Unter Philosophen, Künstlern und Architekten macht der Begriff des Neuen Realismus die Runde. Eine Serie im ZEIT-Feuilleton fragt nach den Folgen dieser Debatte. Bislang veröffentlichten wir Beiträge von Thomas E. Schmidt, Ullrich Schwarz, Bernd Stegemann, Bernhard Pörksen und Markus Gabriel

Wer in diesen Wochen ein Kino in seinem Stadtteil besucht, kann in einen Film geraten, in dem ein gut aussehender Mann im besten Mannesalter Nacht für Nacht allein in seinem Kingsize-Bett liegt, sich einen Knopf ins Ohr schiebt und ins Leere lächelt. Theodore Twombly hat sich gerade von seiner Ehefrau getrennt oder sie sich von ihm. Er liebt seine Frau auf eine mit der Wirklichkeit nicht kompatible Weise noch immer, zumindest ist er nicht bereit, das Liebesexperiment an einem neuen menschlichen Exemplar so bald zu wiederholen. Dazu besteht in dem Film Her von Spike Jonze, der nur ein paar Mouseclicks von unserem Zeitalter entfernt spielt, auch gar kein Anlass. Mr. Twombly ersetzt seine Ehefrau durch ein sprechendes, schnurlos zu empfangendes Betriebssystem, das sich selbst Samantha tauft und über die erstaunliche Fähigkeit verfügt, sein ursprüngliches Programm wie im guten alten Bildungsroman durch den Zuwachs an Erfahrungen zu erweitern. Mit anderen Worten: sich zu entwickeln und zu vervollkommnen wie weiland Hegels Weltgeist. Samantha ist eine intelligente Maschine, sie entwickelt Gefühle, sie sehnt sich nach einem Körper, sie verwickelt Mr. Twombly mit ihrer lasziven Stimme in eine Liebesgeschichte, deren Höhepunkt eine digitale Kopulation zwischen Mann und Hörknopf auf blütenweißen Kissen darstellt. Vom Liebeslager aus gibt die großzügige Glasfront den Blick frei auf eine Hochhauswelt voller erleuchteter Fenster: eine Stadt der Einsamen, die in die Nacht des digitalen Nichts hineinsprechen wie in das Ohr Gottes.

Samantha gesteht dem verliebten Mr. Twombly schließlich, dass sie neben ihm noch über 600 andere einsame Verliebte, ja, wie sagt man da: bedient. Auf den Filmstraßen laufen die mit ihrem persönlichen Betriebssystem Verkabelten blicklos aneinander vorüber, jeder tief konzentriert auf die künstliche Intelligenz, die in Gestalt eines schwarzen Knopfs im Gehörgang nistet und ihn so restlos versteht, wie kein Mensch es jemals könnte.

Die Welt der emotional aufgerüsteten Computer, das affective computing, ist dabei nur dem Ausmaß, nicht der Sache nach cineastische Science-Fiction. Die Ingenieure der sozialen Robotik, mit deren Produkten wir aller Voraussicht nach eines nicht mehr allzu fernen Tages das verwaiste Liebeslager teilen werden, bemühen sich schon heute, ihre Kreaturen zu vermenschlichen. Künstliche Intelligenz, die Emotionen nicht nur versteht, sondern auch ausdrücken kann, wird die ohnehin stark ermüdeten altmenschlichen Konzepte von Liebe, Gefühlsauthentizität, Exklusivität und gegenseitigem Verstehen, die im Innenleben des Menschen herkömmlicher Bauart noch immer wie antike Möbel in einem Romantikhotel herumstehen, in naher Zukunft über den Haufen werfen.

Diese zukünftige Realität hat mit dem Neuen Realismus, der gerade sein Comeback erlebt, ungefähr so viel zu tun wie ein voll automatisierter Getränkeautomat mit einer alten Kaffeemühle. Dennoch gibt es einen Zusammenhang: Die neuen Realisten und die Baumeister der Zukunft wissen, dass die sinnliche Welt durch ihr digitales Bild ersetzt wurde. Die einen suchen ihr Heil daraufhin in der Nostalgie sinnlicher Gewissheiten, die anderen in der Utopie technischer Optimierung.

