Wer sind die islamistischen Kämpfer, die in der vergangenen Woche Mossul überrannten und nun sogar Bagdad bedrohen, die Hauptstadt des Irak? Nur Stunden nach ihrem Einzug in Mossul stehen Hunderte von ihnen auf den Ladeflächen erbeuteter Militärlastwagen, recken die Faust in die Höhe, führen ihre Waffen vor, von der Pistole bis zur Panzerfaust. Diese Siegesparade ist in mehreren Handyvideos dokumentiert. Sie zeigen Kämpfer, die orange Adidas-Trainingsanzüge oder Jeans und Sonnenbrille tragen, aber auch solche in traditionellen arabischen Gewändern. Viele sind vermummt, die meisten dürften zwischen 17 und 35 Jahre alt sein, es sind Iraker dabei, aber auch Golfaraber und Nordafrikaner. Sie alle sind enthusiasmiert, vereint in der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis); vereint in gemeinsamen Parolen: "Der Islamische Staat?", fragt singend eine Gruppe. "Er bleibt!", antwortet donnernd die zweite.

Danach sieht es im Moment tatsächlich aus. Mossul lebt jetzt nach den Regeln von Isis: Keine Versammlungen, kein Tabak, auf Diebstahl steht Handabhacken. Zugleich geben sich die sunnitischen Isis-Kämpfer als demütige Befreier. "Wehe euch, dass euch gefällt, was Allah euch erbeuten ließ an Flugzeugen, Panzern, Waffen", mahnte ihr Sprecher seine Männer per Rundschreiben. "Der Staat hat ohne Allah weder Macht noch Kraft!" Er schwor sie auch auf die nächsten Ziele ein: auf Bagdad. Und auf Kerbela, heilige Stadt der Schiiten: "Bindet eure Sprengstoffgürtel!" Die Isis-Offensive bringt den Irak an den Rand des Kollapses, mit unabsehbaren Folgen für die gesamte Region.

Über geschätzt 10 000 Kämpfer verfügt Isis im Irak – das ist viel für eine Terrororganisation, aber wenig, wenn man gegen eine Armee antritt und ganze Landstriche kontrollieren will. Trotzdem flüchten die irakischen Soldaten vor Isis. Denn der Ruf, der den Dschihadisten vorauseilt, ist schrecklich. Zu Recht. Mit Bomben auf Zivilisten, Enthauptungen und Kreuzigungen stellt Isis selbst Al-Kaida in den Schatten. Schiitische Muslime, die im Irak die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, gelten den Dschihadisten als "Plage Satans", die vernichtet werden muss. Auch Christen oder Jesiden haben in ihren Augen keine Rechte – und selbst Sunniten, die für die Regierung arbeiten, werden gnadenlos bekämpft.

Diesen Terror, den Isis punktuell schon seit Jahren angewendet hat, nutzen die Kämpfer nun als Kriegstaktik beim Versuch der Landnahme. Davon künden Berichte wie die über Massenexekutionen Hunderter Regierungssoldaten. Isis verfolgt ein Ziel: die stabile, unangreifbare Keimzelle für einen islamistischen Staat zu schaffen. Für die Isis-Kämpfer ist das eine heilsgeschichtliche Mission, denn am Ende soll das muslimische Kalifat auferstehen: Ein religiös legitimierter Führer soll – nach dem Vorbild der ersten vier Nachfolger des Propheten Mohammed – über alle Gläubigen herrschen, und eines Tages auch über die Ungläubigen. Das Kalifat gilt ihnen als einzig gottgefällige Ordnung, alle anderen Staatsformen lehnen sie ab. Die Demokratie, weil sie das Volk an Gottes Stelle zum Souverän macht. Den Nationalstaat, weil er die Muslime durch Grenzen voneinander trennt. Die islamische Monarchie, weil sie die prophetische Tradition missachte.

Für viele fromme Sunniten ist das Kalifat ein historisches Ideal; Isis aber will es hier und jetzt herbeibomben. Wer Isis begreifen will, muss verstehen, dass dies eine zentrale Triebfeder seiner Ideologie ist. Es geht im Kern weder um den Irak noch um Syrien – es geht darum, einen Anfang zu machen. Und die Gelegenheit dazu bietet sich aktuell im Zweistromland.

Diese Ideen sind eng verknüpft mit einem Mann, den auch die Eroberer von Mossul bei ihrer Parade priesen: Abu Mussab al-Sarkawi, der als "Schlächter von Bagdad" berühmt war und 2006 von US-Truppen im Irak getötet wurde. Vielleicht, predigte der Jordanier kurz vor seinem Tod, werde seine Generation das Kalifat noch erleben. Auf ihn geht die DNA von Isis zurück. Zwar strebt auch Al-Kaida das Kalifat an – betrachtet es aber viel mehr als ideellen Fluchtpunkt, nicht als Nahziel. "Wir haben keine Eile, Staaten zu gründen, die wir den Menschen aufzwingen, um dann jeden zum Dissidenten zu erklären, der etwas anderes will", ließ Al-Kaida noch im Februar verlauten. Es führt in die Irre, Isis als Ableger Al-Kaidas zu beschreiben. Richtiger ist: Isis ist eine Terrorgruppe, die sich aus taktischen Gründen zeitweise Al-Kaida unterstellte.

Ihre Ursprünge liegen im Jahr 2003, als Abu Mussab al-Sarkawi sich im Nordirak niederließ – noch vor der Invasion der USA, aber mit einer Vorahnung. Al-Sarkawi war da längst ein eingefleischter Dschihadist mit Führungsqualitäten, der schon Anschläge in mehreren Ländern geplant hatte. Von 1999 an hatte er in Afghanistan ein Terrorlager betrieben, in Absprache mit Al-Kaida, aber als unabhängige Kraft. Im Nordirak gründete er die Gruppe Al-Tauhid wa al-Dschihad ("Monotheismus und Kampf") und griff von Sommer 2003 an in den Irakkrieg ein, bereits damals mit äußerster Brutalität. Der erste Selbstmordanschlag, die erste Enthauptung, die ersten Angriffe auf schiitische Heiligtümer: All das ging auf sein Konto. Sein Ziel formulierte Al-Sarkawi 2004 in einem Brief an Bin Laden: Er wollte einen Bürgerkrieg entfesseln. Er wollte den Irak nicht befreien, er wollte von dort aus operieren, gegen Israel, gegen Jordanien, gegen den Westen; dafür musste der Irak brennen.

Im Oktober 2004 unterstellte er sich Al-Kaida, und zwar aus purem Kalkül: Er wollte Anteil an der Marke, um an Rekruten und das Geld privater Spender aus den Golfstaaten zu kommen. Für Al-Kaida war das ein guter Deal, denn nun war das Netzwerk mit einem Ableger in einem heißen Krieg vertreten. Aber die Differenzen wurden nie beigelegt, im Gegenteil. Die Al-Kaida-Führung maßregelte Al-Sarkawi immer wieder: Die Muslime verstünden nicht, dass er Schiiten, also andere Muslime töte. Al-Sarkawi ließ das kalt.