Vor wenigen Tagen sitzt Frauke Petry in ihrem Leipziger Büro und schaut ihr Gegenüber zur Abwechslung einmal zögerlich an. Sie sagt: "Ich muss wahrscheinlich in die Privatinsolvenz. Das wird sich nicht vermeiden lassen."

Privatinsolvenz. Das hat Wumms. Man muss nicht links, böse oder in der CDU sein, um das Potenzial dieser Nachricht für Petrys Gegner zu erkennen: Petry, neben Bernd Lucke Bundes-Chefin der AfD, kann zur Pleite-Deutschen dieser neuen Partei werden, in der man oft mit Fingern auf andere zeigt und gern von den "Pleite-Griechen" redet. Die 39-Jährige, eine promovierte Chemikerin, mehrfach prämierte Jungunternehmerin, vierfache Mutter und Mitgründerin dieser so umstrittenen wie von den etablierten Parteien gefürchteten AfD, muss, wie man so sagt, den Finger heben; das tun, was früher hieß: den Offenbarungseid leisten.

Klar, sie hätte damals, im November 2013, am liebsten gleich beides hinter sich gebracht. Damals war zunächst ihre Firma pleitegegangen, und die private Pleite drohte daraus zu folgen. Gern hätte Petry alles in einem Abwasch erledigt, also Unternehmens- und Privatinsolvenz – erst nach der Bundestagswahl 2013, aber lange vor der Landtagswahl in Sachsen, bei der sie am 31. August als Spitzenkandidatin für die Alternative für Deutschland (AfD) antritt. Das wäre gut gewesen, sagt Frauke Petry, besser jedenfalls.

Die drei Investoren, die im November 2013 in der Not erstaunlich schnell zur Stelle waren, hatten Petrys Gläubigern sogar angeboten, nicht nur ihre Chemie-Firma Purinvent zu retten, sondern auch Petry, die persönlich haftende Gesellschafterin, gleich mit vor der Pleite zu bewahren. Es habe einen unterschriftsreifen Vorschlag gegeben, sagt einer der Investoren. Er habe allen Beteiligten zunächst gefallen, sagt Petry. Doch eine Bank, zufällig die staatlich kontrollierte Kreditanstalt für Wiederaufbau mit Hauptsitz in Berlin, habe sich dagegen gesperrt. Spät tat sie das, nach Monaten erst, warum auch immer.

Petry versucht nun, "das eine vom anderen" zu trennen: die Geschicke der Partei vom Schicksal ihrer Firma. Doch wird ihr Scheitern als Unternehmerin nicht zwangsläufig als Offenbarungseid auch für die AfD ausgelegt werden? Frauke Petry hat es nicht gewuppt? Ausgerechnet sie kann nicht wirtschaften, die Mitgründerin einer Partei, die sich als Gralshüterin von Währungsstabilität, Ordnungspolitik, ja: des Wirtschaftsstandorts Deutschland schlechthin inszeniert?

Petry sagt, sie sehe das Thema gelassen – nach dem Motto: Es ist nun eben, wie es ist. Nur ist in der Politik selten etwas, wie es scheint, sondern vieles oft unberechenbar. Weil sich Petry damit nicht mehr abfinden wollte – mit Parteienklüngel, dem angeblichen Ausblenden von Fakten in Großprojekten wie der Energiewende –, ging sie in die Politik. Sie möchte die Dinge, die sie politisch vertritt, zuvor analysieren, verstehen und gutheißen können. Weil sie keine Partei gefunden habe, die ihr das garantieren konnte, habe sie 2013 die AfD mitgegründet. Weil man gemeinsam anders sein wollte als die anderen, berechenbar, "rechtsstaatskonform", sagt sie.

Eine Unternehmenspleite noch vor der Bundestagswahl wollte sie vermeiden

Nun wird in Petry vielleicht erstmals ein Mensch, der bekennender Pleitier ist, als Galionsfigur in den Landtagswahlkampf einer Partei ziehen. Und vermutlich auch bald im Parlament sitzen; Umfragen sagen der AfD in Sachsen mindestens sechs Prozent voraus. Petry hätte dann gute Chancen, Fraktionschefin zu werden.

