Bis Montagabend, bis zum Spiel der Deutschen, schien dieses WM-Turnier bereits einen ersten Sieger zu haben: Der geniale Solist, der charismatische Solokünstler machte ganz offensichtlich den Unterschied. Und das war durchaus eine Überraschung, denn bis zum WM-Start sah es nicht danach aus, insbesondere nicht bei den edelsten Vertretern jener raren Spezies.

Neymar? Finstere Miene, durchwachsene Ligasaison, gebeugt unter der Last der Erwartung. Brasilien, seine Mannschaft, ach was: Das ganze Land mitsamt seinem fragilen sozialen Frieden hing an den Ideen und den Toren des 22-jährigen Neymar da Silva Santos Júnior, Künstlername: Neymar. Und der? Nimmt sich den Ball, läuft und läuft und versenkt ihn im Tor: sein erstes im ersten Spiel dieser WM gegen Kroatien, danach hat er noch einen Treffer erzielt, per Elfmeter – geschenkt!

Messi? Finstere Miene, durchwachsene Ligasaison, gebeugt unter der Last der Erwartung: Argentinien, seine Mannschaft, ach was: Das ganze Land mitsamt seiner melancholischen Fußballleidenschaft hing bei der WM auf dem eigenen Kontinent an den Toren des 26-jährigen Lionel Messi. Und der? Nimmt sich den Ball, läuft und läuft und versenkt ihn im Tor: sein erstes im ersten Spiel seiner Mannschaft. Zuvor war bereits ein Freistoß von ihm vom Gegner aus Bosnien-Herzegowina ins eigene Tor abgelenkt worden – geschenkt.

Und hatten nicht auch die Niederländer durch veritable Explosionen ihrer Solostürmer van Persie und Robben den amtierenden Weltmeister Spanien, die hoch dekorierten (Welt- und Europa-)Meister des hierarchiefreien Kombinationsfußballs, mit 5 : 1 geschlagen?

Das alles wird gewiss auch Joachim Löw nicht entgangen sein, wirklich beschäftigt hat es ihn sicherlich nicht. Warum auch? Hatte der Bundestrainer als Hohepriester des Kollektivspiels, um nicht doch noch in Versuchung zu geraten, vorsorglich erst gar keinen "vollumfänglich" fitten Vertreter dieses Stürmergenres in seinem Kader berücksichtigt. Stattdessen beharrte er auf einer Gleichung der eigenen Art, auf einer Art badischen Algorithmus: Vier (falsche) Neuner sing gleich: eine (richtige) Neun. Also bot Löw im Auftaktspiel gegen Portugal mit Mario Götze, Toni Kroos, Thomas Müller und Mesut Özil vier Spieler seiner präferierten Bauart auf: wendig in Kopf und Körper, flexibel einsetzbar – und, bei Bedarf, extrem torgefährlich.

Das kurzfristige Ergebnis dieser Gleichung, nach den 90 Minuten gegen Portugal: Deutschland ist mit 4 : 0 Toren Tabellenführer der Gruppe G. Und Thomas Müller, zugegeben noch der richtigste unter den falschen Neunern, hatte als Erster drei Treffer in einer Partie erzielt.

Das mittelfristige Ergebnis der Gleichung: Diese WM hat ihr großes Duell der Systeme. Nachdem die glänzenden Solisten vorgelegt hatten, Neymar, Messi, Robben, van Persie und Co. stilbildend enteilt waren, ist nun durch Götze, Özil, Kroos, Müller und Co. die Ehre des Kollektivs, die Würde des Ballbesitzfußballs wiederhergestellt.

Und Löws badischer Algorithmus? Für Mathematiker: eine Herausforderung. Für Fußballästheten: eine Offenbarung. Und für den Fortgang der Fußballweltmeisterschaft: ein Segen.

Ein Porträt über Philipp Lahm und einen Text über Jürgen Klinsmann als US-Coach lesen Sie in der ZEIT-App für iPad, iPhone und Android-Tablet, sowie im PDF der ZEIT und in der gedruckten Ausgabe.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version stand im Text, dass der Elfmeter von Neymar im Eröffnungsspiel sein erster Treffer bei der WM war. Wir haben das geändert.