DIE ZEIT: Herr Hebebrand, in der Grundschule hat mein Sohn gelernt, dass er jeden Tag fünf Stück Obst oder Gemüse essen soll. Wenn es gut läuft, isst er ein Stück – als Mutter habe ich hier wohl total versagt.

Johannes Hebebrand: Sie sollten schleunigst aufhören, Ihrem Sohn da reinzureden. Die meisten Kinder und Jugendlichen können selbst am besten beurteilen, was sie essen sollten.

ZEIT: ... jeden Tag Nudeln ohne Soße oder Pizza.

Hebebrand: Das geht vorbei. Ständige Ermahnungen erzeugen häufig das Gegenteil dessen, was Eltern wollen.

ZEIT: Täglich lesen wir, dass mangelhafte Ernährung im zarten Alter jahrzehntelang nachwirkt – und Sie sagen: Lasst die Kinder essen, was sie wollen?

Hebebrand: Die Beschäftigung mancher Eltern mit der Ernährung ihrer Kinder hat inzwischen hysterische Züge angenommen. Solange ein Kind gut drauf ist, in der Schule keine Aufmerksamkeitsprobleme hat, psychisch und körperlich keine Auffälligkeiten zeigt, würde ich mich entspannen. Gegen die normalen wählerischen Esser, die picky eaters, ist kaum ein Kraut gewachsen.

ZEIT: Was passiert im Körper eines Kindes, das sich einseitig ernährt?

Hebebrand: Die meisten stecken das gut weg. Viele sind eher dünn und klein. Es ist übrigens nicht selten, dass deren Eltern im gleichen Alter ebenfalls eher leicht waren. Nur falls die Normwerte unterschritten werden, sollte man den Kinderarzt aufsuchen. Mag sein, dass man im Labor leichte Mangelerscheinungen feststellen könnte. Aber das sind meist keine Krankheiten! Normalerweise endet die Problemphase mit elf, zwölf Jahren.

ZEIT: Es kursiert der Tipp, gesunde Nahrung zum Event zu machen. Der Forscher Brian Wansink hat gezeigt, dass Kinder doppelt so viele Möhren essen, wenn man sie ihnen als "Röntgenblick-Karotten" auftischt.

Wenn Sie mit aller Kraft versuchen, Essverhalten zu ändern, geht das nach hinten los.
Johannes Hebebrand, Psychiater

Hebebrand: Im Alltag ist so ein Aufwand nicht der Mühe wert. Wenn Sie mit aller Kraft versuchen, Essverhalten zu ändern, geht das nach hinten los. Die Machtkämpfe zwischen Eltern und Kindern können ja schon bei Säuglingen anfangen. Dahinter stecken womöglich Mutter-Kind-Interaktionsstörungen. Dann ist therapeutische Hilfe nötig – wenn sich das Eltern-Kind-Verhältnis bessert, normalisiert sich auch die Ernährung.

ZEIT: Man wird doch wenigstens einen Nachtisch zur Belohnung versprechen dürfen?

Hebebrand: Das kann bei Kindern, die zu Übergewicht neigen, echte Probleme erzeugen. Übergewichtige essen auch, um sich gut zu fühlen. Wird das noch antrainiert, isst derjenige viel, der viel Belohnung braucht.

ZEIT: Was halten Sie von der lässigeren Methode, gesunde Nahrungsmittel demonstrativ zu verbieten? Also: Paprika, das ist nur was für Erwachsene!

Hebebrand: Ein Kind zu belügen ist ethisch nicht korrekt.

ZEIT: Die Abmachung: Du musst es nicht aufessen, aber wenigstens probieren ...

Hebebrand: ... taugt nicht viel. Warum soll ich das Kind quälen? Die Gefahr ist groß, dass sich Mutter, Vater und Kind verhaken.