Philosophia theologiae ancilla est. Die Philosophie ist die Magd der Theologie – so hielt es die mittelalterliche Universität. Heute ist Theologie an den Universitäten schiere Gewohnheit, einfach eine der alten großen Fakultäten. Manchem scheint sie so lässlich, dass er sie ganz abschaffen möchte. So machte einst der Hamburger Senator für Hochschulbildung, Jörg Draeger, den Vorschlag, die Theologie der Hamburger Universität mit der in Kiel zusammenzulegen. Dann hätten Kiel oder Hamburg, das einst den wortgewaltigen Theologen Helmuth Thielecke vorzeigen konnte, keine Theologen mehr ausgebildet und viel Geld gespart. Der Aufschrei war groß, und die Theologie ist heute immer noch in Hamburg und auch in Kiel beheimatet.

Freilich handelt es sich hier um christliche Theologie, was sonst. Andere Theologien wie Buddhismus oder Hinduismus sind als unselbstständige Fächer oft in den Geisteswissenschaften untergebracht. Jüdische Theologie aber, wiewohl Vorgängerin der christlichen, wurde hierzulande lange Zeit gar nicht gelehrt, sie galt als unwissenschaftlich. So träumte anno 1830 der Student Abraham Geiger in Bonn: "Wenn doch einst ein jüdisches Seminar an einer Universität errichtet würde, wo Exegese, Homiletik und für jetzt noch Talmud und jüdische Geschichte in echt religiösem Geiste vorgetragen würden, es wäre die fruchtbarste und belehrendste Anstalt!" 1836 nannte er in einem Aufsatz "die Gründung einer jüdisch theologischen Facultät ein dringendes Bedürfnis unserer Zeit".

Endlich ist Geigers Wunsch in Erfüllung gegangen. Ausgerechnet an einer deutschen Universität wurde knapp 70 Jahre nach der Judenvernichtung der erste Studiengang für jüdische Theologie eröffnet. Im November 2013 war die offizielle Eröffnung in Potsdam, da hatten schon pünktlich zum Wintersemester knapp 50 Studenten am Institut für Jüdische Theologie, auch School of Jewish Theology genannt, unter dem Dach der Philosophischen Fakultät ihr Studium aufgenommen.

Jüdische Studien kann man seit 1965 an allerlei deutschen Universitäten belegen, seit 1979 auch an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg. Rabbinerseminare gibt es auch, zum einen seit 1999 das Abraham Geiger Kolleg in Potsdam, zum anderen zwei Jeschivot für die orthodoxe Glaubensrichtung und seit Neuestem auch das Zacharias Frankel College zur Ausbildung konservativer Rabbiner, ebenfalls in Potsdam. Mit der Gründung der School of Jewish Theology indes ist etwas bisher nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa Einmaliges gelungen: die Lehre jüdischer Theologie an einer staatlichen Hochschule. Damit ist die jüdische Theologie endlich auf Augenhöhe mit der christlichen und islamischen. Die Ironie: Dies wurde vor allem möglich, weil seit 2012 an deutschen Hochschulen islamische Theologie mit Berufungen für konfessionsgebundene Professoren eingeführt wurde. Da konnte man den Juden ihre Theologie schlecht verweigern.

Da das Land Brandenburg bisher keine Theologische Fakultät besaß, musste freilich der Landtag vor einem Jahr das Hochschulgesetz ändern, damit ebenjene bekenntnisgebundenen Berufungen möglich werden. Das sorgte hier und da für ein Aufstöhnen, obwohl konfessionsgebundene Berufungen für evangelische und katholische Theologen von jeher üblich sind. Abraham Geigers Träume müssen sich nun in der Realität bewähren. 47 Bachelorstudenten aus Polen, Russland, Israel, Ungarn, Argentinien, Uruguay und natürlich Deutschland haben mittlerweile das zweite Semester fast hinter sich gebracht, etwa die Hälfte von ihnen sind Frauen. Das Studium der Theologie hat die Module Jüdische Religionsphilosophie, Geistesgeschichte, Biblische Exegese, Talmud und Rabbinische Literatur, Musik, Liturgie, Religionspädagogik und Hebräisch. Von April 2014 an kann nach zwei Jahren ein Masterabschluss erworben werden. Das Studium steht als reines Theologiestudium auch nichtjüdischen Studenten offen.

Bis vor kurzem noch mussten deutsche Gemeinden ihre Rabbiner importieren

Englisch wird in Zukunft wohl die natürliche Wahl als Unterrichtssprache an der School of Jewish Theology sein. Schließlich sollen viele ausländische Professoren hier unterrichten, wenn die sechs neuen Lehrstühle erst einmal alle besetzt sind. Zudem werden hier Rabbiner und Kantoren nicht nur für deutsche Gemeinden ausgebildet. Deren Bedarf ist zwar seit dem Fall der Mauer enorm gewachsen, denn durch den Strom von Juden aus dem ehemaligen Ostblock, insbesondere Russland, hat sich ihre Zahl hierzulande fast verzehnfacht. Doch die Einsatzmöglichkeiten sind eher global, denn alle Absolventen erhalten nach ihrem Abschluss die Mitgliedschaft der liberalen Central Conference of American Rabbis oder der konservativen Rabbinical Assembly of America und damit die Voraussetzung für eine weltweite Platzierung.

Diese Entwicklung ist überraschend. Deutsche Gemeinden mussten bis zur Jahrtausendwende ihre Rabbiner aus aller Herren Länder importieren. Die sprachen meist schlecht Deutsch. Viele kamen aus den USA und Israel, einige aus England, wo vor allem die Liberalen am Leo Baeck College in London ausgebildet wurden. Zu ihnen gehört auch Rabbiner Walter Homolka, einer der Hauptinitiatoren des Instituts für Jüdische Theologie. Er hat bereits 1999 in Potsdam das Abraham Geiger Kolleg gegründet und fungiert als dessen Rektor. Außerdem kann er mit Fug und Recht als die treibende Kraft für die Realisierung akademischer rabbinischer Studien im Kontext von Universität und Gemeinden gelten.

Seine Vision, Rabbiner und Kantoren für Europa auszubilden, ist an der Universität Potsdam Wirklichkeit geworden. "Mit der School of Jewish Theology ist unter Ihrer Federführung entstanden, worauf wir alle seit beinahe zwei Jahrhunderten gewartet haben", schrieb Charlotte Knobloch, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, anerkennend. Nicht alle jüdischen Vertreter teilen diese Bewunderung für Homolkas Erfolge. Er ist ein liberaler Rabbiner und Konvertit dazu, da fremdelt mancher, der Zeiten verhaftet ist, da die deutschen Nachkriegsgemeinden eher östlich orthodox geprägt und überschaubar waren.