt in einem Café am Rande des Campus. Die Sonne scheint, Karasek kann endlich wieder in ihren geliebten Flipflops herumlaufen. "Das warme Wetter", sagt sie, "hat mich von der kalten Ostküste nach Kalifornien gelockt." Sie redet so laut, dass auch die Gäste am Nebentisch mühelos mithören können. "Ich habe meine Scham überwunden", sagt sie.

Damals, zurück vom Ausflug, vertraute sich Karasek zwei Freundinnen an und legte, deren Rat folgend, bei der Universitätsverwaltung Beschwerde gegen den Täter ein. Amerikas Unis haben das Recht, bei einem Verstoß gegen den Verhaltenskodex Kontaktsperren zu verhängen, den Umzug in ein anderes Studentenwohnheim zu veranlassen oder gar den Ausschluss vom Studium anzuordnen. Anders als im Strafprozess kann eine Strafe bereits dann ausgesprochen werden, wenn der dafür zuständige Universitätsausschuss für studentisches Verhalten von der Schuld des Täters überwiegend, also zu mehr als 50 Prozent, überzeugt ist.

Doch Karaseks Hoffnung, Berkeley würde ihren Peiniger zur Verantwortung ziehen, wurde enttäuscht. Die Uni unternahm nichts. Schlimmer noch: Karasek sah sich plötzlich selbst auf der Anklagebank. Man wollte wissen, warum sie sich nicht stärker zur Wehr gesetzt und laut geschrien habe. Eine Kommilitonin aus dem Vereinsvorstand, die Karaseks Beschwerde unterstützte, wurde beschimpft, den guten Ruf Berkeleys zu beschädigen.

Die Uni blieb auch dann noch untätig, als sich drei weitere Opfer des anscheinend notorischen Belästigers offenbarten. Sieben Monate lang hüllte sich die Verwaltung in Schweigen. Kein Anruf, kein Brief, kein Verfahren. Nicht einmal der Eingang von Karaseks schriftlicher Beschwerde wurde bestätigt. Der Täter hingegen durfte unbehelligt sein Studium beenden. Lediglich seine feierliche Verabschiedung wurde klammheimlich vorverlegt. Karasek erfuhr davon erst zwei Tage vorher.