Ende Juni 1934 "säubert" der deutsche Reichskanzler Adolf Hitler seine Partei im Stalin-Stil: Es geht gegen Parteirebellen wie Gregor Strasser, der Hitler 1932 die Führungsrolle streitig zu machen versuchte, und vor allem gegen die aufmüpfige SA und ihren Chef Ernst Röhm. Zwar plant der beileibe keinen "Putsch", wie Hitler behauptet, aber sein Schwadronieren von der zweiten, der sozialen Revolution verunsichert und verärgert die konservativen Bündnispartner der NSDAP und die Militärs – und die werden gebraucht.

Die Aktion zielt jedoch nicht allein auf den linken Parteiflügel: Wo man schon einmal beim Morden ist – an die 200 Menschen fallen der SS in der "Nacht der langen Messer" zum Opfer –, putzt man die ein oder andere konservative Ecke gleich mit aus. So setzt Hermann Göring auch Hitlers Vorgänger als Reichskanzler, General Kurt von Schleicher, samt seiner Ehefrau auf die Todesliste, ebenso den General Ferdinand von Bredow und Vizekanzler Franz von Papens frech gewordenen Redenschreiber Edgar Jung.

Auch einen wortmächtigen Katholikenführer befiehlt er zu ermorden: Erich Klausener, Ministerialdirektor im Reichsverkehrsministerium und Vorsitzender der Laienorganisation Katholische Aktion in Berlin-Brandenburg. Am 30. Juni wird er in seinem Dienstzimmer wortlos abgeknallt. Der Mörder, ein SS-Mann namens Kurt Gildisch, benutzt Klauseners Diensttelefon, um seinem Auftraggeber, Gestapo-Chef Reinhard Heydrich, Vollzug zu melden. Ein SS-Doppelposten vor der Tür lässt niemanden hinein, auch nicht den Hausherrn, Verkehrsminister Paul von Eltz-Rübenach. Klauseners Tod wird als Selbstmord ausgegeben. Eltz behauptet, diese Lüge zu glauben. Die Leiche wird gegen den Willen der Angehörigen rasch im Krematorium entsorgt.

Wer aber war jener Erich Klausener? Ein Widerstandskämpfer, wie auch heute noch oft zu lesen ist? Ein, wie die Nazis es darstellten, Hochverräter an der "deutschen Sache"?

Nichts hätte Klausener mehr erstaunt als dieser Vorwurf. Wie Millionen deutscher Patrioten setzte er große Hoffnungen auf die "nationale Wiedergeburt" unter Hitlers Regime. Ein Mann des Widerstands war er in den frühen dreißiger Jahren also gewiss nicht. Seine kämpferische christliche Wertorientierung aber hätte ihn auf Dauer womöglich in die offene Konfrontation mit dem Nationalsozialismus getrieben – nicht nur wegen des Versuchs der NSDAP, die Kirchen gleichzuschalten, sondern auch wegen der eskalierenden Menschenrechtsverletzungen. Bis zu seinem Tod fand er allenfalls zu partieller Opposition gegen das Regime, indem er etwa öffentlich dem Verbot katholischer Arbeitervereine und Presseorgane widersprach. Für Göring jedoch, der ihn schon aus seinem eigenen, dem preußischen Innenministerium gefeuert hatte, war Klausener trotz seiner loyalen Haltung den Nazis gegenüber ein Exponent des verhassten "politischen Katholizismus".

Er wetterte gegen Pornografie und lobte den "Eintopfsonntag"

1885 kam Klausener in Düsseldorf zur Welt. Er wuchs in einer streng katholischen Familie auf und schlug früh eine politische Karriere ein. 1906 erlangte er einen Posten als Regierungsassessor im preußischen Handelsministerium, im Ersten Weltkrieg erwarb er das Eiserne Kreuz Erster Klasse, 1917 wurde er Landrat im Kreis Adenau, 1919 im größten preußischen Landkreis Recklinghausen.

Sein soziales Engagement brachte ihm den Ruf eines "roten Landrats" ein – dabei unterstützte er im Frühjahr 1920 den Reichswehr-Einsatz gegen die kommunistische "Rote Ruhr-Armee" ebenso wie den Generalstreik gegen den reaktionären Kapp-Putsch kurz zuvor. Die belgischen Ruhr-Besatzer sperrten ihn 1923 wegen eines Protestschreibens für zwei Monate ein.

1924 stieg Klausener zum Ministerialdirektor auf, zunächst im preußischen Wohlfahrtsministerium, zwei Jahre später im Innenministerium. Hier wurde er Chef der 90.000 Mann starken preußischen Polizei. Die Zentrumspartei, Juniorpartner der "Weimarer Koalition" mit der SPD und der liberalen Deutschen Demokratischen Partei, hatte ihn empfohlen. Maßgeblich prägte Klausener das bis heute vorbildliche preußische Polizeiverwaltungsgesetz und setzte seine Beamten entschieden gegen braune wie rote Bürgerkriegstruppen ein.

Kampf gegen "Schmutz und Schund"

1928 übernahm er außerdem die Leitung der Katholischen Aktion in dem damals noch von Breslau abhängigen Fürstbischöflichen Delegaturbezirk für Brandenburg und Pommern, dem Vorläufer des 1930 gegründeten Bistums Berlin. Die Katholische Aktion war eine Dachorganisation, die zahlreiche katholische Vereine unter sich versammelte und deren Interessen vertrat. Nach dem Willen von Papst Pius XI. sollte sie ein "tätiges und kraftvolles Apostolat der Laien" verkörpern. Kurz vor dem Mord an Klausener beschrieb der Sicherheitsdienst der SS die Katholische Aktion in einem Geheimbericht als Gefahr: "Der gesamten Schulungsarbeit der NSDAP wird eine ebensolche katholische entgegengestellt." 112 katholische Organisationen mit nicht weniger als 150 periodischen Druckschriften seien in der "K. A." konzentriert.

Klausener wollte die Vereinzelung der Katholiken überwinden, ihr Selbstbewusstsein stärken, sie als Weltanschauungsgemeinschaft sichtbar machen. Dazu dienten die Märkischen Katholikentage, die Klausener zu Großveranstaltungen ausbaute. "Die Katholische Aktion ist ein Befehl an die einzelnen Katholiken", verkündete er 1928: "Wir gehen an die Arbeit in glühender Liebe zu unserer Mutter, der Kirche, in tiefstem Glauben an die Sieghaftigkeit der katholischen Idee."

Ein Herzensanliegen war ihm der Kampf gegen "Schmutz und Schund". Durch Runderlass wies er die Polizei an, gegen Reklame und Vergnügungslokale einzuschreiten, die "plumpe Spekulation auf sexuellen Sinnenreiz aus krassem Geschäftsinteresse erkennen" ließen. Klauseners Kampf galt auch der "Gottlosenpropaganda" von Kommunisten und Freidenkern. Gegen "Gotteslästerung" schaltete er den Staatsanwalt ein. Seinen Vorgesetzten, den SPD-Innenminister Carl Severin, forderte die Katholische Aktion öffentlich auf, den Kampf gegen die Unsittlichkeit schärfer zu führen. Das brachte Klausener in der Presse den Titel "Minister-Rüffler" ein. Selbst der katholischen Zentrumspartei entfremdete sich Klausener zunehmend, da sie in ihrer Kulturpolitik Rücksicht auf sozialdemokratische und liberale Koalitionspartner nehmen musste. In seinem Rigorismus zweifelte er sogar, ob er es noch vor seinem Gewissen verantworten könne, Zentrum zu wählen.