Die Mitglieder der AfD finden es relevant, die Forderung nach mehr deutschsprachiger Musik im Radio in ihr Wahlprogramm aufzunehmen. Man kann Petry reizen, wenn man sie darauf reduziert – auf Deutschtümelei und ihre Zahlungsunfähigkeit. Die Frau, die meist offensiv lächelt, rollt dann mit den Augen, weil sie Tatsachen für verdreht hält. In der Talkshow Anne Will ließ sie sich sogar hinreißen, zu sagen, Fragen an sie seien "nicht richtig gestellt".

"Chemie fand bei uns zu Hause am Kaffeetisch statt."

Seit sie denken könne, sagt sie, sei sie zu logischem Denken erzogen worden, beiläufig, stetig: "Chemie fand bei uns zu Hause am Kaffeetisch statt." Das Zuhause war bis 1989 Schwarzheide im heutigen Brandenburg. Die Mutter arbeitete als Chemikerin im Kombinat, der Vater war Ingenieur. Er blieb nach einem Westbesuch Anfang 1989 im Westen. Noch vor der Wende zog die Familie hinterher, in den Ruhrpott, wo die Eltern, nun schon um die 50, in Bergkamen neu Fuß fassten. Petry, geboren 1975, war beim Umzug in den Westen 14 Jahre alt. Ihr Abitur, ihre akademische Karriere, die Familiengründung mit dem angehenden Pfarrer Sven Petry – all das spielte sich im Westen ab, das Auslandsstudium in England, die Promotion in Göttingen, die Postdoktorandenstelle in der Forschung zur Humangenetik an der Uni dort. Da war schon Frauke Petrys zweites Kind auf der Welt.

Sie will ihre Politisierung erklären, ihre Unzufriedenheit mit jener demokratischen Praxis der Bundesrepublik, die sie im SPD-dominierten Nordrhein-Westfalen der 1990er Jahre als selbstgefällig empfunden hat, gar nicht unähnlich der DDR-Mentalität. Sie glaubt, sie habe anderen ihrer Generation etwas voraus, nämlich beides prägend erfahren zu haben, den Osten und den Westen. Dabei ist das Wandern zwischen altem und neuem Deutschland, zwischen In- und Ausland typisch für Karrieren vieler heute unter 45-jähriger Ostdeutscher.

In ihrer Karriere als Wissenschaftlerin folgte stets der eine Schritt logisch auf den anderen. Fleiß und Talent führten zum Erfolg, und der führte zu neuen Erfolgen. Es ist das Gegenteil von dem, was ihr jetzt in der Politik passiert, wo der hohe Stimmenzuwachs für ihre junge Partei statt zu Anerkennung zu unkalkulierbaren Abstoßungsreaktionen geführt hat. Längst kursieren im Netz Unterstellungen über Petry als "größte Blenderin aller Zeiten", lanciert von politischen Widersachern: Weil sie als Unternehmerin versagt habe, heißt es da sinngemäß, versuche sie sich und ihre große Familie mit einem Mandat im Sächsischen Landtag wirtschaftlich abzusichern.

Politik als Selbstbedienungsladen – das wäre ein Schlag, der, wenn er denn träfe, zum Knock-out für Petry führen könnte, weil die AfD ja genau gegen diese Mentalität zu Felde zieht.

Die Idee, eine Firma zu gründen, erzählt Petry, entstand Mitte der neunziger Jahre. Ihre Mutter Renate Marquardt, heute 74, hatte ein Verfahren entdeckt, wie man Polyurethan-Gemische, einen Kunststoff, umweltfreundlicher als bisher herstellen kann, nämlich mit einem viel höheren Wasseranteil. Der Arbeitgeber wollte die Erfindung nicht haben. Petry beschloss, gemeinsam mit ihrer Mutter das Patent selbst anzumelden, eine Firma zu gründen. Die Geschäftsidee war es, das neuartige Kunststoffgemisch als Füllmaterial für besonders teure und verschleißanfällige Reifen zu verkaufen. 2007 stand die Finanzierung über Banken und mit Fördermitteln; die Leipziger Sparkasse war von Beginn an stiller Teilhaber. Man bezog zwei Hallen im Westen Leipzigs; ihr Mann trat eine Pfarrstelle im nahen Muldental an, wo die Familie lebt. Ein drittes Kind kam.

