In einer Nacht im Mai vor einem Jahr liegt Laura* auf ihrem Bett. Eine Hand hat sie zwischen den Beinen, in der anderen hält sie ihr Smartphone. Sie ist 14 und filmt sich beim Masturbieren. Es ist kurz vor Mitternacht, Lauras Mutter, der Stiefvater und die kleine Schwester schlafen schon. An der Wand kann Laura ihre Handabdrücke sehen in Blau, Rot und Weiß – ein Kinderspaß, ein Kinderzimmer. Zwanzig Sekunden lang läuft die Aufnahme. Über WhatsApp schickt Laura das Video dem Jungen, der sie darum gebeten hat. Dann löscht sie den Clip. Knapp zwei Wochen später kennt ihre Klasse das Video, einen Tag darauf die Parallelklasse, schließlich die ganze Schule einer norddeutschen Großstadt.

Ein paar Monate danach hockt Laura auf dem roten Sofa der Familie, die Schwester wurde hinausgeschickt. Sie ist elf und weiß nichts von dem Video, sie ahnt nur etwas. Die Mutter und der Stiefvater sitzen neben Laura. Eine aufgeräumte Wohnung mit weißen Wänden und Laminatboden, im Regal steht der Brockhaus, ganz neu. Durch die Balkonfenster blickt man auf die Felder am Stadtrand. Laura hat glatte braune Haare, die ihr bis über die Schultern reichen. Ihre Augen hat sie mit schwarzem Kajal umrandet, die Wangen sind rund. Das Gesicht: nicht mehr Mädchen, noch nicht Frau. Laura sitzt auf ihren Händen. Ihren richtigen Namen will sie auf keinen Fall in der Zeitung lesen, auch nicht den ihrer Eltern, der Schule oder der Stadt, in der sie lebt. Zu peinlich ist ihr das Thema. Laura kämpft um ihren Ruf.

Den Jungen, dem sie das Video schickte, hat sie ein paarmal auf Skype und Facebook getroffen, leibhaftig hat sie ihn bis heute nicht gesehen. Er wohnt in einem anderen Bundesland. Er war der Kumpel von Leo, mit dem Laura damals eigentlich zusammen war. Eines Tages in jenem Mai fragte der Kumpel sie über WhatsApp: "Soll ich dir mal was zeigen?" – "Ja, klar!", antwortete Laura. Er schickte ein Video. "Da war sein Ding drauf", sagt Laura. Sie kann nicht aussprechen, dass er sich selbst befriedigte. Sie nickt nur, wenn man sie danach fragt. Der Junge meinte, Laura könne auch mal so etwas schicken. Er würde es nicht weitergeben. Laura sagt, dass sie das irgendwie seltsam fand, aber auch spannend. Und: "Er war total nett." Also liegt sie eine Nacht später auf ihrem Bett. Ihre Mutter wirft ein: "Früher hieß es: Ich zeige dir meine Plattensammlung." Sie lacht kurz auf. Früher blieb das, was auf den Satz mit der Plattensammlung folgte, meist privat.

Lauras Mutter, 41, trägt ihre braunen Haare kurz geschnitten. Sie arbeitet in einem Konzern und ist dort für den Schutz der Kundendaten verantwortlich. Sie hat Laura erklärt, warum sie keine Bilder von sich ins Netz stellen sollte und dass sie auch auf Facebook keine Fotos ihres Neffen posten dürfe, ohne die Tante um Erlaubnis zu bitten. Die Mutter hat mit Laura über den Schutz der Privatsphäre geredet und ihr eine Prepaid-Karte fürs Handy gekauft, ohne Flatrate. "Sie muss nicht an der Bushaltestelle ins Internet."

Lauras Mutter und ihr Mann sind Facebook-Gegner, weil da nichts mehr privat ist. Sie blickt ihre Tochter von der Seite an, fragt: "Du liest doch vorher die AGBs durch, bevor du Software auf deinem Computer installierst?" Laura schaut irritiert. "Laura, das ist wichtig, oh Gott!" Die Mutter sagt: "Die Jüngeren haben eine andere Sichtweise auf die Sicherheit im Netz." Anscheinend kann man vieles richtig machen, und doch hilft es nichts.

