Dilma Rousseff wusste, was kommen würde. Grimmig starrte sie geradeaus. Für einen Moment während dieser WM-Eröffnung schwenkten die Kameras auf die Loge der Präsidentin, und Tausende Menschen buhten sie aus. Der Stadionsprecher verkündete: "Begrüßen Sie den Fifa-Präsidenten Joseph Blatter und die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff!" Blatter erhob sich artig von seinem Platz und wusste dann nicht, wohin mit den Händen. Rousseff blieb sitzen, sie gab genervte Handzeichen in Richtung ihrer Ehrengäste: Bleibt doch um Himmels willen sitzen!

In diesem Moment wurden ein paar Hundert Millionen Fernsehzuschauer in aller Welt Zeugen davon, dass dieser Präsidentin ihr Land entgleitet. Die Staatschefin, die da auf der Tribüne saß, wird womöglich über die Wahlen im Oktober stürzen. Das hat viel mit der WM zu tun, seit einem Jahr provozieren die teuren Spiele wütende Demonstrationen. "Wir brauchen Bildung und Krankenhäuser, Busse und Bahnen", steht auf den Protestplakaten.

Noch mehr aber hat es mit Dilma Rousseff selbst zu tun, ihrer Person und ihrer Geschichte.

Belo Horizonte, die "Stadt der schönen Horizonte", ist über Berg und Tal gebaut, ein Stachelteppich himmelwärts ragender Betonhochhäuser, die wenigen unbebauten Berge sind abgefressen von den Minenkonzernen der Region. Als Dilma Rousseff hier in den fünfziger Jahren ihre Kindheit verbrachte, hatte das rasante Wachstum längst begonnen. Die Schwerindustrie und die Bauwirtschaft brachten viel Geld in diese Stadt, und Dilmas Vater, Pedro Rousseff, bekam davon einiges ab.

Vater Rousseff war ein kommunistischer Aktivist, aus Bulgarien zugewandert, aber in Belo Horizonte führte er eher das Leben eines Salonlinken. Er wurde Unternehmer und Immobilieninvestor und zog mit seiner Familie in ein großes Haus mit drei Dienstboten. Im Wohnzimmer der Rousseffs gingen damals die linken Vordenker von Belo Horizonte ein und aus. Häufiges Gesprächsthema war die soziale Lage des Proletariats, ein anderes war der damalige Staatspräsident Juscelino Kubitschek, der das Land mit eindrucksvollen Infrastrukturprojekten überzog ("50 Jahre Fortschritt in fünf Jahren") und mitten im Hochland die Hauptstadt Brasília aus dem Nichts errichten ließ.

Palast der Hochebene wird Dilma Rousseffs Amtssitz genannt, ein Kubus aus Glas und Stahl, umspielt von hellgrauen Betonpfeilern und -streben. Seit drei Jahren brennt bei Dilma Rousseff dort oft noch spät abends das Licht in ihrem Arbeitszimmer, dann wirkt der Palast noch mehr wie ein Raumschiff von einem anderen Planeten.

In einem der seltenen Interviews, in denen sie persönlich wurde, hat Rousseff einmal gesagt: Die Kunst des Durchhaltens bestehe darin, stets an die nahe Zukunft zu denken, nichts als die kommende Etappe im Auge zu behalten; sich einzureden, danach könne man aufgeben.

Das hat das Leben sie gelehrt. Als Dilma Rousseff 14 Jahre alt war, starb ihr Vater. Wenig später putschte sich das Militär an die Macht, von 1964 bis 1985 regierte es das Land. Rousseff begann ihren politischen Kampf, der sie nach ganz weit links führte. Er richtete sich auch gegen den Zusammenbruch ihrer alten Welt. Sie schloss sich zunehmend radikalen Gruppen an, schließlich landete sie bei VAR Palmares, die Streiks organisierten, Entführungen planten, Anschläge verübten und Einbrüche begingen, um sich zu finanzieren. Sie waren Terroristen. Als das Militär Rousseff in São Paulo festnahm, trug sie eine Waffe bei sich. Ihr wurde vorgeworfen, am Transport und Verstecken von Waffen beteiligt gewesen zu sein und an der Planung eines Tresordiebstahls, bei dem ihre Gruppe 2,5 Millionen Dollar erbeutete.