2009 geriet die kleine Firma mit ihren zunächst vier Angestellten in Schwierigkeiten. Der exklusive Vertrieb des Polyurethan-Gemischs über einen Reifengroßhändler funktionierte nicht. Es passierten Fehler beim Vertrieb und beim Gebrauch der Ware. Anstatt zehn Jahre und länger zu halten, wie von Purinvent versprochen, gingen die teuren Reifen nach falscher Befüllung noch schneller als ohnehin kaputt. Kunden wandten sich ab. "Wir haben da eindeutig Fehler gemacht", sagt Petry. Falscher Vertrieb, zu wenig Schulungen. Zwar wuchs der Umsatz stetig, um 30, 40 Prozent. "Aber wir hätten ab 2011 Umsatzzuwächse von jährlich 80 bis 90 Prozent gebraucht, um die Verbindlichkeiten bedienen zu können." Das Startkapital zur Markteinführung schmolz wie Eis in der Sonne. Bald zahlte sich Petry kein Gehalt mehr und übernahm allein den Vertrieb im In- und Ausland, 2011 musste die Bank Kapital aufstocken, 2012 entließ Petry sechs der nun neun Mitarbeiter. Gleichzeitig gewann sie Preise für ihr Unternehmertum, erhielt gar das Bundesverdienstkreuz.

Petry nahm sich einen Berater, suchte Investoren. Seit 2011 liefen die Gespräche. Es gab Interessenten, aber die wollten warten. Sie wussten, eine Insolvenz würde den Preis weiter drücken. Petry sagt: "Als Investor hätte ich genauso gehandelt, klar."

Das Geld ging ihr aus, aber nicht die Kraft. Frauke Petry scheint Unmengen davon zu haben. Sie ließ sich nebenher zur Chorleiterin und Organistin ausbilden, ihr viertes Kind war gerade zwei Jahre alt, da gründete sie im Februar 2013 mit dem Hamburger Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke und einigen anderen die Alternative für Deutschland. Weil Petry jünger und eloquenter ist als viele der älteren Herren der neuen Partei und zudem eine Frau und offensichtlich schlau, stieg sie schnell zur gefragten Figur auf der politischen Bühne auf. Im Handelsblatt sprach sie Mitte 2013 über die Euro-Krise: "Alle erwarten, dass Griechenland nach der Bundestagswahl vor der Pleite steht", sagt Petry da. "In der Wirtschaft nennt man das Insolvenzverschleppung. Als Mittelständlerin machte ich mich damit strafbar." Es sind die Monate, in denen sie darum bangt, ob sie die Insolvenz ihrer eigenen Firma bis nach der Bundestagswahl hinauszögern kann, ohne Recht und Gesetz zu verletzen. "Ich wollte natürlich vermeiden, dass meine Firma vor der Bundestagswahl Insolvenz anmelden muss." Sie schafft es tatsächlich bis November 2013. Das nennt man Chuzpe.

Die Firma gehört ihr nicht mehr. Sie existiert als "Purinvent System" mit neuer Gesellschafterstruktur fort. Eingestiegen sind der Chemiker und Unternehmensberater Wolfgang Schmidt aus dem hessischen Lorch sowie Horst Brandhoff, der früher in München 15 Obi-Baumärkte betrieb, außerdem Hans Konieczny aus Frankfurt am Main, dem eine Immobilien- und Hausverwaltungsfirma gehört. Auch ist ihr Ehemann mit eingestiegen, so bleibt etwas vom Unternehmen in der Familie. Wolfgang Schmidt sagt, sein Investment habe nichts mit Petrys politischer Arbeit zu tun. "Die ist mir völlig gleichgültig." Er, ein alter Bekannter, glaube einfach an die Talente Petrys und an die Innovationen, an denen sie und ihre Mutter arbeiteten.

Frauke Petry ist weiterhin Geschäftsführerin in Leipzig, die neue GmbH soll finanziell nun gut ausgestattet sein. Der Break-even, sagt sie, sei in erreichbarer Nähe. Bleibt die Frage, ob das die gesäten Zweifel an ihrer Unabhängigkeit und wirtschaftspolitischen Kompetenz tilgen kann. Äußerungen aus der sächsischen FDP legen nahe, dass der AfD-Konkurrent im Wahlkampf Petrys Pleite ausschlachten könnte. Ohnehin muss sich die AfD schon gegen Kritiker wehren, die in ihr bloß einen Club rechtsnationaler, europafeindlicher Spießer sehen.

Aber Aufgeben, sagt Petry, sei keine Lösung.

Mitarbeit: Stefan Schirmer