Studenten der Muthesius Kunsthochschule Kiel entrollen ein Snowden Plakat © Carsten Rehder/dpa

Fünf Monate lang war an seiner Universität schon über Edward Snowden gestritten worden, als sich Hans-Jürgen von Wensierski endlich an seinen Schreibtisch begab und einen Brief aufsetzte: Dear Edward Snowden ...

Er schrieb dem Whistleblower, dass seine Fakultät ihn, Snowden, gerne zum Ehrendoktor ernennen würde. Ob er bereit wäre, die Auszeichnung anzunehmen? "It would be nice to do a skype with you", schrieb Wensierski.

Hans-Jürgen von Wensierski, Dekan der Philosophischen Fakultät an der Universität Rostock, hält Edward Snowden für den größten Aufklärer unserer Zeit, für einen Bürgerrechtler neuen Typs. Er will sich mit ihm solidarisieren, denn er sagt, gerade hier, in Ostdeutschland, müsse man sich Freiheitskämpfern doch besonders nahe fühlen.

Sympathien für Edward Snowden zu haben, das ist eigentlich nichts Außergewöhnliches. An Tausenden Briefkästen haben die Deutschen Aufkleber angebracht: "Ein Bett für Snowden" steht darauf, als Symbol dafür, dass man bereit wäre, dem Whistleblower Asyl zu gewähren. Studenten in Kiel haben am Gebäude ihrer Kunsthochschule ein zehn Meter hohes Snowden-Plakat aufgehängt und ein Bett davorgestellt. Eine Woge der Solidarisierung geht durch die Republik. Aber was der Rostocker Dekan nun plant, ist wirklich ungewöhnlich: Er will sich nicht nur als Privatmann für den Whistleblower stark machen. Er will, dass seine Uni dem Amerikaner ihren höchsten Ehrentitel verleiht, den Doktor honoris causa. Das wäre ein Novum. Noch keine Uni der Welt hat Snowdens Leistungen in dieser Weise gewürdigt.

Es wäre auch ein Novum, wenn es über solch eine Idee keinen Streit geben würde.

Und so ist in Rostock ein heftiger Streit entbrannt; darüber, ob man Snowden wirklich in dieser Weise ehren sollte. Ob man es darf. Oder ob man es nicht sogar tun muss. Man kann sagen, dass die Debatte wohl nirgendwo leidenschaftlicher geführt würde als hier, in der Ex-DDR.

Die einen sagen: Gerade wir Ostdeutschen haben die Pflicht, uns für einen wie Snowden zu engagieren.

Die anderen erwidern: Gerade hier, wo die Unis so lange Jahre politisch unfrei waren, sollten sie keine politisch motivierten Preise vergeben.

Um eine Kontroverse anzuzetteln, braucht es jemanden, der einen Tick zu groß denkt; der auf Ideen kommt, die manche ambitioniert und andere übermütig finden. In Rostock übernimmt diesen Part ebenjener Hans-Jürgen von Wensierski, der Dekan. Er ist Erziehungswissenschaftler und Jugendforscher, ein schmaler Mann, seine Haare stehen in alle Richtungen ab. Wensierski ist 59 Jahre alt, aber er hat jungenhafte Züge. Der gebürtige Dortmunder kam 1990 als junger Wissenschaftler in den Osten.

In Rostock hat Wensierski seine Kollegen im Fakultätsrat – dieses Gremium entscheidet über Ehrendoktor-Vergaben – mit der Snowden-Idee elektrisiert. Schnell fand sich eine Mehrheit.

Warum ist die Idee ausgerechnet in Rostock entstanden? Hans-Jürgen von Wensierski antwortet mit einer Gegenfrage: "Wissen Sie denn, in welchem Gebäude wir hier sitzen?" Dann erzählt er die Geschichte seines Fakultätsbaus. In diesem Haus war einst die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit untergebracht, es ist einer der tristesten Bürokomplexe der Stadt, ein Zehngeschosser aus Beton. Anfang der neunziger Jahre zog die Philosophische Fakultät ein, aber noch heute riecht es nach DDR-Muff. In Wensierskis Büro saßen einst Stasi-Offiziere. Das Gebäude ist quasi unsaniert, es wurden lediglich Fahrstühle eingebaut. "Ansonsten ist alles original", sagt Wensierski, "original Stasi." Im Backsteinhaus nebenan, dem früheren Stasi-Knast, lagern heute Diplomarbeiten. Hier, glaubt Wensierski, sei man zu besonderer Sensibilität verpflichtet. "Ich will die NSA wahrlich nicht mit der Stasi gleichsetzen", sagt er, "aber ich will meinen Teil dazu beitragen, mich gegen Massenüberwachung aufzulehnen."