Ein Mann fährt 2013 mit einem Boot auf einem Seitenarm des Amazonas. © dpa / Marcus Brandt

DIE ZEIT: Ecuador hat in diesen Tagen beschlossen, dass Erdölkonzerne im Amazonasparadies Yasuní bohren dürfen, in einem der letzten großen Bioreservate der Welt. Und Sie vertreten in einem 568-Seiten-Buch die Ansicht, dass wir von Lateinamerika Nachhaltigkeit lernen sollen?

Constantin von Barloewen: Ja, das ist höchst bedauerlich. Interessant ist aber, dass zuvor in Ecuador eine originelle Idee entstanden ist: Der Präsident Rafael Correa hatte 2007 der Welt angeboten, den Park zu verschonen, wenn die Weltgemeinschaft im Gegenzug in einen Entwicklungsfonds einzahle.

ZEIT: Die Idee hat nicht funktioniert.

Barloewen: Nein, es wurde bei Weitem nicht genug eingezahlt. Aber der Ansatz war neuartig und anerkennenswert, und er hätte vielleicht sogar Erfolg gehabt, wenn Correa nicht einen so unglaubwürdigen Ruf in der Welt hätte. Die Idee war in vielerlei Hinsicht lateinamerikanisch.

ZEIT: Was denn, die Welt um Geld bitten und damit drohen, andernfalls ihre grüne Lunge zu verseuchen?

Barloewen: Das finde ich unfair. In Bolivien, Ecuador und Peru, auch in Brasilien, wird heute viel und ernsthaft über die Nachhaltigkeit gesprochen. Das speist sich aus der ökologischen Zivilgesellschaft dieser Länder, wo virulente Proteste und politische Gegenbewegungen entstanden sind: gegen den Staudamm in Belo Monte in Brasilien, gegen Soja-Monokulturen in Argentinien, gegen den Goldbergbau in Peru ...

ZEIT: Das spricht für ein Problembewusstsein, aber sind das schon neue Ideen?

Barloewen: Es folgt doch eine Suche nach interessanten Lösungen daraus, und an vielen Orten Lateinamerikas sucht man heute in der eigenen Geschichte, der eigenen Kulturtradition. Lateinamerika hat sich lange als ein Labor für Experimente verstanden, und es gibt hier eine große utopische Tradition. Bolivien zum Beispiel hat 2013 ein Gesetz verabschiedet, das die "Pachamama", also die Mutter Erde schützen soll. Es ist eine ganz neue Art, Gesetze zu erlassen: Die Natur wird dabei mit eigenen Rechten ausgestattet, sie hat Grundrechte, und man versteht auch den Menschen als Teil der Natur, er hat ebenfalls Grundrechte. Viele stehen in Zusammenhang miteinander, etwa die Grundrechte auf Arten- und Kulturvielfalt, auf sauberes Wasser und saubere Luft. Hier wird der Zusammenhang zwischen der menschlichen Entwicklung und der Entwicklung der Natur erkannt. Übrigens auch der zwischen der Natur und dem Übernatürlichen, der Religion und dem Spirituellen, einer kosmischen Harmonie.

ZEIT: Das klingt sehr theoretisch.

Barloewen: Es geht aber um eine Kernfrage der Nachhaltigkeitsdebatte: einen Wechsel von einer Sichtweise, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht, zu einer Sichtweise, bei der die Natur im Mittelpunkt steht. Auch Ecuador hat 2008 eine Verfassung verabschiedet, bei der Umweltrechte aus den Menschenrechten resultieren. Das geht konkret bis hin zur Nahrungsmittelsicherheit, die wiederum den Bodenschutz und eine angemessene Wasserbewirtschaftung voraussetzt.

ZEIT: Bewirken solche Gesetze und Verfassungen etwas Praktisches?

Barloewen: Bolivien zum Beispiel wirbt für seine Ideen sehr intensiv bei den Vereinten Nationen. Konkret wird beispielsweise vorgeschlagen, im Agrarbereich "endogene Technologien" einzuführen, also Verfahren, die im Einklang mit der jeweiligen Kultur- und Religionsgeschichte stehen. Die Bauern sollen also nicht überall auf der Welt bedenkenlos die gleiche Technologie aus den Industriestaaten importieren.

ZEIT: Doch wer garantiert, dass diese traditionellen Verfahren wirklich umweltschonender sind?

Barloewen: Die Ansätze müssen sich in der Praxis bewähren, kein Zweifel. Aber unsere bisherige Form des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen "Fortschritts" hat ja selber ihre praktischen Grenzen erreicht. Sie ist nicht nachhaltig, sie hat im Gegenteil ein gewaltiges Zerstörungspotenzial entfaltet. Wir müssen uns also fragen, ob "Modernisierung" weiterhin in der sogenannten Verwestlichung bestehen sollte und im Wachstum des rein materiellen Wohlstands.

ZEIT: Sieht man das in Lateinamerika denn so viel anders? Diese Gesellschaften verwandeln sich doch zunehmend in Konsumgesellschaften.

Barloewen: Leider, aber viele Traditionen Lateinamerikas stehen dem entgegen. Welchen Entwicklungspfad wir wählen, das ist vor allen Dingen kulturell bedingt: Das metaphysische Erbe in Lateinamerika stand dort immer schon in einem Widerspruch zum empirischen, zweckorientierten Erbe Nordamerikas und eines Großteils der westlichen Welt. Wir brauchen eine Rückbesinnung auf und eine Neuentdeckung dieses Gedankenguts, weltweit.

ZEIT: In Ihrem Buch setzen Sie sich ausgiebig mit der spanischen Kolonialgeschichte auseinander.