Wollte sich ein Schriftsteller einen ökologischen Albtraum ausdenken, ungefähr so sähe er aus: Ein Bohrturm taucht auf und verschwindet wieder, irgendetwas wird in die Erde geleitet. Später riecht es nach Edding, na und?, denkt man noch, doch schon bebt die Erde, teilt Mutter die Gasmasken aus und liegt das Blümchengeschirr in Scherben. Und dann steigt diese Wolke auf wie eine Faust aus grauen Gasen, die in den schwarzen Bauch des Himmels boxt und an ihren sich blähenden Knöcheln orangerot glüht ...

Noch vor der Sommerpause will die Bundesregierung das Fracking gesetzlich regeln: die Erschließung sogenannter unkonventioneller Gasreserven mittels einer Lauge aus Wasser und Chemikalien, die unter hohem Druck viele Hundert Meter tief unter die Erde gepresst wird. Dort erzeugt sie im porösen Boden Spalten, durch die das im Erdreich eingeschlossene Gas zusammenströmt, um zur Oberfläche befördert zu werden.

Man muss über Vorzüge und Gefahren dieser Fördermethode nicht das Mindeste wissen, man muss nur Visionen auf sich wirken lassen wie die eingangs wiedergegebene Passage aus Jonathan Franzens gut zwanzig Jahre altem Roman Schweres Beben, um zu sehen, dass dies Verfahren in Deutschland keine Chance hat. In einem Land, in dem Strommasten zu Monstermasten mutieren, Windräder das Windturbinensyndrom hervorrufen und Handystrahlen Krebs auslösen, wird niemand es dulden, dass Unternehmen Chemikalien in den Boden leiten, wo sie weiß Gott was anrichten können. Nicht, solange ich Ministerpräsidentin bin, hat Hannelore Kraft schon einmal angekündigt, die sozialdemokratische Regierungschefin in Düsseldorf. Das ist insofern eine starke Ansage, als ihr Bundesland die aussichtsreichsten Gasvorkommen besitzt und zum größten Teil bereits aufgeteilt ist zwischen Unternehmen, die sich das Recht zu Erkundungsbohrungen gesichert haben.

Probebohrungen, um Risiken zu prüfen? Das Ökolager sagt Nein

Aus deutscher Sicht ist Fracking eine spezielle Form von US-amerikanischem Wahnsinn, ähnlich wie Schusswaffenkult und Irakkrieg. Aus amerikanischer Sicht dagegen ist der Verzicht auf Fracking eine spezielle Form des europäischen Wahnsinns. Die USA haben sich dank dieser Technik binnen weniger Jahre aus der Abhängigkeit von arabischem Öl befreit, sie sind zum größten Gasexporteur aufgestiegen und werden bald auch der größte Ölexporteur sein. Sie ersetzen im großen Stil Kohle durch klimafreundlicheres Erdgas und verringern ihren Ausstoß an Treibhausgasen drastisch – was Deutschland trotz aller Wind- und Solaranlagen nicht gelingt. In Europa, schreibt der amerikanische Fracking-Unternehmer Robert A. Hefner III in der Zeitschrift Foreign Affairs, sei "eine hyperaktive grüne Bewegung entschlossen, die Entwicklung der Schiefergas-Industrie zu blockieren".

Wir haben es geschafft, ihr werdet es nie schaffen, das ist die amerikanische Sicht der Dinge.

Richtig daran ist, dass amerikanische Verhältnisse in Europa ausgeschlossen sind. Hier will niemand binnen weniger Jahre Hunderttausende von Bohrlöchern in den Boden treiben. Es geht allein darum, ob unter strengen Umweltauflagen außerhalb von Wasserschutzgebieten erste Probebohrungen gestattet werden, um Umweltrisiken und mögliche Erträge besser einschätzen zu können – das will die Bundesregierung. Oder ob man das Fracking komplett und für alle Zeiten verbietet – das verlangt das Ökolager.

Sollte man nicht vor einer Entscheidung Chancen und Risiken abwägen? Die Risiken sind schwer zu erfassen, noch schwerer zu beziffern, weil sich die Technik schnell entwickelt. Waren die ersten Fracking-Cocktails noch giftige Mischungen, so konnten Bohr-Unternehmer bald schon vor laufenden Kameras ein Schlückchen der Flüssigkeit probieren. Vor zwei Jahren warnte ein Vertreter von ExxonMobil immerhin noch davor, mehrere Gläser auf einmal zu trinken. Womöglich schmeckt das Zeug demnächst sogar ganz gut und senkt den Blutdruck – was dann?

Umweltpolitik wird mit Studien gemacht

Die Fracking-Gegner begegnen solchen Einwänden mit der Behauptung, es gebe da mangels Chancen nichts abzuwägen. "Die Gefährdung durch Fracking ist völlig unnötig. Ein konsequenter Umstieg auf regenerative Energiequellen führt zu einer sicheren und umweltfreundlichen Energieversorgung", heißt es in einem Schreiben, mit dem der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz gegen eine Umweltverträglichkeitsprüfung für Fracking in den benachbarten Niederlanden protestiert.

Es gibt nichts zu gewinnen, aber womöglich viel zu verlieren – die am weitesten ausgearbeitete Variante dieses Arguments findet sich in einer Stellungnahme des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU), der die Bundesregierung berät. Auf den ersten Blick ist das eine überraschende These. Selbst wenn es das Problem der Abhängigkeit von russischem Erdgas nicht gäbe: Wer die Entwicklung der deutschen Energiewende verfolgt, der weiß, dass die Kosten für Erdgas gegenwärtig schon ein großes Problem sind. Die Kombination aus Ökostrom und relativ klimafreundlichem Strom aus Gaskraftwerken in wind- und sonnenarmen Zeiten, von der das Ökolager immer träumte, hat sich als marktuntauglich erwiesen. Gas ist, verglichen mit Kohle, einfach zu teuer.