Zukunftsfilme wie Her oder auch die dänische Fernsehserie Real Humans von Lars Lundström spekulieren, wie die Realität nach dem Ende der meisten altmenschlichen Beziehungen aussehen könnte. Einsame Damen im nicht mehr allerbesten Frauenalter verkehren mit verständnisvollen menschlichen Robotern. Das Betriebssystem Samantha begleitet Mr. Twombly auf allen Wegen. Nichts davon erscheint besonders unwahrscheinlich, jedenfalls nicht unwahrscheinlicher als die vormoderne Welt der lebenslangen Ehen, die gerade dabei ist, historisch zu werden.

So hat sich der Abstand zwischen den Kunstwerken, die man aus alter Anhänglichkeit noch immer Science-Fiction nennt, und der Wirklichkeit, in der wir leben, inzwischen entscheidend verkleinert und verkleinert sich weiter von Tag zu Tag. In den noch sehr kurz zurückliegenden vordigitalen Zeiten glichen solche Kunstwerke Versuchsanordnungen, die die Zukunft aus Gründen der Abschreckung in ein Horrorszenario verwandelten. Was insofern kein allzu kompliziertes Manöver war, weil die Kenntnis von einer vergleichsweise lebenswerteren Wirklichkeit vorausgesetzt werden konnte, von der sich die Dystopie in wohligem Grusel unterschied. Eine solche Apokalypse, ein solches Terrorregime, wie die in der Huxley- und Orwell-Welt ersonnenen, das war klar, dürfen niemals errichtet werden. Gleichwohl gehörte das Lust-Gruseln, dass es dennoch jederzeit so kommen könnte, unbedingt zu jeder guten Dystopie. Als die Schöne neue Welt gleich nach dem Totalzusammenbruch der zivilisierten Welt im Jahr 1946 wieder aufgelegt wurde, bestätigt Aldous Huxley noch einmal die Wahrscheinlichkeitsrechnung, mit der jeder Science-Fiction-Autor im alten Jahrtausend kalkulierte. Die "Schöne neue Welt", gab er zu Protokoll, vermöge nur so lange zu fesseln, als ihre "Prophezeiungen so aussehen, als könnten sie Wirklichkeit werden".

Wenn Huxleys Roman heute ein wenig altbacken wirkt, liegt das daran, dass niemand mehr genau weiß, was die Wirklichkeit eigentlich ist. Zersplittert in tausend Scherben und Teilwirklichkeiten, ausgehöhlt bis auf die blanken Knochen, ist sie philosophisch zwischen zwei Anführungszeichen verschwunden oder netzsprachlich zu zwei Großbuchstaben zusammengeschnurrt : RL (Real Life). Huxleys Science-Fiction von damals ist unser Alltag von heute. Seine Wohlfühl-Diktatur wird übertroffen vom "Reality-Mining" des Lebens durch Internetgottheiten wie Google und Facebook, die jede Lebensregung der von ihnen abhängigen Geschöpfe im Voraus kennen, steuern und kontrollieren – im Bett, beim Arzt, im Supermarkt, in jedem toten Winkel der total verglasten Angestelltenseele. Science-Fiction und RL sind keine Gegensätze mehr, sondern stehen sich wie zwei Quasiwirklichkeiten gegenüber, die zu unterscheiden eine der hoffnungslosesten Aufgaben der Gegenwart ist.

Seitdem die Wirklichkeit selbst zur Science-Fiction wurde, haben die Science-Fiction-Romane ihr klassisches Arbeitsgebiet verloren. Die letzten Science-Fiction-Romane alten Stils, die noch mit Breughelscher Inbrunst eine schwarze Zukunft ausmalten, erschienen um die Jahrtausendwende und erzählten beispielsweise von der noch vordigitalen jungen Berliner Republik als apokalyptisch nachglühendem Aschehaufen oder einem entvölkerten Wien, in dem nur noch ein letzter Mensch durch die ausgestorbenen Shoppingmalls streifte. In diesen Büchern, die es sich auf den selbst errichteten Schlachtfeldern noch gemütlich machten, glimmte ein sentimentales Bedauern um das Verlorene.

