Der Gipfel der Hysterie war im Januar 1998 erreicht: Da versprach der Gouverneur des US-Bundesstaats Georgia, jedem neugeborenen Baby im Staat eine CD mit klassischer Musik zu schenken. Nicht weil die Musik so schön ist, sondern wegen des "Mozart-Effekts": Klassische Musik, so lautete eine damals kursierende These, mache Kinder intelligenter, kreativer und überhaupt geistig gesünder. Hirnforscher hätten das bewiesen.

Dass Musik das Leben bereichert, kann niemand bezweifeln. Wir werden mit einem Sinn für Musik geboren, und Kinder haben an einer kindgerechten musikalischen Früherziehung viel Spaß. Aber was ist mit den sogenannten Transfereffekten des Musikunterrichts auf andere Felder? Macht Musik wirklich schlauer? Hebt sie den IQ? Sollten ehrgeizige Eltern ihr Kind zum Klavierlehrer schicken, damit die Mathematiknoten besser werden oder der Sprössling schneller Chinesisch lernt? Tatsächlich ist diese Frage gar nicht so leicht zu beantworten – sie verweist vielmehr auf all die methodischen Probleme empirischer Psychologie.

Die seriösen Forscher, die sich mit der Wirkung von Musik auf das Gehirn beschäftigen, leiden noch immer unter den Nachbeben des "Mozart-Effekts". Alle drei Jahre lädt die italienische Mariani-Stiftung sie zu einer Konferenz ein, kürzlich trafen sie sich im französischen Dijon. Die Frage "Macht Musik schlauer?" möchte allerdings keiner eindeutig beantworten. Warnend steht allen das Los von Frances Rauscher und Gordon Shaw vor Augen.

Die beiden Forscher von der University of California in Irvine veröffentlichten 1993 im Topjournal Nature eine Studie, die inzwischen als Beispiel für grottenschlechte Wissenschaft gilt. Angeblich hatten sie nachgewiesen, dass Mozart-Musik kurzfristig die kognitiven Leistungen von Studenten verbessert: Probanden, die eine Klaviersonate von Mozart gehört hatten, erzielten danach in einem Test zur räumlichen Vorstellungsfähigkeit acht bis neun IQ-Punkte mehr als die Kontrollgruppe.

Was in den Schlagzeilen über den "Mozart-Effekt" unterging: Erstens war der Effekt nach einer Viertelstunde wieder verpufft. Zweitens konnten Forscher später zeigen, dass sich dasselbe Ergebnis mit jeder flotten Musik erreichen ließ. Noch kurioser: Es musste nicht einmal Musik sein. Es gab auch einen "Stephen-King-Effekt" – man musste nur das Gehirn mit etwas Anregendem (etwa einem King-Buch) in Schwung bringen, schon leistete es in einem anschließenden Test mehr.

Natürlich beeinflusst Musik das Gehirn. Die Frage ist nur: Wie?

Trotzdem verbreitete sich die Legende vom "Mozart-Effekt" wie ein Lauffeuer, ein Geschäftemacher ließ sich den Begriff schützen und vertrieb angeblich intelligenzfördernde CDs, das Bundesforschungsministerium veröffentlichte 2006 eine Broschüre mit dem Titel Macht Mozart schlau?.

Glenn Schellenberg gehörte damals zu den Forschern, die den "Mozart-Effekt" zerpflückten. Noch heute gibt der Psychologe aus Toronto grantelnd den Skeptiker, wenn wieder jemand die schlau machende Wirkung von Musik bewiesen haben will: "Wahrscheinlich hat ein Zwölfjähriger, der sechs Jahre Klavierunterricht hatte, einen ziemlich hohen IQ. Aber den hatte er schon vorher."

Grundsätzlich gibt es keinen Zweifel, dass Musik das Hirn beeinflusst. Schon 20 Minuten Instrumentalunterricht führen zu messbaren neuen Verknüpfungen zwischen dem Hörzentrum und dem motorischen Kortex, wie der Hannoveraner Musikwissenschaftler und Neurologe Eckart Altenmüller zeigte. Müsste es nicht mit dem Teufel zugehen, wenn das Gehirn die neuen "Nervenautobahnen" nicht auch für andere geistige Tätigkeiten nutzte? Die Frage ist allerdings, wie sich dies auswirkt.

Und damit ist man beim Dilemma der psychologischen Forschung angekommen, die momentan besonders in der Kritik steht. Bemängelt wird der laxe Umgang mit statistischen Methoden. Einige klassische Experimente lassen sich nicht reproduzieren. Menschliches Verhalten erweist sich als widersprüchlich und schwer fassbar. Deshalb ist es in der Psychologie ungleich schwerer als etwa in der Physik oder Chemie, eindeutige Ergebnisse zu gewinnen, die quantifizierbar und reproduzierbar sind.