In den USA hat Fracking den Gaspreis binnen weniger Jahre halbiert. Warum also verspricht sich der Sachverständigenrat nichts von billigem Erdgas aus heimischer Förderung?

Umweltpolitik wird in Deutschland vor allem mit Studien gemacht. Man muss sich in die Welt dieser Gutachten und Gegengutachten begeben, um zu verstehen, wie der SRU zu seinem Urteil kommt. Die Regierungsberater berufen sich vor allem auf eine Untersuchung, die sogenannte Leitstudie des Bundesumweltministeriums, verfasst von dem Stuttgarter Energiefachmann Joachim Nitsch. Die Leitstudie wurde lange Zeit jährlich neu aufgelegt; sie beschreibt einen möglichen Weg in eine grüne Zukunft ohne Kohle, Öl und Atomkraft. Eines allerdings ist die Leitstudie nicht: eine Prognose. Wer Nitsch die optimistischen Annahmen vorhält, auf die er sich stützt – sinkender Stromverbrauch, exorbitante Preise im Emissionshandel, Kohlekraftwerke, die kaum noch laufen oder gleich ganz abgeschaltet werden –, dem entgegnet er, dass all das eben Annahmen seien, deren Konsequenzen er erforsche. Mehr nicht.

Nitsch wäre der Letzte, zu bestreiten, dass sich die Wirklichkeit von der heilen Welt der Leitstudien inzwischen weit entfernt hat. "Katastrophal" findet er die deutsche Entwicklung, umso mehr, als ihm auch keine Lösung einfällt: Gas müsste Kohle ersetzen, aber das Gegenteil geschieht, und die Politik kann wenig oder nichts dagegen tun.

Frage an Christian Hey vom Sachverständigenrat für Umweltfragen: Hat der SRU die Visionen in der Leitstudie des Umweltministeriums womöglich mit Tatsachen verwechselt – hängt man also einer Illusion an? Nein, sagt Hey, dass Deutschland sich anders entwickle als beschrieben, sei dem SRU bewusst. Man gehe aber weiter davon aus, dass das Klimaziel der letzten Bundesregierung – 80 Prozent weniger Treibhausgase bis 2050 – erreicht werde.

Dazu allerdings müsste der Umbau der Stromversorgung in jeder Hinsicht gelingen.

Mit anderen Worten: Die Elite der deutschen Umweltsachverständigen unterstellt, dass die Energiewende auch ohne Fracking gelingen werde – und begründet, gestützt auf diese Annahme, dass Deutschland auf billiges Gas aus unkonventioneller Förderung gut verzichten könne. Der SRU setzt voraus, was er beweisen will. Ein klassischer Fehlschluss.

Förderkosten fallen rasant

Ein weiteres Argument der Sachverständigen hält einer Prüfung nicht stand: Angeblich gibt es in Deutschland zu wenig Schiefergas, um auf dem Gasmarkt nennenswerte Effekte zu erzielen. Die beste Quelle in dieser Frage ist die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. Sie schätzt, dass allein in gut erschließbaren Lagerstätten in Deutschland zwischen 6,7 und 22,7 Billionen Kubikmeter Schiefergas liegen. Das würde, gemessen am gegenwärtigen Verbrauch, für mindestens 80 Jahre und womöglich sogar für mehrere Jahrhunderte reichen.

Schiefergas gibt es reichlich. Aber wie viel davon kann gefördert werden?

Zu seiner skeptischen Einschätzung gelangt der SRU, indem er unterstellt, nur zehn Prozent dieses Gases könnten tatsächlich gefördert werden. Auch diese Annahme findet sich in der Untersuchung der Experten aus Hannover, allerdings mit einer Erläuterung: Man habe sich um eine konservative Schätzung bemüht und darum den schlechtesten Wert übernommen, der sich in der Vergangenheit bei der Förderung amerikanischer Gasvorkommen gezeigt habe. Nun ist die Frage, welche Rohstoffe förderbar sind, vor allem eine Frage der Kosten – und die fallen rasant. Jahr für Jahr senken die Amerikaner ihre Förderkosten um ein Viertel, das entspricht einer Ersparnis von fast 95 Prozent in zehn Jahren. In zehn Jahren, grob geschätzt, könnte eine deutsche Fracking-Industrie darangehen, die ersten hiesigen Gasvorkommen kommerziell zu erschließen. Wer die förderbare Menge zu diesem Zeitpunkt am Stand der Technik von 2012 misst, der dürfte sie erheblich unterschätzen.

Das also ist die Lage: Das Land hat eine Energiewende beschlossen, die, kaum begonnen, schon in einer Sackgasse steckt, weil der fest eingeplante Energieträger Gas mit der neuen Kombination aus Kohle und Solarstrom nicht konkurrieren kann. Und was sagen die Sachverständigen vom SRU angesichts der Chance, kostengünstig und möglicherweise auch umweltfreundlich eigenes Erdgas zu fördern? Sie sagen: Interessiert uns nicht. "Die zentrale Schlussfolgerung der bisherigen Analyse ist, dass deutsches Schiefergas keinen wesentlichen Nutzen für die Energiewende wird leisten können und insofern der Förderung dieses Energieträgers auch kein übergeordnetes gesellschaftliches Interesse zuzuschreiben ist."