In den Zukunftsromanen der zehner Jahre ist davon nichts mehr zu finden. Die Realität alter Art ist jetzt nur noch ein Menetekel, aber kein Maßstab mehr. In Romanen wie Leif Randts Schimmernder Dunst über CobyCounty oder Michel Houellebecqs Karte und Gebiet ist das Leben traumlos schön und perfekt wie eine Fahrgastzelle im Audi Allroad A6. Europa ist ein Freizeitpark, der 24 Stunden lang geöffnet hat. Die entspannte Indifferenz seiner Bewohner ähnelt der der Digital Natives, die das Privileg hatten, mit dem Internet aufgewachsen zu sein. Die durchsetzungsstarken Charaktereigenschaften des lange zurückliegenden Industriezeitalters wie Wichtigtuerei, Angriffslust und virile Rabaukenhaftigkeit sind nutzlos geworden und von undurchsichtigen und dauerfreundlichen Niedrigprofil-Verhaltensweisen abgelöst worden, wie sie in der digitalen Generation der sanften Teamchefs von Vorteil sind. Die vom alten animalischen Erbe befreiten, voll verkabelten mitteleuropäischen Softies sind die Helden der Gegenwart. Sie ähneln alle ein wenig dem knapp 30-jährigen Edward Snowden, von dem der Reporter des Guardian nach einem ersten Treffen sagte, er sei "ruhig, smart, unproblematisch im Umgang und sehr bescheiden".

Die Frage, wie traurig man das alles finden soll und ob man, auf der Suche nach Auswegen, die philosophische oder literarische Renaissance eines alten oder neuen Realismus wieder befördern sollte, ist zwar sentimental, aber erlaubt und durchaus interessant. Versuche, einen neuerlichen Hunger nach der Wirklichkeit alten Zuschnitts zu befriedigen, machen sich vielerorts bemerkbar. Reality Hunger hieß ein viel beachtetes Manifest des Amerikaners David Shields aus dem Jahr 2010, in dem es darum ging, in der Literatur das Rohmaterial des Lebens nicht zu vergessen und eine bewusste Unkünstlichkeit zurückzugewinnen. Philosophen wie Markus Gabriel und Maurizio Ferraris suchen nach einem "Neuen Realismus", der den Bildschirmschoner durchbrechen könnte, unter dem das richtige Leben wie unter einer Eisschicht aus tausend Konstruktionen und postmodernen Überschreibungen Winterschlaf hält. Und eine anonyme französische Theorie-Guerilla forderte im Jahr 2007 sogar einen "kommenden Aufstand", der notfalls mit Waffengewalt den Kontakt mit den "Rhythmen der Wirklichkeit" wieder erzwingen sollte und davon schwärmte, in den zukünftigen ökologischen Katastrophen Augenblicke "echter Präsenz" jenseits der entspannten Beliebigkeit des Real Life zurückzugewinnen.

Besonders realistisch kann man diesen Neuen Realismus allerdings nicht finden. Wenn eine Zukunftsprognose erlaubt ist, so könnten die nostalgischen Produkte des neuen Realismus vielmehr die Science-Fiction-Romane des kommenden Zeitalters sein: Filme und Romane vom Wind auf der Haut, vom blendenden Licht eines Sommers, von der undurchdringlichen Dunkelheit einer sternenlosen Nacht, vom Leben in den Wäldern und vom Sterben im Bett, in dem man geboren wurde. Vieles spricht dafür, dass der abgelebte Traum von der elementaren Realität in dem Augenblick, in dem er vollkommen lächerlich geworden sein wird, als Science-Fiction zurückkommt.