Die Eigentlich-aber-Diät diktiert unseren Speiseplan

Eigentlich wollen wir Obst und Gemüse essen. Im Grunde und erklärtermaßen würden wir ja gerne kochen, selbstverständlich mit frischen und natürlichen Zutaten. Wir träumen von Möhrchen, die der Bauer um die Ecke gerade aus seinem Acker gezogen hat, und von Fischen, die nach einem erfüllten Leben aus dem Teich geangelt wurden.

Das sagen wir Deutschen jedenfalls, wenn man uns fragt. Untersucht man aber unsere Realität, sieht es eher süß und fettig aus. Schnell wird ein Snack verschlungen, eine Packung mit Fertigessen aufgerissen. Schnitzelähnliche Tiefkühlscheiben landen im Toaster (doch, das gibt’s wirklich). Und das Suppengemüse kommt nicht vom Markt, sondern aus der Dose mit der Fertigsuppe. Ein solch seltsames Essverhalten könnte man Eigentlich-aber-Diät nennen.

Der Eigentlich-Teil ist gekennzeichnet von lauter guten Vorsätzen, wird geprägt von allerlei Sehnsüchten und lässt sich statistisch gut erfassen: Knapp 70 Prozent der Deutschen sind fest entschlossen, sich bewusst, abwechslungsreich und gesund zu ernähren. So reden wir in Umfragen. Qualität bedeutet für die meisten von uns schon lange nicht mehr nur, dass ein Lebensmittel schmeckt und sicher ist – sondern auch, dass es aus der Nähe kommt, frisch, naturbelassen und gesund ist.

Eine der fundiertesten Ernährungsstudien aus den vergangenen fünf Jahren stammt vom Institut für Demoskopie Allensbach. Das hatte 2011 und 2012 den Essensalltag der Deutschen umfassend untersucht, Auftraggeber war Nestlé. Ein Ergebnis musste für den Schweizer Lebensmittelkonzern wie Ironie klingen: Gerade einmal 17 Prozent der Befragten gaben an, der Industrie zu vertrauen.

Das Gefühl, das Essen stamme aus suspekten Quellen, dokumentiert auch eine andere Studie aus diesem Jahr: Satte 60 Prozent bezweifeln, dass wirklich in der Packung ist, was draufsteht. (Auch nicht unironisch: Diesmal war der Auftraggeber ausgerechnet das Zertifizier- und Prüf-Unternehmen SGS Fresenius.) Aus den Daten der Markt- und Sozialforscher gewinnen wir aber auch Erkenntnisse darüber, wie viele Kalorien und Nährstoffe wir tatsächlich zu uns nehmen und ob wir mehr von den guten oder von den bösen Fetten essen.

Die Studien gestatten uns einen Einblick in die privaten Essenswelten, von denen wir sonst höchstens kleine Ausschnitte wahrnehmen, meist im Umfeld der eigenen Freunde und Familie. Und da geht es nicht nur darum, was sich die Leute unter gutem Essen vorstellen. Sondern es wird auch deutlich, was im Alltag aus ihren Ansprüchen wird.

Erste Erkenntnis: Die anderen sind auch nicht alle Schrot-und-Quark-Streber. Das ist jetzt der Aber-Teil dieser Diät. So aufgeklärt und anspruchsvoll wir Deutschen sind, so schnell weichen wir im wirklichen Leben von unseren Idealen ab. Zum Beispiel essen wir – gemessen an den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung – notorisch zu wenig Obst und Gemüse. Seit 2005, das hat das Max-Rubner-Institut für Ernährungsverhalten herausgefunden, sank die Obstquote auch noch um 14 Prozent (während die Fettzufuhr stieg).

Und auch dieses Klischee stimmt: Insbesondere Männer vertilgen zu viel Fleisch. Dazu kommt, dass vier von zehn Deutschen einmal in der Woche oder häufiger Fertiggerichte essen, wie die Techniker Krankenkasse jüngst herausfand.

In der Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit gedeiht das schlechte Gewissen. "Ich ernähre mich zu einseitig", "Ich esse zu wenig Gemüse", "Ich würde öfter kochen, wenn ich die Zeit hätte" – dem stimmen vor allem Berufstätige zu. Offenbar leiden viele darunter, dass sie an ihren eigenen Ansprüchen scheitern.

Schuldgefühle verderben jedoch nicht nur die Laune. Ein schlechtes Gewissen macht uns auch anfällig für allerlei Kompensationsangebote. Die eigentlich lobenswerten Hinweise auf den Verpackungen – "100 Prozent natürliche Zutaten", "ohne künstliche Aromen und Geschmacksverstärker" – zielen letztlich auf unsere nagenden Skrupel.

Immer neue Auswege aus unserem falschen Leben findet die Lebensmittelindustrie: So suggeriert sie erfolgreich, dass auch natürliche Stoffe wie Laktose oder Gluten schädlich sind – nicht nur für die wenigen, die an einer echten Unverträglichkeit leiden, nein, für alle. In Supermärkten gibt es inzwischen komplette "frei von"-Zonen. Dabei bieten die teuren Produkte Gesunden keinerlei medizinischen Vorteil.

Mehr noch, mit vielfältigen Angeboten für alle vermeintlichen Ernährungssünder hat sich ein florierender Ablasshandel etabliert. Vitaminpillen-Hersteller machen uns weis, wir müssten selbst verschuldete Defizite mit künstlichen Nährstoffen ausgleichen, entsprechend dem Motto: nach dem Burger eine Multivitamintablette. Obwohl sich einige Nahrungsergänzungsmittel in Studien sogar als gesundheitsschädlich erwiesen haben, nimmt, statistisch gesehen, jeder vierte Deutsche solche Präparate. Nur die allerwenigsten brauchen sie auch.