Wie kann man Sexualität entdecken, wenn alle dabei zusehen?

Der Junge schickt Lauras Video an ihren damaligen Freund Leo. Leo geht in Lauras Parallelklasse, er verbreitet das Video an der Schule. Jeder schickt es jedem. Stille Post der Gegenwart.

"Ich wollte nie, dass jemand außer diesem Jungen was davon mitbekommt", sagt Laura heute.

Lauras Video wirkt in ihrer Klasse, in ihrer Schule, in ihrer Familie wie ein Erdbeben, es zieht Kreise. Seitdem bemüht sich Lauras Familie, zu verstehen, was ihr geschehen ist.

Wie verläuft eine Jugend, eine Pubertät in einer Zeit, in der fast nichts mehr intim bleibt, in der fast alles geteilt wird? Wie kann man Sexualität entdecken, wenn alle dabei zusehen? Wird eine Art digitaler Exhibitionismus gefördert durch die pausenlose Zurschaustellung von allem und jedem? Davor warnt der Berliner Philosoph Byung-Chul Han in seinem Buch Transparenzgesellschaft. Er schreibt, alle diskreten Rückzugsräume würden im Namen der Transparenz beseitigt. "Die Welt wird dadurch schamloser und nackter."

In der Transparenzgesellschaft ist alles nach außen gekehrt, enthüllt, entkleidet und exponiert. Jeder stellt sich selbst aus und bekommt dafür: Aufmerksamkeit. Die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem verwischen. Vielleicht sind sie gerade für Teenager kaum noch zu erkennen. Zygmunt Bauman, einer der bedeutendsten Soziologen der Gegenwart, schreibt: "Alles Private spielt sich heute potentiell in der Öffentlichkeit ab und ist damit potentiell für den Konsum durch diese verfügbar; und bleibt auch weiterhin verfügbar, bis zum Ende der Zeit."

Es bleibt die Frage, wie der Einzelne die Entblößung übersteht.

Lauras Video fällt unter den Begriff "Sexting", eine Wortkreation aus Sex und dem englischen texting, so heißen erotische SMS und Selbstaufnahmen, die per Handy verschickt werden. Viele Paare halten damit ihre Beziehungen spannend. Kriminell wird Sexting erst, wenn die Aufnahmen gegen den Willen der Protagonisten entstehen oder verbreitet werden. Wie im Fall der zwölfjährigen Amanda Todd aus Kanada, die 2009 ihren nackten Oberkörper einem Fremden vor einer Webcam präsentierte. Der Mann veröffentlichte den Film im Netz, und so gelangte er auch an Amandas Schule. Amanda wurde daraufhin furchtbar gemobbt. 2012 nahm sie sich das Leben. Im Mai dieses Jahres kam der erste große Schweizer Sexting-Fall vor Gericht. Ein Mann hatte von einem 15-jährigen Mädchen 700 Nacktfotos und 100 Videoaufnahmen erpresst und es zum Sex gezwungen. Er wurde zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. In Deutschland wandten sich im vergangenen Jahr fünf Schulleiter aus Cloppenburg mit einem Brandbrief an die Öffentlichkeit. Sie warnten die Eltern, dass immer häufiger Schüler, darunter 13-, 14-jährige Mädchen, Nacktbilder von sich übers Handy verschickten.

Sexting ist ein relativ junges Phänomen, es gibt bisher nur wenige Studien zum Thema. Nach einer jüngeren Umfrage des Bündnisses gegen Cybermobbing, eines Netzwerks aus Eltern, Pädagogen, Juristen und Medizinern, haben mehr als die Hälfte der Lehrer schon Fälle von Cybermobbing miterlebt. Jeder sechste Schüler wurde bereits einmal Opfer. In 15 Prozent dieser Fälle wurden dabei Fotos oder Filme "mit peinlichem oder unangenehmem Inhalt" veröffentlicht. Anscheinend ist es ein Phänomen, das in allen gesellschaftlichen Schichten vorkommt.