DIE ZEIT: Herr Paul, unser Leben, heißt es oft, werde immer schneller und unübersichtlicher. Wird es auch immer lauter?

Gerhard Paul: Wir wissen, dass Menschen heute sensibler als früher auf Lärm reagieren und daher die Städte als lauter empfinden. Ob sie aber lauter sind? Ich wohne in einer Straße mit Kopfsteinpflaster. Um 1900 gab es noch keine Gummibereifung, da sind die Pferdewagen mit Eisenreifen drüber weggedonnert. Jedes Auto ist leiser!

ZEIT: Wie hat man den Lärm damals empfunden?

Paul: Straßen- und Industrielärm ist anfangs positiv konnotiert gewesen. Das änderte sich nach und nach. Theodor Lessing, ein Philosoph aus Hannover, proklamierte 1908 sehr polemisch ein Recht auf Stille.

ZEIT: Woran lag es, dass immer mehr Leute wie Lessing den Lärm bekämpften?

Paul: Das sind Musiker und Schriftsteller gewesen, die ihrer Arbeit bei Lärm nur schwer nachgehen konnten. Und: Zuvor waren nur ein paar Ecken einer Stadt vom Lärm betroffen gewesen, mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Lärm aber eine Flächenerscheinung.

ZEIT: Sie haben den Sammelband Sound des Jahrhunderts mitherausgegeben. Zu welchem Zweck wird solche Klangforschung betrieben?

Paul: Soundgeschichte, die das Feld von Tönen, Stimmen, Klängen und Geräuschen rekonstruiert, gibt es in Deutschland erst seit wenigen Jahren. Es liegen wenige Ergebnisse vor. Interessant sind aber die neuen Fragen, die dabei an die Geschichtswissenschaft gestellt werden.

ZEIT: Welche Fragen sind das?

Paul: Zum Beispiel Fragen nach der Bedeutung des Lärms im Folterprozess. Man weiß ja, dass in Guantánamo Häftlinge mit dem Sesamstraßen-Lied traktiert wurden. Aber auch Fragen nach den modernen Kriegen, in denen zunehmend Lärmwaffen eingesetzt werden. Oder nach der Bedeutung von Sound für die Politik. Diktatorische Regime etwa versuchten immer, Klanglandschaften zu regulieren, Menschen abzuhören, unerwünschte Stimmen zu unterdrücken. Das ist bislang kaum thematisiert worden.

ZEIT: Vielleicht zu Recht, weil akustisches Material von nachgeordneter Bedeutung ist?

Paul: Ganz bestimmt nicht! Nehmen wir die Erfindung des Lautsprechers. Diese Technik ist Anfang der zwanziger Jahre in den USA entwickelt und bei Großkundgebungen eingesetzt worden. Mitte der Zwanziger kommt sie nach Deutschland. Die katholische Kirche nutzt sie im Kölner Dom, um die Predigten des Erzbischofs auf die Domplatte zu übertragen. Recht früh, 1928, wird sie von den Nationalsozialisten adaptiert. Das Interessante ist: Erst als es möglich war, eine Stimme gleichmäßig zu übertragen, waren auch gleichmäßige Reaktionen beim Publikum möglich. Erst mit dem Lautsprecher formierte sich das Publikum als Masse. Die nationalsozialistische "Volksgemeinschaft" ist ohne diese Technik gar nicht denkbar.

Denken Sie an Kennedy oder Martin Luther King: Es war auch der Klang ihrer Stimmen, der das Herz der Zuhörer erreichte.
Gerhard Paul, Historiker

ZEIT: Warum hat die Geschichtswissenschaft einen solchen Zusammenhang übersehen?

Paul: Weil sie vorrangig eine Textwissenschaft ist und davon ausging, dass allein Texte Botschaften transportieren. Tatsächlich tun das Stimmen. Denken Sie an Kennedy oder Martin Luther King: Es war auch der Klang ihrer Stimmen, der das Herz der Zuhörer erreichte.

ZEIT: Nun braucht man ja Quellen, um Geschichtswissenschaft treiben zu können.

Paul: Primär geht es der Soundgeschichte um das audiovisuelle Zeitalter, das mit den technischen Errungenschaften wie dem Phonographen beginnt. Für diesen Zeitraum, von 1880 bis heute, verfügen wir über eine Fülle von Aufzeichnungen, die in Klangarchiven lagern. Auf Wachszylindern, auf Schallplatten, auf Magnetbändern. Da hört man das Hochfahren des ersten DDR-Computers. Oder die Stimmen der Radiosprecher der fünfziger Jahre, die viel weniger gehetzt klangen als heute.

ZEIT: Was ist mit der Zeit davor?

Paul: Über den Sound der frühen Neuzeit und des 18. und 19. Jahrhunderts entstehen gerade erste Arbeiten. Die greifen auf Quellen der Literatur und Malerei zurück.

Wie klangen Bismarck und die Indianer?

ZEIT: Wie geben Bilder Auskunft über Klang?

Paul: Ganz unterschiedlich. Hieronymus Bosch hat Musikinstrumente als Folterinstrumente dargestellt. Die italienischen Futuristen haben versucht, den Lärm der Großstadt und des Kriegs einzufangen. Dafür entwickelten sie neue Bildkompositionen mit grafische Elementen und Ideogrammen.

ZEIT: Was beinhalten die ersten akustischen Quellen in Deutschland?

Paul: Die Stimme von Bismarck. Da hören Sie viel Rauschen. Und ein Kindergedicht, das er zitiert. Richtig los geht es ab 1900, Wilhelm II. sprach 1904 seine erste Tonaufnahme. Er wollte erkunden, welche Möglichkeiten die Technik seiner politischen Propaganda bieten könnte.

ZEIT: Wer hat die Technik noch genutzt?

Paul: Die Musikindustrie. Mit der Verwendung von Schellack ab 1896 begann der Weg in die Kommerzialisierung, mit dem Tenor Enrico Caruso fand diese Entwicklung ihren ersten Star. In diese Zeit fallen auch die Arbeiten von Ethnologen. Die haben vom Aussterben bedrohte Klänge, Stimmen und Gesänge aufgezeichnet. Auf Fotos sieht man, wie nordamerikanische Indianerhäuptlinge vor dem Trichter eines Phonographen Kampfgesänge anstimmen.