Jean-Paul Gaillard hält eine Kaffee-Kapsel seines neuen Unternehmens Ethical Coffee Company (ECC) in der Hand. © REUTERS / Denis Balibouse

Flughafen Genf, nur wenige Meter vom Terminal entfernt. Jean-Paul Gaillard hält mit seinem silbernen Audi A8 an einer Bushaltestelle, weil er auf die Schnelle keinen Parkplatz finden konnte, zumindest keinen in der Nähe. In seinen Augen ist diese Bushaltestelle jedenfalls eine praktische Lösung. Es ist das Ende eines längeren Interviews, Gaillard ist noch mitten im Erzählen, als er im Rückspiegel sieht, wie ein Bus angefahren kommt. Der Bus gibt Lichthupe, doch Gaillard macht keine Anstalten, sein Auto zu bewegen. Schließlich steigt der Busfahrer aus und läuft auf den Audi zu, Gaillard lässt die Fensterscheibe runter. "Sie dürfen hier nicht parken!", motzt der Busfahrer. Gaillard ignoriert ihn. Er fährt das Fenster noch ein paar Mal hoch und wieder runter, der Busfahrer wird immer lauter, Gaillard immer gelassener. Es ist ein Spiel. Sein Spiel. Jean-Paul Gaillard legt sich gern mit Menschen an. "Im Leben musst du kämpfen", sagt er. "Das ist so, das muss man aushalten."

Seinen bislang größten Kampf führt er gegen Nestlé, den Schweizer Nahrungsmittelriesen, der die Regale in den Supermärkten weltweit beherrscht. Gaillard kämpft gegen Nestlés Kaffeekapseltochter Nespresso, seit sechs Jahren schon. Nespresso, das sind die bunten Aluminiumkaffeekapseln, für die der Schauspieler George Clooney wirbt. Nespresso, das ist ein geschlossenes System – Maschinen, Boutiquen, Kapseln. Die Kapseln sollen dem Konzern angeblich Margen von 50 Prozent bringen.

Gaillard kämpft gegen seinen eigenen Erfolg. In den neunziger Jahren war der Marketing-Fachmann Chef von Nespresso und machte die Marke groß. Doch das wurde ihm irgendwann zu langweilig, nach zehn Jahren kündigte er bei Nestlé und beschloss, zu Nespressos größtem Konkurrenten aufzusteigen. Gaillard brach aus dem proprietären System aus, um es zu sabotieren: Er brachte eigene Kaffeekapseln auf den Markt, die in Nespresso-Maschinen passen, und schuf damit ein Konkurrenzprodukt, das optisch fast identisch, dafür aber um 35 Prozent günstiger ist – und biologisch abbaubar, sagt Gaillard.

Vergangene Woche hat er seinen jüngsten Sieg errungen: Das Pariser Handelsgericht entschied, dass Nespresso 540.000 Euro Schadensersatz an Gaillards Unternehmen zahlen muss, wegen Verunglimpfung. Nestlé hatte behauptet, Gaillards Kapseln würden nicht in Nespresso-Maschinen passen. Als Gaillard von dem Urteil erfuhr, saß er gerade in seinem Büro in Lausanne. 20 Minuten lang beschäftigte ihn der Sieg, dann arbeitete er weiter. Gefeiert hat er nicht. Die halbe Million ist dem Geschäftsmann egal. Generell sei ihm Geld egal, sagt Gaillard. Ihm gehe es um Gerechtigkeit. Gaillard mag große Wörter: Kampf, Gerechtigkeit, oft spricht er auch von Krieg. Er selbst gibt sich bescheiden: Das Urteil zeige, dass die Justiz funktioniere, sagt er. "Das ist wichtig, weil so auch kleinere Firmen innovativer sein können." Mit kleineren Firmen meint Gaillard seine eigene: die Ethical Coffee Company, kurz ECC.

Weil Gaillard der Reporterin das ECC-Werk in der Nähe von Genf zeigen will und seinen Geburts- und heutigen Wohnort Cully und weil er sich besser konzentrieren kann, wenn er nicht im Büro sitzen muss, findet das Interview hauptsächlich im Auto statt, auf der A 9, auf der Fahrt entlang dem Nordufer des Genfer Sees.

Ein Kilogramm Kapselkaffee kostet hochgerechnet bis zu 84 Euro

Seine müden Augen hat Gaillard, 57, hinter einer Sonnenbrille versteckt, Modell Flieger, dunkelgrün getönt. Die E-Zigarette, ein Geschenk seiner Frau, Geschmacksrichtung Mint, wandert regelmäßig zwischen Fingern und Lippen hin und her. Wenn Gaillard mal nicht spricht, inhaliert er den Dampf, sein Atem rasselt dabei wie der von Darth Vader. Mit 26 Jahren begann Gaillard für den Tabakkonzern Philip Morris zu arbeiten und blieb fünf Jahre, in dieser Zeit entwickelte er ein Marketingkonzept für Marlboro Classics und rauchte selbst drei Schachteln am Tag. Nun also die E-Zigarette. Das Produkt ist ihm sympathisch, weil es innovativ ist, von einem kleinen Unternehmen stammt und, das Wichtigste: weil es die mächtige Tabakindustrie herausfordert.

1988 wechselte Gaillard mit gerade einmal 31 Jahren zu Nestlé. "Fass Nespresso nicht an. Jeder, der das bisher gemacht hat, hat verloren", warnte man ihn. Das Kapselprojekt galt als Karrierebremse. Gaillard ließ sich nicht beirren und machte als Nespresso-Geschäftsführer aus den Plastikkapseln ein Luxusgut. Kaffee, den es nicht im Supermarkt, sondern in Boutiquen zu kaufen gab. Kaffee, von dem fünf bis sechs Gramm zwischen 0,35 und 0,42 Euro kosten – auf ein Kilogramm hochgerechnet, sind das 70 bis 84 Euro. "Kaffee hat Magie", sagt Gaillard, während er das Auto vor dem ECC-Werk parkt, diesmal auf einem Behindertenparkplatz. "Mit Lebensmitteln könnte ich kein Geld verdienen. Pilzsuppe oder so etwas, das ginge nicht."

Die Stufen in den ersten Stock fallen ihm schwer, im Besprechungsraum angekommen, ist Gaillard noch immer außer Atem. Eine Angestellte in Ringelpullover muss Kaffee zubereiten, mit den ECC-Kapseln und denen von Nespresso. In der Regel trinkt Gaillard fünf Tassen am Tag, die erste frühmorgens, noch bevor er die Gardinen im Wohnzimmer aufzieht. Jetzt nimmt er jeweils drei kleine Schlucke, für einen besseren Geschmack, und nachdem er einen Nespresso-Arabica und einen ECC-Arabica gekostet hat, in dieser Reihenfolge, sagt er: "Das ist so, als würde man einen Lastwagen mit einem Formel-1-Auto vergleichen." Die Stiftung Warentest kommt zu einem anderen Ergebnis: Gaillards Kaffee schmecke nach Getreide und sei wässriger, außerdem störe "ein Fremdgeschmack nach feuchter Pappe".